III, q. 16 a. 6
Ob dieser Satz wahr ist: "Gott ist Mensch geworden"?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass dies falsch ist: "Gott ist Mensch geworden." Denn da Mensch eine Substanz bezeichnet, heißt Mensch werden, schlechthin werden (fieri simpliciter). Aber dies ist falsch: "Gott ist schlechthin geworden." Also ist dies falsch: "Gott ist Mensch geworden."
Einwand 2: Ferner, Mensch werden heißt verändert werden. Aber Gott kann nicht das Subjekt von Veränderung sein, gemäß Maleachi 3,6: "Ich bin der Herr, und ich verändere mich nicht." Daher ist dies falsch: "Gott ist Mensch geworden."
Einwand 3: Ferner steht Mensch, wie es von Christus ausgesagt wird, für die Person des Sohnes Gottes. Aber dies ist falsch: "Gott ist zur Person des Sohnes Gottes geworden." Also ist dies falsch: "Gott ist Mensch geworden."
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Joh 1,14): "Das Wort ist Fleisch geworden": und wie Athanasius sagt (Ep. ad Epictetum), "als er sagte: 'Das Wort ist Fleisch geworden', ist es, als ob gesagt würde, dass Gott Mensch geworden ist."
Ich antworte darauf, dass ein Ding gesagt wird, zu dem geworden zu sein, was zum ersten Mal von ihm ausgesagt zu werden beginnt. Nun wird Mensch-Sein wahr von Gott ausgesagt, wie oben dargelegt (Artikel [1]), doch derart, dass es Gott zukommt, Mensch zu sein, nicht von Ewigkeit her, sondern von der Zeit seiner Annahme der menschlichen Natur an. Daher ist dies wahr: "Gott ist Mensch geworden"; obwohl es von einigen unterschiedlich verstanden wird: ebenso wie dies: "Gott ist Mensch", wie wir oben sagten (Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 1: Mensch werden heißt schlechthin werden bei all jenen, in denen die menschliche Natur in einem neu geschaffenen Suppositum zu sein beginnt. Aber von Gott wird gesagt, Er sei Mensch geworden, insofern die menschliche Natur in einem ewig präexistierenden Suppositum der göttlichen Natur zu sein begann. Und daher bedeutet für Gott Mensch zu werden nicht, dass Gott schlechthin geworden ist.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt, impliziert das Werden, dass etwas neu von einem anderen ausgesagt wird. Daher, wann immer etwas von einem anderen ausgesagt wird und eine Veränderung in dem stattfindet, von dem es ausgesagt wird, dann ist Werden Verändert-Werden; und dies findet statt bei allem, was absolut ausgesagt wird, denn Weißsein oder Großsein kann nichts neu betreffen, es sei denn, es werde neu zu Weißsein oder Großsein verändert. Aber was relativ ausgesagt wird, kann neu von etwas ausgesagt werden ohne dessen Veränderung, wie ein Mann dazu gebracht werden kann, auf der rechten Seite zu sein, ohne verändert zu werden und bloß durch die Veränderung dessen, auf dessen linker Seite er war. Daher wird in solchen Fällen nicht alles, was als geworden bezeichnet wird, verändert, da es durch die Veränderung von etwas anderem geschehen kann. Und so sagen wir von Gott: "Herr, du bist unsere Zuflucht geworden" (Ps 89,1). Nun kommt das Menschsein Gott aufgrund der Vereinigung zu, welche eine Relation ist. Und daher wird Menschsein neu von Gott ausgesagt ohne irgendeine Veränderung in Ihm, durch eine Veränderung in der menschlichen Natur, welche zu einer göttlichen Person angenommen wird. Und daher verstehen wir, wenn gesagt wird "Gott ist Mensch geworden", keine Veränderung aufseiten Gottes, sondern nur aufseiten der menschlichen Natur.
Antwort auf Einwand 3: Mensch steht nicht für die bloße Person des Sohnes Gottes, sondern insofern sie in der menschlichen Natur subsistiert. Daher, obwohl dies falsch ist: "Gott ist zur Person des Sohnes Gottes geworden", ist doch dies wahr: "Gott ist Mensch geworden", indem Er mit der menschlichen Natur vereint wurde.