II-II, q. 25 a. 3
Ob auch vernunftlose Geschöpfe aus Caritas geliebt werden sollen?
Quaestio 25 · Vom Gegenstand der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass auch vernunftlose Geschöpfe aus Caritas geliebt werden sollen. Denn hauptsächlich durch die Caritas werden wir Gott gleichförmig. Nun liebt Gott vernunftlose Geschöpfe aus Caritas, denn Er liebt „alles, was ist“ (Weish 11,25), und was immer Er liebt, liebt Er durch Sich selbst, Der die Caritas ist. Deshalb sollten auch wir vernunftlose Geschöpfe aus Caritas lieben.
Einwand 2: Ferner ist die Caritas prinzipiell auf Gott bezogen und erstreckt sich auf andere Dinge als auf Gott beziehbare. Nun ist das vernunftlose Geschöpf ebenso auf Gott beziehbar wie das vernunftbegabte Geschöpf, insofern es die Ähnlichkeit des Bildes trägt, so tragen auch die vernunftlosen Geschöpfe die Ähnlichkeit einer Spur [*Vgl. FP, Frage [45], Artikel [7]]. Deshalb erstreckt sich die Caritas auch auf vernunftlose Geschöpfe.
Einwand 3: Ferner, so wie das Objekt der Caritas Gott ist, so ist es auch das Objekt des Glaubens. Nun erstreckt sich der Glaube auf vernunftlose Geschöpfe, da wir glauben, dass Himmel und Erde von Gott geschaffen wurden, dass die Fische und Vögel aus den Wassern hervorgebracht wurden, und Tiere, die gehen, und Pflanzen aus der Erde. Deshalb erstreckt sich die Caritas auch auf vernunftlose Geschöpfe.
Dagegen spricht, Die Liebe der Caritas erstreckt sich auf niemanden außer Gott und unseren Nächsten. Aber das Wort Nächster kann nicht auf vernunftlose Geschöpfe ausgedehnt werden, da sie keine Gemeinschaft mit dem Menschen im vernunftbegabten Leben haben. Deshalb erstreckt sich die Caritas nicht auf vernunftlose Geschöpfe.
Ich antworte darauf, Gemäß dem, was oben dargelegt wurde (Frage [13], Artikel [1]), ist die Caritas eine Art Freundschaft. Nun ist die Liebe der Freundschaft zweifach: erstens gibt es die Liebe zum Freund, dem unsere Freundschaft gilt, zweitens die Liebe zu jenen guten Dingen, die wir für unseren Freund begehren. In Bezug auf das Erstere kann kein vernunftloses Geschöpf aus Caritas geliebt werden; und zwar aus drei Gründen. Zwei dieser Gründe beziehen sich allgemein auf die Freundschaft, die kein vernunftloses Geschöpf zum Objekt haben kann: erstens, weil Freundschaft einem gilt, dem wir Gutes wünschen, während wir, eigentlich gesprochen, einem vernunftlosen Geschöpf nichts Gutes wünschen können, weil es ihm nicht zukommt, eigentlich gesprochen, Gutes zu besitzen; dies ist dem vernunftbegabten Geschöpf eigen, welches durch seinen freien Willen Herr über die Verfügung des Gutes ist, das es besitzt. Daher sagt der Philosoph (Phys. ii, 6), dass wir nicht davon sprechen, dass solchen Dingen Gutes oder Böses widerfährt, außer metaphorisch. Zweitens, weil alle Freundschaft auf irgendeiner Lebensgemeinschaft basiert; da „nichts der Freundschaft so eigen ist wie das Zusammenleben“, wie der Philosoph beweist (Ethic. viii, 5). Nun können vernunftlose Geschöpfe keine Gemeinschaft im menschlichen Leben haben, das durch die Vernunft geregelt wird. Daher ist Freundschaft mit vernunftlosen Geschöpfen unmöglich, außer metaphorisch gesprochen. Der dritte Grund ist der Caritas eigen, denn die Caritas basiert auf der Gemeinschaft der ewigen Glückseligkeit, zu der das vernunftlose Geschöpf nicht gelangen kann. Deshalb können wir keine Freundschaft der Caritas gegenüber einem vernunftlosen Geschöpf haben.
Dennoch können wir vernunftlose Geschöpfe aus Caritas lieben, wenn wir sie als die guten Dinge betrachten, die wir für andere begehren, insofern wir nämlich ihre Erhaltung wünschen, zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Menschen; so liebt auch Gott sie aus Caritas.
Woraus die Antwort auf den ersten Einwand ersichtlich ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Ähnlichkeit nach Art einer Spur verleiht nicht die Fähigkeit zum ewigen Leben, wohingegen die Ähnlichkeit des Bildes dies tut: und so hinkt der Vergleich.
Antwort auf Einwand 3: Der Glaube kann sich auf alles erstrecken, was in irgendeiner Weise wahr ist, wohingegen sich die Freundschaft der Caritas nur auf solche Dinge erstreckt, die eine natürliche Fähigkeit zum ewigen Leben haben; weshalb der Vergleich hinkt.