II-II, q. 24 a. 8
Ob die Liebe in diesem Leben vollkommen sein kann?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe in diesem Leben nicht vollkommen sein kann. Denn dies wäre bei den Aposteln vor allen anderen der Fall gewesen. Doch war es nicht so, da der Apostel sagt (Phil 3,12): „Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin.“ Daher kann die Liebe in diesem Leben nicht vollkommen sein.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (Qq. lxxxiii, qu. 36), dass „was immer die Liebe entzündet, die Begierde auslöscht, aber wo die Liebe vollkommen ist, ist die Begierde gänzlich beseitigt.“ Aber dies kann nicht in dieser Welt sein, in der es unmöglich ist, ohne Sünde zu leben, gemäß 1 Joh 1,8: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst.“ Nun entsteht alle Sünde aus irgendeiner ungeordneten Begierde. Daher kann die Liebe in diesem Leben nicht vollkommen sein.
Einwand 3: Ferner kann das, was bereits vollkommen ist, nicht mehr vervollkommnet werden. Aber in diesem Leben kann die Liebe immer zunehmen, wie oben dargelegt (Artikel [7]). Daher kann die Liebe in diesem Leben nicht vollkommen sein.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (In prim. canon. Joan. Tract. v): „Die Liebe wird vollendet, indem sie gestärkt wird; und wenn sie zur Vollkommenheit gebracht worden ist, ruft sie aus: ‚Ich begehre aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein.‘“ Nun ist dies in diesem Leben möglich, wie im Falle des Paulus. Daher kann die Liebe in diesem Leben vollkommen sein.
Ich antworte darauf, dass die Vollkommenheit der Liebe auf zwei Weisen verstanden werden kann: erstens in Bezug auf das geliebte Objekt, zweitens in Bezug auf die Person, die liebt. In Bezug auf das geliebte Objekt ist die Liebe vollkommen, wenn das Objekt so sehr geliebt wird, wie es liebenswert ist. Nun ist Gott so liebenswert, wie Er gut ist, und Seine Güte ist unendlich, weshalb Er unendlich liebenswert ist. Aber kein Geschöpf kann Ihn unendlich lieben, da alle geschaffene Kraft endlich ist. Folglich kann die Liebe keines Geschöpfes auf diese Weise vollkommen sein; allein die Liebe Gottes kann es, womit Er Sich selbst liebt.
Von Seiten der Person, die liebt, ist die Liebe vollkommen, wenn sie so sehr liebt, wie sie kann. Dies geschieht auf drei Weisen. Erstens so, dass das ganze Herz des Menschen immer aktuell zu Gott getragen wird: dies ist die Vollkommenheit der Liebe des Himmels und ist in diesem Leben nicht möglich, worin es aufgrund der Schwäche des menschlichen Lebens unmöglich ist, immer aktuell an Gott zu denken und von Liebe zu Ihm bewegt zu werden. Zweitens so, dass der Mensch sich ernsthaft bemüht, seine Zeit Gott und den göttlichen Dingen zu widmen, während er andere Dinge verschmäht, außer insofern die Bedürfnisse des gegenwärtigen Lebens es verlangen. Dies ist die Vollkommenheit der Liebe, die einem Pilger möglich ist; aber sie ist nicht allen gemeinsam, die die Liebe haben. Drittens so, dass ein Mensch sein ganzes Herz habituell Gott gibt, nämlich indem er weder etwas denkt noch begehrt, was der Liebe Gottes entgegensteht; und diese Vollkommenheit ist allen gemeinsam, die die Liebe haben.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel leugnet, dass er die Vollkommenheit des Himmels hat, weshalb eine Glosse zu derselben Stelle sagt, dass „er ein vollkommener Pilger war, aber noch nicht die Vollkommenheit erreicht hatte, zu der der Weg führt.“
Antwort auf Einwand 2: Dies wird aufgrund der lässlichen Sünden gesagt, welche nicht dem Habitus, sondern dem Akt der Liebe entgegenstehen: daher sind sie unvereinbar, nicht mit der Vollkommenheit des Weges, sondern mit der des Himmels.
Antwort auf Einwand 3: Die Vollkommenheit des Weges ist nicht schlechthin Vollkommenheit, weshalb sie immer zunehmen kann.