III, q. 16 a. 9
Ob dieser Mensch, d.h. Christus, zu sein begann?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass dieser Mensch, d.h. Christus, zu sein begann. Denn Augustinus sagt (Tract. cv in Joan.), dass "ehe die Welt war, weder wir waren, noch der Mittler Gottes und der Menschen – der Mensch Jesus Christus." Aber was nicht immer war, hat begonnen zu sein. Also begann dieser Mensch, d.h. Christus, zu sein.
Einwand 2: Ferner begann Christus, Mensch zu sein. Aber Mensch zu sein heißt schlechthin zu sein. Also begann dieser Mensch schlechthin zu sein.
Einwand 3: Ferner impliziert "Mensch" ein Suppositum der menschlichen Natur. Aber Christus war nicht immer ein Suppositum der menschlichen Natur. Also begann dieser Mensch zu sein.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Hebr 13,8): "Jesus Christus gestern und heute: und derselbe in Ewigkeit."
Ich antworte darauf, dass wir nicht sagen dürfen, dass "dieser Mensch" – auf Christus zeigend – "begann zu sein", es sei denn, wir fügen etwas hinzu. Und dies aus einem zweifachen Grund. Erstens, denn dieser Satz ist schlechthin falsch nach dem Urteil des katholischen Glaubens, der bekräftigt, dass es in Christus ein Suppositum und eine Hypostase gibt, wie auch eine Person. Denn demgemäß ist, wenn wir sagen "dieser Mensch" und auf Christus zeigen, notwendigerweise das ewige Suppositum gemeint, mit dessen Ewigkeit ein Anfang in der Zeit unvereinbar ist. Daher ist dies falsch: "Dieser Mensch begann zu sein." Noch macht es etwas aus, dass sich das Beginnen-zu-sein auf die menschliche Natur bezieht, welche durch dieses Wort "Mensch" bezeichnet wird; weil der im Subjekt stehende Begriff nicht formal genommen wird, so dass er die Natur bezeichnet, sondern materiell, so dass er das Suppositum bezeichnet, wie gesagt wurde (Artikel [1], ad 4). Zweitens, weil selbst wenn dieser Satz wahr wäre, er nicht ohne Einschränkung gebraucht werden sollte; um die Häresie des Arius zu vermeiden, der, da er vorgab, dass die Person des Sohnes Gottes ein Geschöpf sei und geringer als der Vater, so auch behauptete, dass Er zu sein begann, indem er sagte: "Es gab eine Zeit, da Er nicht war."
Antwort auf Einwand 1: Die zitierten Worte müssen eingeschränkt werden, d.h. wir müssen sagen, dass der Mensch Jesus Christus nicht war, ehe die Welt war, "in seiner Menschheit".
Antwort auf Einwand 2: Mit diesem Wort "beginnen" können wir nicht von der niederen Spezies auf die höhere schließen. Denn es folgt nicht, wenn "dieses begann, weiß zu sein", dass es deshalb "begann, farbig zu sein". Und dies, weil "beginnen" impliziert: jetzt sein und nicht zuvor: denn es folgt nicht, wenn "dieses bisher nicht weiß war", dass es "deshalb bisher nicht farbig war". Nun ist schlechthin zu sein höher als Mensch zu sein. Daher folgt dies nicht: "Christus begann Mensch zu sein – also begann Er zu sein."
Antwort auf Einwand 3: Dieses Wort "Mensch", wie es für Christus genommen wird, bezeichnet zwar die menschliche Natur, welche zu sein begann, bezeichnet aber dennoch das ewige Suppositum, welches nicht zu sein begann. Daher, da es das Suppositum bezeichnet, wenn es im Subjekt steht, und sich auf die Natur bezieht, wenn es im Prädikat steht, ist dies falsch: "Der Mensch Christus begann zu sein": aber dies ist wahr: "Christus begann Mensch zu sein."