II-II, q. 24 a. 6
Ob die Liebe durch jeden Akt der Liebe zunimmt?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe durch jeden Akt der Liebe zunimmt. Denn was das tun kann, was mehr ist, kann das tun, was weniger ist. Aber jeder Akt der Liebe kann das ewige Leben verdienen; und dies ist mehr als eine einfache Hinzufügung von Liebe, da es die Vollkommenheit der Liebe einschließt. Viel mehr also vermehrt jeder Akt der Liebe die Liebe.
Einwand 2: Ferner, so wie die Habitus der erworbenen Tugend durch Akte erzeugt werden, so wird auch eine Zunahme der Liebe durch einen Akt der Liebe verursacht. Nun trägt jeder tugendhafte Akt zur Erzeugung der Tugend bei. Daher trägt auch jeder tugendhafte Akt der Liebe zur Zunahme der Liebe bei.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor [*St. Bernhard, Serm. ii in Festo Purif.], dass „auf dem Weg zu Gott stillzustehen bedeutet, zurückzugehen.“ Nun geht kein Mensch zurück, wenn er durch einen Akt der Liebe bewegt wird. Daher geht jeder, der durch einen Akt der Liebe bewegt wird, vorwärts auf dem Weg zu Gott. Daher nimmt die Liebe durch jeden Akt der Liebe zu.
Dagegen spricht, dass die Wirkung nicht die Kraft ihrer Ursache übersteigt. Aber ein Akt der Liebe wird manchmal mit Lauheit oder Schlaffheit getan. Daher trägt er nicht zu einer vorzüglicheren Liebe bei, sondern disponiert eher zu einem niedrigeren Grad.
Ich antworte darauf, dass die geistige Zunahme der Liebe gewissermaßen wie die Zunahme eines Körpers ist. Nun ist die körperliche Zunahme bei Tieren und Pflanzen keine kontinuierliche Bewegung, so dass, wenn ein Ding so viel in so viel Zeit zunimmt, es proportional in jedem Teil dieser Zeit zunehmen müsste, wie es bei der Ortsbewegung geschieht; sondern für eine gewisse Zeitspanne arbeitet die Natur, indem sie für die Zunahme disponiert, ohne irgendeine tatsächliche Zunahme zu verursachen, und bringt danach das zur Wirkung, wozu sie disponiert hatte, indem sie dem Tier oder der Pflanze eine tatsächliche Zunahme gibt. In gleicher Weise nimmt die Liebe nicht tatsächlich durch jeden Akt der Liebe zu, sondern jeder Akt der Liebe disponiert zu einer Zunahme der Liebe, insofern ein Akt der Liebe den Menschen bereiter macht, wieder gemäß der Liebe zu handeln, und wenn diese Bereitschaft zunimmt, bricht der Mensch in einen Akt glühenderer Liebe aus und strebt danach, in der Liebe voranzuschreiten, und dann nimmt seine Liebe tatsächlich zu.
Antwort auf Einwand 1: Jeder Akt der Liebe verdient das ewige Leben, welches jedoch nicht auf der Stelle verliehen wird, sondern zu seiner eigenen Zeit. In gleicher Weise verdient jeder Akt der Liebe eine Zunahme der Liebe; doch findet diese Zunahme nicht sofort statt, sondern wenn wir nach dieser Zunahme streben.
Antwort auf Einwand 2: Selbst wenn eine erworbene Tugend erzeugt wird, vollendet nicht jeder Akt die Bildung der Tugend, sondern trägt zu dieser Wirkung bei, indem er dazu disponiert, während der letzte Akt, welcher der vollkommenste ist und in der Kraft all jener wirkt, die ihm vorausgingen, die Tugend in den Akt überführt, so wie wenn viele Tropfen einen Stein aushöhlen.
Antwort auf Einwand 3: Der Mensch schreitet auf dem Weg zu Gott voran, nicht bloß durch tatsächliche Zunahme der Liebe, sondern auch dadurch, dass er zu dieser Zunahme disponiert wird.