III, q. 16 a. 1
Ob dieser Satz wahr ist: "Gott ist Mensch"?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass dies falsch ist: "Gott ist Mensch." Denn jeder bejahende Satz in entfernter Materie ist falsch. Nun ist dieser Satz "Gott ist Mensch" in entfernter Materie, da die durch das Subjekt und das Prädikat bezeichneten Formen am weitesten voneinander entfernt sind. Da also der genannte Satz bejahend ist, scheint er falsch zu sein.
Einwand 2: Ferner stimmen die drei göttlichen Personen mehr überein als die menschliche und die göttliche Natur. Aber im Geheimnis der Menschwerdung wird eine Person nicht von der anderen ausgesagt; denn wir sagen nicht, der Vater sei der Sohn oder umgekehrt. Daher scheint es, dass die menschliche Natur nicht von Gott ausgesagt werden sollte, indem man sagt, Gott sei Mensch.
Einwand 3: Ferner sagt Athanasius (Symb. Fid.), dass "wie die Seele und das Fleisch ein Mensch sind, so Gott und Mensch ein Christus sind." Aber dies ist falsch: "Die Seele ist der Leib." Also ist auch dies falsch: "Gott ist Mensch."
Einwand 4: Ferner wurde im ersten Teil (Quaestio [39], Artikel [4]) gesagt, dass das, was von Gott nicht relativ, sondern absolut ausgesagt wird, der ganzen Dreifaltigkeit und jeder der Personen zukommt. Aber dieses Wort "Mensch" ist nicht relativ, sondern absolut. Wenn es also von Gott ausgesagt wird, würde folgen, dass die ganze Dreifaltigkeit und jede der Personen Mensch ist; und das ist offensichtlich falsch.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Phil 2,6.7): "Der, da er in der Gestalt Gottes war... entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist und im Habitus als Mensch erfunden wurde"; und so ist Er, der in der Gestalt Gottes ist, Mensch. Nun ist Er, der in der Gestalt Gottes ist, Gott. Also ist Gott Mensch.
Ich antworte darauf, dass dieser Satz "Gott ist Mensch" von allen Christen zugestanden wird, jedoch nicht von allen auf dieselbe Weise. Denn einige lassen den Satz zu, aber nicht in der eigentlichen Bedeutung der Begriffe. So sagen die Manichäer, das Wort Gottes sei Mensch, zwar nicht wahrer, sondern scheinbarer Mensch, insofern sie sagen, der Sohn Gottes habe einen Scheinleib angenommen, und so werde Gott Mensch genannt, wie eine Bronzefigur Mensch genannt wird, wenn sie die Gestalt eines Menschen hat. So konnten auch jene, die behaupteten, Christi Leib und Seele seien nicht vereint gewesen, nicht sagen, dass Gott wahrer Mensch ist, sondern dass Er bildlich Mensch genannt wird aufgrund der Teile. Nun wurden beide Meinungen oben widerlegt (Quaestio [2], Artikel [5]; Quaestio [5], Artikel [1]).
Einige hingegen halten an der Realität aufseiten des Menschen fest, leugnen aber die Realität aufseiten Gottes. Denn sie sagen, dass Christus, der Gott und Mensch ist, nicht von Natur aus Gott ist, sondern durch Teilhabe, d.h. durch Gnade; so wie auch alle anderen heiligen Menschen Götter genannt werden – wobei Christus dies auf vorzüglichere Weise ist als die übrigen, aufgrund seiner reicheren Gnade. Und so steht, wenn gesagt wird "Gott ist Mensch", Gott nicht für den wahren und natürlichen Gott. Und dies ist die Häresie des Photinus, welche oben widerlegt wurde (Quaestio [2], Artikel [10],11). Einige aber lassen diesen Satz zu, zusammen mit der Realität beider Begriffe, indem sie festhalten, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist; dennoch bewahren sie nicht die Wahrheit der Prädikation. Denn sie sagen, dass Mensch von Gott ausgesagt wird aufgrund einer gewissen Verbindung, sei es der Würde, der Autorität, der Zuneigung oder der Einwohnung. So hielt Nestorius Gott für einen Menschen – wobei nichts weiter gemeint war, als dass Gott mit dem Menschen durch eine solche Verbindung vereint ist, dass der Mensch von Gott bewohnt wird und mit Ihm in Zuneigung und in einem Anteil an der göttlichen Autorität und Ehre vereint ist. Und in denselben Irrtum fallen jene, die zwei Supposita oder Hypostasen in Christus annehmen, da es unmöglich zu verstehen ist, wie von zwei Dingen, die im Suppositum oder in der Hypostase verschieden sind, eines eigentlich vom anderen ausgesagt werden kann: es sei denn bloß durch eine bildliche Redeweise, insofern sie in etwas vereint sind, als ob wir sagen würden, Petrus sei Johannes, weil sie irgendwie miteinander verbunden sind. Und auch diese Meinungen wurden oben widerlegt (Quaestio [2], Artikel [3],6).
Daher sagen wir unter Voraussetzung der Wahrheit des katholischen Glaubens, dass die wahre göttliche Natur mit der wahren menschlichen Natur nicht nur in der Person, sondern auch im Suppositum oder der Hypostase vereint ist, dass dieser Satz wahr und eigentlich ist: "Gott ist Mensch" – nicht nur durch die Wahrheit seiner Begriffe, d.h. weil Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, sondern durch die Wahrheit der Prädikation. Denn ein Wort, das die gemeinsame Natur im Konkreten bezeichnet, kann für alle stehen, die in der gemeinsamen Natur enthalten sind, wie dieses Wort "Mensch" für jeden individuellen Menschen stehen kann. Und so kann dieses Wort "Gott" aufgrund seiner Bezeichnungsweise für die Person des Sohnes Gottes stehen, wie im ersten Teil gesagt wurde (Quaestio [39], Artikel [4]). Nun können wir von jedem Suppositum irgendeiner Natur wahr und eigentlich ein Wort aussagen, das diese Natur im Konkreten bezeichnet, wie "Mensch" eigentlich und wahr von Sokrates und Platon ausgesagt werden kann. Da also die Person des Sohnes Gottes, für die dieses Wort "Gott" steht, ein Suppositum der menschlichen Natur ist, kann dieses Wort "Mensch" wahr und eigentlich von diesem Wort "Gott" ausgesagt werden, wie es für die Person des Sohnes Gottes steht.
Antwort auf Einwand 1: Wenn verschiedene Formen nicht in einem Suppositum zusammenkommen können, ist der Satz notwendigerweise in entfernter Materie, da das Subjekt eine Form und das Prädikat eine andere bezeichnet. Wenn aber zwei Formen in einem Suppositum zusammenkommen können, ist die Materie nicht entfernt, sondern natürlich oder kontingent, wie wenn ich sage: "Ein Weißer ist musikalisch." Nun kommen die göttliche und die menschliche Natur, obwohl sie am weitesten voneinander entfernt sind, dennoch durch das Geheimnis der Menschwerdung in einem Suppositum zusammen, in welchem keine von beiden akzidentell, sondern [beide] wesenhaft existieren. Daher ist dieser Satz weder in entfernter noch in kontingenter, sondern in natürlicher Materie; und Mensch wird nicht akzidentell von Gott ausgesagt, sondern wesenhaft, da es von seiner Hypostase ausgesagt wird – zwar nicht aufgrund der Form, die durch dieses Wort "Gott" bezeichnet wird, sondern aufgrund des Suppositums, welches eine Hypostase der menschlichen Natur ist.
Antwort auf Einwand 2: Die drei göttlichen Personen stimmen in einer Natur überein und sind im Suppositum unterschieden; und daher werden sie nicht voneinander ausgesagt. Aber im Geheimnis der Menschwerdung werden die Naturen, da sie verschieden sind, nicht abstrakt voneinander ausgesagt. Denn die göttliche Natur ist nicht die menschliche Natur. Aber weil sie im Suppositum übereinstimmen, werden sie konkret voneinander ausgesagt.
Antwort auf Einwand 3: "Seele" und "Fleisch" werden abstrakt genommen, ebenso wie Gottheit und Menschheit; aber im Konkreten sagen wir "beseelt" und "fleischlich" oder "körperlich", wie andererseits "Gott" und "Mensch". Daher wird in beiden Fällen nicht das Abstrakte vom Abstrakten ausgesagt, sondern nur das Konkrete vom Konkreten.
Antwort auf Einwand 4: Dieses Wort "Mensch" wird von Gott ausgesagt aufgrund der Einheit in der Person, und diese Einheit impliziert eine Relation. Daher folgt es nicht der Regel jener Wörter, die absolut von Gott seit Ewigkeit ausgesagt werden.