II-II, q. 25 a. 7
Ob die Sünder sich selbst lieben?
Quaestio 25 · Vom Gegenstand der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Sünder sich selbst lieben. Denn das, was das Prinzip der Sünde ist, ist am meisten im Sünder. Nun ist die Selbstliebe das Prinzip der Sünde, da Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 28), dass sie „die Stadt Babylon erbaut“. Deshalb lieben die Sünder sich selbst am meisten.
Einwand 2: Ferner zerstört die Sünde nicht die Natur. Nun entspricht es der Natur, dass jeder Mensch sich selbst lieben sollte: weshalb sogar vernunftlose Geschöpfe von Natur aus ihr eigenes Gut begehren, zum Beispiel die Erhaltung ihres Seins und so weiter. Deshalb lieben die Sünder sich selbst.
Einwand 3: Ferner wird das Gute von allen geliebt, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Nun halten sich viele Sünder für gut. Deshalb lieben viele Sünder sich selbst.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 10,6): „Wer Ungerechtigkeit liebt, hasst seine eigene Seele.“
Ich antworte darauf, Die Selbstliebe ist allen gemeinsam, auf eine Weise; auf eine andere Weise ist sie den Guten eigen; auf eine dritte Weise ist sie den Bösen eigen. Denn es ist allen gemeinsam, dass jeder das liebt, was er für sich selbst hält. Nun wird von einem Menschen auf zweierlei Weise gesagt, er sei etwas: erstens in Bezug auf seine Substanz und Natur, und auf diese Weise halten sich alle für das, was sie sind, das heißt, zusammengesetzt aus Seele und Körper. Auf diese Weise lieben auch alle Menschen, sowohl die Guten als auch die Bösen, sich selbst, insofern sie ihre eigene Erhaltung lieben.
Zweitens wird von einem Menschen gesagt, er sei etwas in Bezug auf eine gewisse Vorherrschaft, wie der Herrscher eines Staates als der Staat bezeichnet wird, und so wird gesagt, was der Herrscher tut, tue der Staat. Auf diese Weise halten sich nicht alle für das, was sie sind. Denn der vernünftige Geist ist der vorherrschende Teil des Menschen, während die sinnliche und körperliche Natur den zweiten Platz einnimmt; ersteren nennt der Apostel den „inneren Menschen“ und letzteren den „äußeren Menschen“ (2 Kor 4,16). Nun betrachten die Guten ihre vernünftige Natur oder den inneren Menschen als die Hauptsache in ihnen, weshalb sie sich auf diese Weise für das halten, was sie sind. Andererseits rechnen die Bösen ihrer sinnlichen und körperlichen Natur oder dem äußeren Menschen den ersten Platz zu. Weshalb sie, da sie sich selbst nicht recht erkennen, sich selbst nicht recht lieben, sondern das lieben, was sie für sich selbst halten. Aber die Guten erkennen sich wahrhaftig und lieben sich daher wahrhaftig.
Der Philosoph beweist dies anhand von fünf Dingen, die der Freundschaft eigen sind. Denn erstens wünscht jeder Freund, dass sein Freund sei und lebe; zweitens begehrt er Gutes für ihn; drittens tut er ihm Gutes; viertens hat er Freude an seiner Gesellschaft; fünftens ist er eines Sinnes mit ihm, indem er sich über fast dieselben Dinge freut und trauert. Auf diese Weise lieben die Guten sich selbst, was den inneren Menschen betrifft, weil sie dessen Erhaltung in seiner Integrität wünschen, sie begehren Gutes für ihn, nämlich geistliche Güter, ja sie tun ihr Bestes, um sie zu erlangen, und sie haben Freude daran, in ihre eigenen Herzen einzukehren, weil sie dort gute Gedanken in der Gegenwart finden, die Erinnerung an vergangenes Gutes und die Hoffnung auf zukünftiges Gutes, was alles Quellen der Freude sind. Ebenso erfahren sie keinen Widerstreit der Willensakte, da ihre ganze Seele auf eines tendiert.
Andererseits haben die Bösen keinen Wunsch, in der Integrität des inneren Menschen erhalten zu bleiben, noch begehren sie geistliche Güter für ihn, noch arbeiten sie auf dieses Ziel hin, noch haben sie Freude an ihrer eigenen Gesellschaft, indem sie in ihre eigenen Herzen einkehren, weil alles, was sie dort finden, gegenwärtig, vergangen und zukünftig, böse und schrecklich ist; noch stimmen sie mit sich selbst überein, wegen der Gewissensbisse, gemäß Ps 49,21: „Ich werde dich zurechtweisen und es dir vor Augen stellen.“
In gleicher Weise kann gezeigt werden, dass die Bösen sich selbst lieben, was die Verderbnis des äußeren Menschen betrifft, wohingegen die Guten sich so nicht lieben.
Antwort auf Einwand 1: Die Selbstliebe, die das Prinzip der Sünde ist, ist jene, die den Bösen eigen ist und „bis zur Verachtung Gottes“ reicht, wie in der zitierten Passage dargelegt, weil die Bösen äußere Güter so sehr begehren, dass sie geistliche Güter verachten.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die natürliche Liebe von bösen Menschen nicht gänzlich eingebüßt wird, so ist sie in ihnen doch pervertiert, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Die Bösen haben einen gewissen Anteil an der Selbstliebe, insofern sie sich für gut halten. Doch ist eine solche Selbstliebe nicht wahr, sondern scheinbar: und selbst dies ist bei jenen nicht möglich, die sehr böse sind.