II-II, q. 24 a. 9
Ob die Liebe zu Recht in drei Stufen eingeteilt wird: Anfang, Fortgang und Vollkommenheit?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint unpassend, drei Stufen der Liebe zu unterscheiden: Anfang, Fortgang und Vollkommenheit. Denn es gibt viele Stufen zwischen dem Anfang der Liebe und ihrer endgültigen Vollkommenheit. Daher ist es nicht richtig, nur eine zu setzen.
Einwand 2: Ferner beginnt die Liebe fortzuschreiten, sobald sie zu sein beginnt. Daher sollten wir nicht zwischen der Liebe als fortschreitend und als beginnend unterscheiden.
Einwand 3: Ferner kann in dieser Welt, wie vollkommen die Liebe eines Menschen auch sein mag, sie zunehmen, wie oben dargelegt (Artikel [7]). Nun bedeutet für die Liebe zuzunehmen, fortzuschreiten. Daher sollte die vollkommene Liebe nicht von der fortschreitenden Liebe unterschieden werden: und so sind die vorgenannten Stufen der Liebe unpassend zugeordnet.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (In prim. canon. Joan. Tract. v): „Sobald die Liebe geboren ist, nimmt sie Nahrung zu sich“, was sich auf die Anfänger bezieht, „nachdem sie Nahrung zu sich genommen hat, wird sie stark“, was sich auf jene bezieht, die fortschreiten, „und wenn sie stark geworden ist, wird sie vollendet“, was sich auf die Vollkommenen bezieht. Daher gibt es drei Stufen der Liebe.
Ich antworte darauf, dass die geistige Zunahme der Liebe in Bezug auf eine gewisse Ähnlichkeit zum Wachstum des menschlichen Körpers betrachtet werden kann. Denn obwohl dieses letztere Wachstum in viele Teile geteilt werden kann, hat es doch gewisse feste Einteilungen gemäß jenen besonderen Handlungen oder Bestrebungen, zu denen der Mensch durch eben dieses Wachstum gebracht wird. So sprechen wir von einem Menschen als einem Kleinkind, bis er den Gebrauch der Vernunft hat, wonach wir einen anderen Zustand des Menschen unterscheiden, worin er zu sprechen und seine Vernunft zu gebrauchen beginnt, während es wiederum einen dritten Zustand gibt, den der Pubertät, wenn er beginnt, die Zeugungskraft zu erwerben, und so weiter, bis er zur Vollkommenheit gelangt.
In gleicher Weise werden die verschiedenen Stufen der Liebe unterschieden gemäß den verschiedenen Bestrebungen, zu denen der Mensch durch die Zunahme der Liebe gebracht wird. Denn zuerst obliegt es dem Menschen, sich hauptsächlich damit zu beschäftigen, die Sünde zu meiden und seinen Begierden zu widerstehen, die ihn im Gegensatz zur Liebe bewegen: dies betrifft die Anfänger, in denen die Liebe genährt oder gepflegt werden muss, damit sie nicht zerstört wird: an zweiter Stelle ist das Hauptbestreben des Menschen, auf den Fortschritt im Guten abzuzielen, und dies ist das Bestreben der Fortgeschrittenen, deren Hauptziel es ist, ihre Liebe zu stärken, indem sie ihr hinzufügen: während das dritte Bestreben des Menschen ist, hauptsächlich auf die Vereinigung mit und den Genuss von Gott abzuzielen: dies gehört den Vollkommenen, die „begehren, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein.“
In gleicher Weise beobachten wir bei der Ortsbewegung, dass zuerst das Entfernen von einem Endpunkt ist, dann die Annäherung an den anderen Endpunkt, und drittens das Ruhen in diesem Endpunkt.
Antwort auf Einwand 1: Alle diese verschiedenen Stufen, die in der Zunahme der Liebe unterschieden werden können, sind in den vorgenannten drei enthalten, so wie jede Teilung kontinuierlicher Dinge in diesen drei enthalten ist – dem Anfang, der Mitte und dem Ende, wie der Philosoph feststellt (De Coelo i, 1).
Antwort auf Einwand 2: Obwohl jene, die Anfänger in der Liebe sind, fortschreiten können, ist doch die Hauptsorge, die sie bedrängt, den Sünden zu widerstehen, die sie durch ihren Ansturm stören. Später jedoch, wenn sie diesen Ansturm weniger spüren, beginnen sie, mit größerer Sicherheit zur Vollkommenheit zu tendieren; doch mit einer Hand die Arbeit verrichtend und mit der anderen das Schwert haltend, wie in 2 Esra 4,17 über jene berichtet wird, die Jerusalem aufbauten.
Antwort auf Einwand 3: Auch die Vollkommenen machen Fortschritte in der Liebe: doch ist dies nicht ihre Hauptsorge, sondern ihr Ziel ist prinzipiell auf die Vereinigung mit Gott gerichtet. Und obwohl sowohl der Anfänger als auch der Fortgeschrittene dies suchen, ist doch ihre Sorge hauptsächlich auf andere Dinge gerichtet, beim Anfänger auf das Meiden der Sünde, beim Fortgeschrittenen auf das Fortschreiten in der Tugend.