II-II, q. 25 a. 4
Ob der Mensch sich selbst aus Caritas lieben soll?
Quaestio 25 · Vom Gegenstand der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch verpflichtet ist, sich selbst aus Caritas zu lieben. Denn Gregor sagt in einer Homilie (In Evang. xvii), dass es „keine Caritas zwischen weniger als zwei geben kann“. Deshalb hat kein Mensch Caritas zu sich selbst.
Einwand 2: Ferner impliziert Freundschaft ihrer Natur nach gegenseitige Liebe und Gleichheit (Ethic. viii, 2,7), was bei einem Menschen gegenüber sich selbst nicht der Fall sein kann. Aber die Caritas ist eine Art Freundschaft, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [1]). Deshalb kann ein Mensch keine Caritas zu sich selbst haben.
Einwand 3: Ferner kann nichts, was sich auf die Caritas bezieht, tadelnswert sein, da die Caritas „nicht verkehrt handelt“ (1 Kor 13,4). Nun verdient ein Mensch Tadel dafür, dass er sich selbst liebt, da geschrieben steht (2 Tim 3,1.2): „In den letzten Tagen werden gefährliche Zeiten kommen, die Menschen werden selbstsüchtig sein.“ Deshalb kann ein Mensch sich nicht aus Caritas lieben.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Lev 19,18): „Du sollst deinen Freund lieben wie dich selbst.“ Nun lieben wir unsere Freunde aus Caritas. Deshalb sollten wir auch uns selbst aus Caritas lieben.
Ich antworte darauf, Da die Caritas eine Art Freundschaft ist, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [1]), können wir die Caritas von zwei Standpunkten aus betrachten: erstens unter dem allgemeinen Begriff der Freundschaft, und auf diese Weise müssen wir festhalten, dass ein Mensch, eigentlich gesprochen, nicht ein Freund seiner selbst ist, sondern etwas mehr als ein Freund, da Freundschaft Vereinigung impliziert, denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass „Liebe eine vereinigende Kraft ist“, wohingegen ein Mensch eins mit sich selbst ist, was mehr ist als mit einem anderen vereinigt zu sein. Daher, so wie die Einheit das Prinzip der Vereinigung ist, so ist die Liebe, mit der ein Mensch sich selbst liebt, die Form und Wurzel der Freundschaft. Denn wenn wir Freundschaft mit anderen haben, so deshalb, weil wir an ihnen tun, wie wir an uns selbst tun, daher lesen wir in Ethic. ix, 4,8, dass „der Ursprung freundschaftlicher Beziehungen zu anderen in unseren Beziehungen zu uns selbst liegt“. So haben wir auch in Bezug auf Prinzipien etwas Größeres als Wissenschaft, nämlich das Verständnis (intellectus).
Zweitens können wir von der Caritas in Bezug auf ihre spezifische Natur sprechen, nämlich als Bezeichnung für die Freundschaft des Menschen mit Gott an erster Stelle und folglich mit den Dingen Gottes, unter welchen Dingen der Mensch selbst ist, der die Caritas hat. Daher liebt er unter diesen anderen Dingen, die er aus Caritas liebt, weil sie zu Gott gehören, auch sich selbst aus Caritas.
Antwort auf Einwand 1: Gregor spricht dort von der Caritas unter dem allgemeinen Begriff der Freundschaft: und der zweite Einwand ist im gleichen Sinne aufzufassen.
Antwort auf Einwand 3: Jene, die sich selbst lieben, sind insofern zu tadeln, als sie sich selbst in Bezug auf ihre sinnliche Natur lieben, der sie schmeicheln. Dies heißt nicht, sich selbst wahrhaft gemäß seiner vernünftigen Natur zu lieben, so dass man für sich selbst die guten Dinge begehrt, die zur Vollkommenheit der Vernunft gehören: und auf diese Weise liebt ein Mensch sich selbst hauptsächlich durch die Caritas.