II-II, q. 25 a. 1
Ob die Liebe der Caritas bei Gott stehenbleibt oder sich auf den Nächsten erstreckt?
Quaestio 25 · Vom Gegenstand der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe der Caritas bei Gott stehenbleibt und sich nicht auf den Nächsten erstreckt. Denn wie wir Gott Liebe schulden, so schulden wir Ihm auch Furcht, gemäß Dtn 10,12: „Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als dass du ihn fürchtest ... und ihn liebst?“ Nun ist die Furcht, mit der wir den Menschen fürchten und die menschliche Furcht genannt wird, verschieden von der Furcht, mit der wir Gott fürchten, welche entweder knechtisch oder kindlich ist, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Frage [10], Artikel [2]). Deshalb ist auch die Liebe, mit der wir Gott lieben, verschieden von der Liebe, mit der wir unseren Nächsten lieben.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. viii, 8), dass „geliebt zu werden bedeutet, geehrt zu werden“. Nun ist die Ehre, die Gott gebührt und die als „Latria“ bekannt ist, verschieden von der Ehre, die einem Geschöpf gebührt und als „Dulia“ bekannt ist. Deshalb ist wiederum die Liebe, mit der wir Gott lieben, verschieden von jener, mit der wir unseren Nächsten lieben.
Einwand 3: Ferner bringt die Hoffnung die Caritas hervor, wie eine Glosse zu Mt 1,2 besagt. Nun gebührt die Hoffnung Gott derart, dass es verwerflich ist, auf Menschen zu hoffen, gemäß Jer 17,5: „Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut.“ Deshalb gebührt die Caritas Gott derart, dass sie sich nicht auf unseren Nächsten erstreckt.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (1 Joh 4,21): „Dieses Gebot haben wir von Gott, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Frage [17], Artikel [6]; Frage [19], Artikel [3]; FS, Frage [54], Artikel [3]), werden Habitus nicht unterschieden, es sei denn, ihre Akte seien von verschiedener Spezies. Denn jeder Akt derselben Spezies gehört zum selben Habitus. Da nun die Spezies eines Aktes von seinem Objekt hergeleitet wird, betrachtet unter seinem formalen Aspekt, folgt notwendigerweise, dass es spezifisch derselbe Akt ist, der auf einen Aspekt des Objekts tendiert, und der auf das Objekt unter diesem Aspekt tendiert: so ist es spezifisch derselbe Sehakt, mit dem wir das Licht sehen und mit dem wir die Farbe unter dem Aspekt des Lichtes sehen.
Nun ist der Aspekt, unter dem der Nächste geliebt werden soll, Gott, da das, was wir im Nächsten lieben sollen, dies ist: dass er in Gott sei. Daher ist es klar, dass es spezifisch derselbe Akt ist, durch den wir Gott lieben und durch den wir unseren Nächsten lieben. Folglich erstreckt sich der Habitus der Caritas nicht nur auf die Liebe zu Gott, sondern auch auf die Liebe zum Nächsten.
Antwort auf Einwand 1: Wir können unseren Nächsten fürchten, ebenso wie wir ihn lieben können, auf zweierlei Weise: erstens aufgrund von etwas, das ihm eigen ist, wie wenn ein Mensch einen Tyrannen wegen seiner Grausamkeit fürchtet oder ihn liebt aufgrund seines eigenen Wunsches, etwas von ihm zu bekommen. Eine solche menschliche Furcht ist verschieden von der Furcht Gottes, und dasselbe gilt für die Liebe. Zweitens fürchten wir einen Menschen oder lieben ihn aufgrund dessen, was er von Gott hat; wie wenn wir die weltliche Macht fürchten, weil sie den Dienst Gottes zur Bestrafung der Übeltäter ausübt, und sie wegen ihrer Gerechtigkeit lieben: eine solche Furcht vor Menschen ist nicht verschieden von der Furcht Gottes, ebenso wenig wie eine solche Liebe.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe bezieht sich auf das Gute im Allgemeinen, während die Ehre sich auf das eigene Gut der geehrten Person bezieht, denn sie wird einer Person in Anerkennung ihrer eigenen Tugend erwiesen. Daher wird die Liebe nicht spezifisch unterschieden aufgrund der verschiedenen Grade der Güte in verschiedenen Personen, solange sie auf ein allen gemeinsames Gut bezogen wird; die Ehre hingegen wird unterschieden gemäß dem Gut, das den Einzelnen zukommt. Folglich lieben wir alle unsere Nächsten mit derselben Liebe der Caritas, insofern sie auf ein ihnen allen gemeinsames Gut bezogen sind, welches Gott ist; wohingegen wir verschiedenen Menschen verschiedene Ehren erweisen, gemäß der eigenen Tugend eines jeden, und ebenso erweisen wir Gott die einzigartige Ehre der Latria aufgrund Seiner einzigartigen Tugend.
Antwort auf Einwand 3: Es ist falsch, auf den Menschen zu hoffen, als wäre er der Haupturheber des Heils, aber nicht, auf den Menschen zu hoffen, als helfe er uns dienend unter Gott. In gleicher Weise wäre es falsch, wenn ein Mensch seinen Nächsten liebte, als wäre dieser sein letztes Ziel, aber nicht, wenn er ihn um Gottes willen liebte; und dies ist es, was die Caritas tut.