III, q. 16 a. 2
Ob dieser Satz wahr ist: "Der Mensch ist Gott"?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass dies falsch ist: "Der Mensch ist Gott." Denn Gott ist ein nicht übertragbarer Name; daher werden (Weish 13,10; 14,21) die Götzendiener getadelt, weil sie den Namen Gottes, der nicht übertragbar ist, Holz und Steinen geben. Daher scheint es aus dem gleichen Grund unziemlich, dass dieses Wort "Gott" vom Menschen ausgesagt wird.
Einwand 2: Ferner kann alles, was vom Prädikat ausgesagt wird, vom Subjekt ausgesagt werden. Aber dies ist wahr: "Gott ist der Vater" oder "Gott ist die Dreifaltigkeit." Wenn es also wahr ist, dass "der Mensch Gott ist", scheint es, dass auch dies wahr ist: "Der Mensch ist der Vater" oder "Der Mensch ist die Dreifaltigkeit." Aber diese sind falsch. Also ist der erste Satz falsch.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Ps 80,10): "Es soll kein neuer Gott in dir sein." Aber der Mensch ist etwas Neues; denn Christus war nicht immer Mensch. Also ist dies falsch: "Der Mensch ist Gott."
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Röm 9,5): "Aus denen Christus ist dem Fleische nach, der da ist über alles, Gott, gelobt in Ewigkeit." Nun ist Christus dem Fleische nach Mensch. Also ist dies wahr: "Der Mensch ist Gott."
Ich antworte darauf, dass unter Voraussetzung der Realität beider Naturen, d.h. der göttlichen und der menschlichen, und der Einheit in Person und Hypostase, dies wahr und eigentlich ist: "Der Mensch ist Gott", ebenso wie dies: "Gott ist Mensch." Denn dieses Wort "Mensch" kann für jede Hypostase der menschlichen Natur stehen; und so kann es für die Person des Sohnes Gottes stehen, von der wir sagen, dass sie eine Hypostase der menschlichen Natur ist. Nun ist es offenkundig, dass das Wort "Gott" wahr und eigentlich von der Person des Sohnes Gottes ausgesagt wird, wie im ersten Teil gesagt wurde (Quaestio [39], Artikel [4]). Daher bleibt bestehen, dass dies wahr und eigentlich ist: "Der Mensch ist Gott."
Antwort auf Einwand 1: Die Götzendiener schrieben den Namen der Gottheit Steinen und Holz zu, betrachtet in ihrer eigenen Natur, weil sie dachten, es sei etwas Göttliches in ihnen. Wir aber schreiben den Namen der Gottheit nicht dem Menschen in seiner menschlichen Natur zu, sondern im ewigen Suppositum, welches durch die Vereinigung ein Suppositum der menschlichen Natur ist, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Wort "Vater" wird von diesem Wort "Gott" ausgesagt, insofern dieses Wort "Gott" für die Person des Vaters steht. Und auf diese Weise wird es nicht von der Person des Sohnes ausgesagt, weil die Person des Sohnes nicht die Person des Vaters ist. Und folglich ist es nicht notwendig, dass dieses Wort "Vater" von diesem Wort "Mensch" ausgesagt wird, von dem das Wort "Gott" ausgesagt wird, insofern "Mensch" für die Person des Sohnes steht.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die menschliche Natur in Christus etwas Neues ist, ist doch das Suppositum der menschlichen Natur nicht neu, sondern ewig. Und weil dieses Wort "Gott" vom Menschen nicht aufgrund der menschlichen Natur, sondern aufgrund des Suppositums ausgesagt wird, folgt nicht, dass wir einen neuen Gott behaupten. Dies würde aber folgen, wenn wir annähmen, dass "Mensch" für ein geschaffenes Suppositum steht: so wie es von jenen gesagt werden müsste, die zwei Supposita in Christus behaupten [*Vgl. Quaestio [2], Artikel [3],6].