II-II, q. 24 a. 7
Ob die Liebe unbegrenzt zunimmt?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht unbegrenzt zunimmt. Denn jede Bewegung ist auf ein Ziel und einen Endpunkt hin, wie in Metaph. ii, Text 8,9 dargelegt. Aber die Zunahme der Liebe ist eine Bewegung. Daher tendiert sie zu einem Ziel und Endpunkt. Daher nimmt die Liebe nicht unbegrenzt zu.
Einwand 2: Ferner übersteigt keine Form die Kapazität ihres Subjekts. Aber die Kapazität des rationalen Geschöpfes, welches das Subjekt der Liebe ist, ist endlich. Daher kann die Liebe nicht unbegrenzt zunehmen.
Einwand 3: Ferner kann jedes endliche Ding durch kontinuierliche Zunahme die Quantität eines anderen endlichen Dinges erreichen, wie viel größer es auch sei, es sei denn, der Betrag seiner Zunahme würde immer geringer und geringer. So stellt der Philosoph fest (Phys. iii, 6), dass, wenn wir eine Linie in eine unbegrenzte Anzahl von Teilen teilen und diese Teile wegnehmen und sie unbegrenzt zu einer anderen Linie hinzufügen, wir niemals zu irgendeiner bestimmten Quantität gelangen werden, die aus diesen zwei Linien resultiert, nämlich der einen, von der wir subtrahierten, und der einen, zu der wir das Subtrahierte hinzufügten. Aber dies tritt im vorliegenden Fall nicht auf: weil es keine Notwendigkeit gibt, dass die zweite Zunahme der Liebe geringer ist als die erste, da es vielmehr wahrscheinlich ist, dass sie gleich oder größer wäre. Da also die Liebe der Seligen etwas Endliches ist, würde folgen, wenn die Liebe des Pilgers unbegrenzt zunehmen könnte, dass die Liebe des Weges der Liebe des Himmels gleichen könnte; was absurd ist. Daher kann die Liebe des Pilgers nicht unbegrenzt zunehmen.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Phil 3,12): „Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es wohl ergreifen möge“, worauf eine Glosse sagt: „Selbst wenn er große Fortschritte gemacht hat, soll keiner der Gläubigen sagen: ‚Genug.‘ Denn wer immer dies sagt, verlässt den Weg, bevor er an sein Ziel kommt.“ Daher kann die Liebe des Pilgers immer mehr und mehr zunehmen.
Ich antworte darauf, dass ein Endpunkt für die Zunahme einer Form auf drei Weisen festgesetzt werden kann: erstens aufgrund der Form selbst, die ein festes Maß hat, und wenn dieses erreicht ist, ist es nicht mehr möglich, in dieser Form weiterzugehen, sondern wenn irgendein weiterer Fortschritt gemacht wird, wird eine andere Form erreicht. Ein Beispiel hierfür ist Blässe, deren Grenzen durch kontinuierliche Veränderung überschritten werden können, entweder so, dass Weiße folgt, oder so, dass Schwärze resultiert. Zweitens von Seiten des Agens, dessen Kraft sich nicht auf eine weitere Zunahme der Form in ihrem Subjekt erstreckt. Drittens von Seiten des Subjekts, welches keiner weiteren Vervollkommnung fähig ist.
Nun ist der Zunahme der menschlichen Liebe auf keine dieser Weisen eine Grenze gesetzt, solange er im Zustand des Pilgers ist. Denn die Liebe selbst, als solche betrachtet, hat keine Grenze für ihre Zunahme, da sie eine Teilhabe an der unendlichen Liebe ist, welche der Heilige Geist ist. In gleicher Weise besitzt die Ursache der Zunahme der Liebe, nämlich Gott, unendliche Macht. Ferner kann von Seiten ihres Subjekts keine Grenze für diese Zunahme bestimmt werden, weil, wann immer die Liebe zunimmt, eine entsprechende erhöhte Fähigkeit besteht, eine weitere Zunahme zu empfangen. Es ist daher offensichtlich, dass es nicht möglich ist, irgendwelche Grenzen für die Zunahme der Liebe in diesem Leben festzusetzen.
Antwort auf Einwand 1: Die Zunahme der Liebe ist auf ein Ziel gerichtet, welches nicht in diesem, sondern in einem zukünftigen Leben ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Kapazität des rationalen Geschöpfes wird durch die Liebe vergrößert, weil das Herz dadurch geweitet wird, gemäß 2 Kor 6,11: „Unser Herz ist weit geworden“; so dass es weiterhin fähig bleibt, eine weitere Zunahme zu empfangen.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument gilt bei jenen Dingen, welche dieselbe Art von Quantität haben, aber nicht bei jenen, die verschiedene Arten haben: so erreicht eine Linie, wie sehr sie auch zunehmen mag, nicht die Quantität einer Fläche. Nun ist die Quantität der Liebe eines Pilgers, welche der Erkenntnis des Glaubens folgt, nicht von derselben Art wie die Quantität der Liebe der Seligen, welche der offenen Schau folgt. Daher beweist das Argument nicht.