III, q. 16 a. 7
Ob dieser Satz wahr ist: "Der Mensch ist Gott geworden"?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass dies wahr ist: "Der Mensch ist Gott geworden." Denn es steht geschrieben (Röm 1,2.3): "Welches Er zuvor verheißen hatte durch seine Propheten in den heiligen Schriften, von seinem Sohn, der Ihm geworden ist aus dem Samen Davids dem Fleische nach." Nun ist Christus als Mensch aus dem Samen Davids dem Fleische nach. Also ist der Mensch zum Sohn Gottes geworden.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Trin. i, 13), dass "derart diese Annahme war, die Gott zum Menschen machte und den Menschen zu Gott." Aber aufgrund dieser Annahme ist dies wahr: "Gott ist Mensch geworden." Also ist in gleicher Weise dies wahr: "Der Mensch ist Gott geworden."
Einwand 3: Ferner sagt Gregor von Nazianz (Ep. ad Chelid. ci): "Gott wurde vermenschlicht und der Mensch wurde vergöttlicht, oder wie immer man es sonst nennen mag." Nun wird Gott vermenschlicht genannt, indem Er Mensch wurde. Also wird mit gleichem Grund der Mensch vergöttlicht genannt, indem Er Gott wurde; und so ist es wahr, dass "der Mensch Gott geworden ist."
Einwand 4: Ferner, wenn gesagt wird, dass "Gott Mensch geworden ist", ist das Subjekt des Werdens oder Vereinens nicht Gott, sondern die menschliche Natur, welche das Wort "Mensch" bezeichnet. Nun scheint das das Subjekt des Werdens zu sein, dem das Werden zugeschrieben wird. Daher ist "Der Mensch ist Gott geworden" wahrer als "Gott ist Mensch geworden."
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 2): "Wir sagen nicht, dass der Mensch vergöttlicht wurde, sondern dass Gott vermenschlicht wurde." Nun ist Gott werden dasselbe wie vergöttlicht werden. Daher ist dies falsch: "Der Mensch ist Gott geworden."
Ich antworte darauf, dass dieser Satz "Der Mensch ist Gott geworden" auf drei Weisen verstanden werden kann. Erstens so, dass das Partizip "geworden" absolut entweder das Subjekt oder das Prädikat bestimmt; und in diesem Sinne ist es falsch, da weder der Mensch, von dem es ausgesagt wird, geworden ist, noch Gott geworden ist, wie gesagt werden wird (Artikel [8],9). Und im selben Sinne ist dies falsch: "Gott ist Mensch geworden." Aber von diesem Sinn sprechen wir jetzt nicht. Zweitens kann es so verstanden werden, dass das Wort "geworden" die Zusammensetzung bestimmt, mit dieser Bedeutung: "Der Mensch ist Gott geworden, d.h. es wurde bewirkt, dass der Mensch Gott ist." Und in diesem Sinne sind beide wahr, nämlich dass "der Mensch Gott geworden ist" und dass "Gott Mensch geworden ist." Aber dies ist nicht der eigentliche Sinn dieser Sätze; es sei denn, wir verstünden, dass "Mensch" keine personale, sondern eine einfache Supposition hat. Denn obwohl "dieser Mensch" nicht Gott geworden ist, weil dieses Suppositum, nämlich die Person des Sohnes Gottes, ewig Gott war, war doch der Mensch, allgemein gesprochen, nicht immer Gott. Drittens, eigentlich verstanden, heftet dieses Partizip "geworden" das Werden an den Menschen mit Bezug auf Gott als dem Ziel des Werdens. Und in diesem Sinne, vorausgesetzt, dass die Person oder Hypostase in Christus dieselbe ist wie das Suppositum von Gott und Mensch, wie gezeigt wurde (Quaestio [2], Artikel [2],3), ist dieser Satz falsch, weil, wenn gesagt wird "Der Mensch ist Gott geworden", "Mensch" ein personales Suppositum hat: weil Gott-Sein nicht vom Menschen in seiner menschlichen Natur verifiziert wird, sondern in seinem Suppositum. Nun ist das Suppositum der menschlichen Natur, von dem "Gott-Sein" verifiziert wird, dasselbe wie die Hypostase oder Person des Sohnes Gottes, der immer Gott war. Daher kann nicht gesagt werden, dass dieser Mensch begann, Gott zu sein, oder Gott geworden ist, oder dass Er Gott wurde.
Wenn es aber eine verschiedene Hypostase von Gott und Mensch gäbe, so dass "Gott-Sein" vom Menschen ausgesagt würde, und umgekehrt, aufgrund einer gewissen Verbindung der Supposita oder der personalen Würde oder der Zuneigung oder Einwohnung, wie die Nestorianer sagten, dann könnte mit gleichem Grund gesagt werden, dass der Mensch Gott geworden ist, d.h. mit Gott verbunden, und dass Gott Mensch geworden ist, d.h. mit dem Menschen verbunden.
Antwort auf Einwand 1: In diesen Worten des Apostels sollte das Relativpronomen "der", welches sich auf die Person des Sohnes Gottes bezieht, nicht so betrachtet werden, als betreffe es das Prädikat, als ob jemand, der bereits aus dem "Samen Davids dem Fleische nach" existierte, zum Sohn Gottes gemacht wurde – und in diesem Sinne nimmt es der Einwand. Sondern es sollte so genommen werden, dass es das Subjekt betrifft, mit dieser Bedeutung – dass der "Sohn Gottes Ihm ('nämlich zur Ehre des Vaters', wie eine Glosse es auslegt) geworden ist, seiend aus dem Samen Davids dem Fleische nach", als ob man sagte "der Sohn Gottes, der Fleisch aus dem Samen Davids hat zur Ehre Gottes".
Antwort auf Einwand 2: Dieser Ausspruch des Augustinus ist in dem Sinne zu nehmen, dass durch die Annahme, die in der Menschwerdung stattfand, bewirkt wurde, dass der Mensch Gott ist und Gott Mensch ist; und in diesem Sinne sind beide Aussagen wahr, wie oben dargelegt.
Dasselbe ist auf den dritten Einwand zu antworten, da vergöttlicht werden dasselbe ist wie Gott werden.
Antwort auf Einwand 4: Ein Begriff, der im Subjekt steht, wird materiell genommen, d.h. für das Suppositum; im Prädikat stehend wird er formal genommen, d.h. für die bezeichnete Natur. Daher, wenn gesagt wird, dass "der Mensch Gott geworden ist", wird das Gewordensein nicht der menschlichen Natur zugeschrieben, sondern dem Suppositum der menschlichen Natur, welches Gott von Ewigkeit her ist, und daher ziemt es Ihm nicht, Gott zu werden. Aber wenn gesagt wird, dass "Gott Mensch geworden ist", wird das Werden so genommen, dass es in der menschlichen Natur terminiert. Daher ist eigentlich gesprochen dies wahr: "Gott ist Mensch geworden", und dies ist falsch: "Der Mensch ist Gott geworden"; so wie wenn Sokrates, der bereits ein Mensch war, weiß würde und man auf ihn zeigte, dies wahr wäre: "Dieser Mensch ist heute weiß geworden", und dies falsch wäre: "Dieses Weiße ist heute Mensch geworden." Dennoch, wenn aufseiten des Subjekts irgendein Wort hinzugefügt würde, das die menschliche Natur im Abstrakten bezeichnet, könnte es auf diese Weise für das Subjekt des Werdens genommen werden, z.B. wenn gesagt würde, dass "die menschliche Natur die des Sohnes Gottes geworden ist".