III, q. 16 a. 11
Ob dieser Satz wahr ist: "Christus als Mensch ist Gott"?
Quaestio 16 · Von dem, was Christus im Sein und Werden zukommt.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus als Mensch Gott ist. Denn Christus ist Gott durch die Gnade der Vereinigung. Aber Christus als Mensch hat die Gnade der Vereinigung. Also ist Christus als Mensch Gott.
Einwand 2: Ferner ist Sündenvergeben Gott eigen, gemäß Jes 43,25: "Ich bin es, der deine Missetaten tilgt um meinetwillen." Aber Christus als Mensch vergibt Sünden, gemäß Mt 9,6: "Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben", etc. Also ist Christus als Mensch Gott.
Einwand 3: Ferner ist Christus nicht Mensch im Allgemeinen, sondern ist dieser bestimmte Mensch. Nun ist Christus als dieser Mensch Gott, da wir durch "dieser Mensch" das ewige Suppositum bezeichnen, welches von Natur aus Gott ist. Also ist Christus als Mensch Gott.
Dagegen spricht: Was immer Christus als Mensch zukommt, kommt jedem Menschen zu. Nun, wenn Christus als Mensch Gott ist, folgt, dass jeder Mensch Gott ist – was offensichtlich falsch ist.
Ich antworte darauf, dass dieser Begriff "Mensch", wenn er in der Reduplikation steht, auf zwei Weisen genommen werden kann. Erstens als sich auf die Natur beziehend; und auf diese Weise ist es nicht wahr, dass Christus als Mensch Gott ist, weil die menschliche Natur von der göttlichen durch eine Verschiedenheit der Natur unterschieden ist. Zweitens kann er als sich auf das Suppositum beziehend genommen werden; und auf diese Weise, da das Suppositum der menschlichen Natur in Christus die Person des Sohnes Gottes ist, der es wesenhaft zukommt, Gott zu sein, ist es wahr, dass Christus als Mensch Gott ist. Dennoch, weil der in der Reduplikation stehende Begriff eher die Natur als das Suppositum bezeichnet, wie oben dargelegt (Artikel [10]), ist dies eher zu leugnen als zuzugeben: "Christus als Mensch ist Gott."
Antwort auf Einwand 1: Es ist nicht in Bezug auf dasselbe, dass ein Ding sich auf etwas hinbewegt, und dass es etwas ist; denn sich zu bewegen kommt einem Ding aufgrund seiner Materie oder seines Subjekts zu – und im Akt zu sein kommt ihm aufgrund seiner Form zu. So ist es auch nicht in Bezug auf dasselbe, dass es Christus zukommt, durch die Gnade der Vereinigung darauf hingeordnet zu sein, Gott zu sein, und Gott zu sein. Denn das erste kommt Ihm in seiner menschlichen Natur zu, und das zweite in seiner göttlichen Natur. Daher ist dies wahr: "Christus als Mensch hat die Gnade der Vereinigung"; doch nicht dies: "Christus als Mensch ist Gott."
Antwort auf Einwand 2: Der Menschensohn hat auf Erden die Macht, Sünden zu vergeben, nicht kraft der menschlichen Natur, sondern kraft der göttlichen Natur, in welcher göttlichen Natur die Macht, Sünden autoritativ zu vergeben, liegt; wohingegen sie in der menschlichen Natur instrumentell und ministeriell liegt. Daher sagt Chrysostomus, der diese Stelle auslegt [*Implizit. Hom. xxx in Matth; vgl. St. Thomas, Catena Aurea zu Mk 2,10]: "Er sagte pointiert 'auf Erden Sünden zu vergeben', um zu zeigen, dass Er durch eine unteilbare Vereinigung die menschliche Natur mit der Macht der Gottheit vereinte, da Er, obwohl Er Mensch geworden war, doch das Wort Gottes blieb."
Antwort auf Einwand 3: Wenn wir sagen "dieser Mensch", zieht das Demonstrativpronomen "dieser" den "Menschen" auf das Suppositum; und daher ist "Christus als dieser Mensch ist Gott" ein wahrerer Satz als "Christus als Mensch ist Gott."