II-II, q. 88 a. 4
Ob es nützlich ist, Gelübde abzulegen?
Quaestio 88 · Von den Gelübden
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht nützlich ist, Gelübde abzulegen. Es ist für niemanden nützlich, sich des Gutes zu berauben, das Gott ihm gegeben hat. Nun ist eines der größten Güter, die Gott dem Menschen gegeben hat, die Freiheit, deren er durch die in einem Gelübde implizierte Notwendigkeit beraubt zu werden scheint. Daher scheint es für den Menschen unnütz, Gelübde abzulegen.
Einwand 2: Ferner sollte sich niemand einer Gefahr aussetzen. Aber wer ein Gelübde ablegt, setzt sich einer Gefahr aus, da das, was er vor dem Ablegen eines Gelübdes ohne Gefahr unterlassen konnte, zu einer Gefahrenquelle für ihn wird, wenn er es nach dem Ablegen des Gelübdes nicht erfüllen sollte. Daher sagt Augustinus (Ep. cxxvii, ad Arment. et Paulin.): „Da du gelobt hast, hast du dich gebunden, du kannst nicht anders handeln. Wenn du nicht tust, was du gelobt hast, wirst du nicht so sein, wie du gewesen wärst, hättest du nicht gelobt. Denn dann wärst du weniger groß gewesen, nicht weniger gut: wohingegen du jetzt, wenn du Gott die Treue brichst (was Gott verhüte), umso unglücklicher bist, wie du glücklicher gewesen wärst, hättest du dein Gelübde gehalten.“ Daher ist es nicht nützlich, Gelübde abzulegen.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (1 Kor 4,16): „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi bin.“ Aber wir lesen nicht, dass entweder Christus oder die Apostel irgendwelche Gelübde ablegten. Daher scheint es unnütz, Gelübde abzulegen.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Ps 75,12): „Legt Gelübde ab und erfüllt sie dem Herrn, eurem Gott.“
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (Artikel [1], 2), ist ein Gelübde ein Gott gemachtes Versprechen. Nun macht man einem Menschen ein Versprechen unter einem Aspekt und Gott unter einem anderen. Denn wir versprechen einem Menschen etwas zu seinem eigenen Nutzen; da es ihm nützt, dass wir ihm zu Diensten sind und dass wir ihm zuerst die zukünftige Erfüllung dieses Dienstes zusichern: wohingegen wir Gott Versprechen nicht zu Seinem, sondern zu unserem eigenen Nutzen machen. Daher sagt Augustinus (Ep. cxxvii, ad Arment. et Paulin.): „Er ist ein gütiger und kein bedürftiger Eintreiber, denn er wird nicht reich durch unsere Zahlungen, sondern lässt jene, die Ihm zahlen, in Ihm reich werden.“ Und so wie das, was wir Gott geben, nicht Ihm, sondern uns nützlich ist, da „was Ihm gegeben wird, dem Geber hinzugefügt wird“, wie Augustinus sagt (Ep. cxxvii, ad Arment. et Paulin.), so trägt auch ein Versprechen, wodurch wir Gott etwas geloben, nicht zu Seinem Nutzen bei, noch muss Er durch uns versichert werden, sondern es trägt zu unserem Nutzen bei, insofern wir durch das Geloben unseren Willen unbeweglich auf das festlegen, was zu tun nützlich ist. Daher ist es nützlich, Gelübde abzulegen.
Antwort auf Einwand 1: So wie die Freiheit eines Menschen nicht dadurch verringert wird, dass er unfähig ist zu sündigen, so verringert auch die Notwendigkeit, die aus einem fest auf das Gute gerichteten Willen resultiert, nicht die Freiheit, wie am Beispiel Gottes und der Seligen zu sehen ist. Solcher Art ist die Notwendigkeit, die durch ein Gelübde impliziert wird, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der Bestätigung der Seligen hat. Daher sagt Augustinus (Ep. cxxvii, ad Arment. et Paulin.), dass „glücklich die Notwendigkeit ist, die uns zwingt, die besseren Dinge zu tun.“
Antwort auf Einwand 2: Wenn Gefahr aus der Tat selbst entsteht, ist diese Tat nicht nützlich, zum Beispiel, dass man einen Fluss über eine wackelige Brücke überquert: aber wenn die Gefahr durch das Versagen des Menschen in der Tat entsteht, hört letztere nicht auf, nützlich zu sein: so ist es nützlich, auf ein Pferd zu steigen, obwohl die Gefahr eines Sturzes vom Pferd besteht: sonst müsste man von allen guten Dingen ablassen, die akzidentell gefährlich werden können. Weshalb geschrieben steht (Koh 11,4): „Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken schaut, wird niemals ernten.“ Nun gerät ein Mensch in Gefahr, nicht durch das Gelübde selbst, sondern durch seine Schuld, wenn er seinen Sinn ändert, indem er sein Gelübde bricht. Daher sagt Augustinus (Ep. cxxvii, ad Arment. et Paulin.): „Bereue dein Gelübde nicht: du solltest dich vielmehr freuen, dass du nicht mehr tun kannst, was du rechtmäßig zu deinem Schaden hättest tun können.“
Antwort auf Einwand 3: Es kam Christus aufgrund seiner Natur nicht zu, ein Gelübde abzulegen, sowohl weil Er Gott war, als auch weil als Mensch Sein Wille fest auf das Gute gerichtet war, da Er ein „Comprehensor“ (ein Schauender) war. Durch eine Art Ähnlichkeit wird Er jedoch dargestellt, wie Er sagt (Ps 21,26): „Ich werde meine Gelübde erfüllen vor den Augen derer, die Ihn fürchten“, wenn Er von Seinem Leib spricht, welcher die Kirche ist.
Von den Aposteln wird verstanden, dass sie Dinge gelobten, die zum Stand der Vollkommenheit gehören, als „sie alles verließen und Christus nachfolgten“.