II-II, q. 24 a. 2
Ob die Liebe in uns durch Eingießung verursacht wird?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe in uns nicht durch Eingießung verursacht wird. Denn was allen Geschöpfen gemeinsam ist, ist im Menschen von Natur aus. Nun ist nach Dionysius (Div. Nom. iv) das „göttliche Gut“, welches das Objekt der Liebe ist, „für alle ein Gegenstand der Zuneigung und Liebe.“ Daher ist die Liebe in uns von Natur aus und nicht durch Eingießung.
Einwand 2: Ferner, je liebenswerter eine Sache ist, desto leichter ist es, sie zu lieben. Nun ist Gott im höchsten Maße liebenswert, da Er im höchsten Maße gut ist. Daher ist es leichter, Ihn zu lieben als andere Dinge. Aber wir benötigen keinen eingegossenen Habitus, um andere Dinge zu lieben. Daher benötigen wir auch keinen, um Gott zu lieben.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (1 Tim 1,5): „Das Endziel des Gebotes ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ Nun beziehen sich diese drei auf menschliche Handlungen. Daher wird die Liebe in uns aus vorangehenden Handlungen verursacht und nicht aus Eingießung.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Röm 5,5): „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [1]), die Liebe eine Freundschaft des Menschen zu Gott ist, gegründet auf die Gemeinschaft der ewigen Glückseligkeit. Nun besteht diese Gemeinschaft nicht in Bezug auf natürliche, sondern auf Gnadengaben, denn gemäß Röm 6,23 ist „die Gnadengabe Gottes das ewige Leben“: Daher übersteigt die Liebe selbst unsere natürlichen Fähigkeiten. Was nun das Vermögen der Natur übersteigt, kann weder natürlich sein noch durch die natürlichen Kräfte erworben werden, da eine natürliche Wirkung ihre Ursache nicht übersteigt.
Daher kann die Liebe weder von Natur aus noch durch Erwerb mittels der natürlichen Kräfte in uns sein, sondern durch die Eingießung des Heiligen Geistes, welcher die Liebe des Vaters und des Sohnes ist und dessen Teilhabe in uns die geschaffene Liebe ist, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 1: Dionysius spricht von der Liebe zu Gott, die auf der Gemeinschaft der natürlichen Güter gründet, weshalb sie in allen von Natur aus ist. Andererseits gründet die Liebe (Caritas) auf einer übernatürlichen Gemeinschaft, so dass der Vergleich fehlgeht.
Antwort auf Einwand 2: So wie Gott in sich selbst im höchsten Maße erkennbar ist, jedoch nicht für uns, aufgrund eines Mangels unserer Erkenntnis, die von sinnlichen Dingen abhängt, so ist Gott auch in sich selbst im höchsten Maße liebenswert, insofern Er das Objekt der Glückseligkeit ist. Aber Er ist für uns auf diese Weise nicht im höchsten Maße liebenswert, aufgrund der Neigung unseres Strebevermögens zu sichtbaren Gütern. Daher ist es offensichtlich, dass es notwendig ist, dass die Liebe in unsere Herzen eingegossen wird, damit wir Gott über alles auf diese Weise lieben.
Antwort auf Einwand 3: Wenn gesagt wird, dass in uns die Liebe aus „einem reinen Herzen und einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben“ hervorgeht, so muss dies auf den Akt der Liebe bezogen werden, der durch diese Dinge erweckt wird. Oder wiederum wird dies gesagt, weil die genannten Akte den Menschen disponieren, die Eingießung der Liebe zu empfangen. Die gleiche Bemerkung gilt für den Ausspruch des Augustinus (Tract. ix in prim. canon. Joan.): „Furcht führt zur Liebe“, und für eine Glosse zu Mt 1,2: „Glaube zeugt Hoffnung, und Hoffnung Liebe.“