II-II, q. 24 a. 12
Ob die Liebe durch eine einzige Todsünde verloren geht?
Quaestio 24 · Vom Subjekt der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht durch eine einzige Todsünde verloren geht. Denn Origenes sagt (Peri Archon i): „Wenn ein Mensch, der zur Stufe der Vollkommenheit aufgestiegen ist, gesättigt ist, denke ich nicht, dass er leer werden oder plötzlich abfallen wird; sondern er muss dies notwendigerweise allmählich und nach und nach tun.“ Aber der Mensch fällt ab, indem er die Liebe verliert. Daher wird die Liebe nicht durch nur eine Todsünde verloren.
Einwand 2: Ferner spricht Papst Leo in einer Predigt über die Passion (60) Petrus so an: „Unser Herr sah in dir nicht einen besiegten Glauben, nicht eine abgewandte Liebe, sondern erschütterte Beständigkeit. Tränen flossen reichlich, wo die Liebe niemals fehlte, und die in Angst geäußerten Worte wurden durch den Quell der Liebe abgewaschen.“ Hieraus zog Bernhard [*Wilhelm von St. Thierry, De Nat. et Dig. Amoris. vi.] seine Behauptung, dass „die Liebe in Petrus nicht ausgelöscht, sondern abgekühlt war.“ Aber Petrus sündigte tödlich, indem er Christus verleugnete. Daher wird die Liebe nicht durch eine einzige Todsünde verloren.
Einwand 3: Ferner ist die Liebe stärker als eine erworbene Tugend. Nun wird ein Habitus der erworbenen Tugend nicht durch einen einzigen gegenteiligen sündhaften Akt zerstört. Viel weniger also wird die Liebe durch eine einzige gegenteilige Todsünde zerstört.
Einwand 4: Ferner bezeichnet Liebe die Liebe zu Gott und unserem Nächsten. Nun kann man anscheinend eine Todsünde begehen und doch die Liebe zu Gott und seinem Nächsten behalten; weil eine ungeordnete Neigung zu Dingen, die auf das Ziel hingeordnet sind, die Liebe zum Ziel nicht entfernt, wie oben dargelegt (Artikel [10]). Daher kann die Liebe zu Gott andauern, obwohl eine Todsünde durch eine ungeordnete Neigung zu irgendeinem zeitlichen Gut vorliegt.
Einwand 5: Ferner ist das Objekt einer theologischen Tugend das letzte Ziel. Nun werden die anderen theologischen Tugenden, nämlich Glaube und Hoffnung, nicht durch eine einzige Todsünde beseitigt, tatsächlich bleiben sie, wenn auch leblos. Daher kann die Liebe ohne eine Form bleiben, selbst wenn eine Todsünde begangen wurde.
Dagegen spricht, dass der Mensch durch Todsünde den ewigen Tod verdient, gemäß Röm 6,23: „Der Lohn der Sünde ist der Tod.“ Andererseits verdient jeder, der die Liebe hat, das ewige Leben, denn es steht geschrieben (Joh 14,21): „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden: und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“, in welcher Offenbarung das ewige Leben besteht, gemäß Joh 17,3: „Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den ... wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Nun kann kein Mensch zur gleichen Zeit des ewigen Lebens und des ewigen Todes würdig sein. Daher ist es unmöglich für einen Menschen, die Liebe mit einer Todsünde zu haben. Daher wird die Liebe durch eine einzige Todsünde zerstört.
Ich antworte darauf, dass das eine Gegenteil durch das hinzukommende andere Gegenteil entfernt wird. Nun ist jede Todsünde der Liebe durch ihre bloße Natur entgegengesetzt, welche darin besteht, dass der Mensch Gott über alles liebt und sich Ihm gänzlich unterwirft, indem er alles, was sein ist, auf Gott bezieht. Es ist daher wesentlich für die Liebe, dass der Mensch Gott so liebt, dass er sich Ihm in allen Dingen unterwerfen will und immer der Regel Seiner Gebote folgen will; da was immer Seinen Geboten entgegengesetzt ist, offensichtlich der Liebe entgegengesetzt ist und daher durch seine bloße Natur fähig ist, die Liebe zu zerstören.
Wenn die Liebe tatsächlich ein erworbener Habitus wäre, der von der Kraft seines Subjekts abhinge, würde sie nicht notwendigerweise durch eine einzige Todsünde entfernt werden, denn der Akt ist direkt dem Akt entgegengesetzt, nicht dem Habitus. Nun erfordert das Andauern eines Habitus in seinem Subjekt nicht das Andauern seines Aktes, so dass, wenn ein gegenteiliger Akt hinzukommt, der erworbene Habitus nicht sofort beseitigt wird. Aber die Liebe, da sie ein eingegossener Habitus ist, hängt von der Handlung Gottes ab, Der sie eingießt, Der in Bezug auf die Eingießung und Bewahrung der Liebe so steht wie die Sonne zur Verbreitung des Lichts in der Luft, wie oben dargelegt (Artikel [10], Einwand 3). Folglich, so wie das Licht in der Luft sofort aufhören würde, wenn ein Hindernis dagegen platziert würde, dass sie von der Sonne erleuchtet wird, ebenso hört die Liebe sofort auf, in der Seele zu sein, durch das Platzieren eines Hindernisses gegen das Ausgießen der Liebe durch Gott in die Seele.
Nun ist es offensichtlich, dass durch jede Todsünde, die den Geboten Gottes entgegengesetzt ist, ein Hindernis gegen das Ausgießen der Liebe platziert wird, da aus der bloßen Tatsache, dass ein Mensch wählt, die Sünde der Freundschaft Gottes vorzuziehen, welche erfordert, dass wir Seinem Willen gehorchen, folgt, dass der Habitus der Liebe sofort durch eine einzige Todsünde verloren geht. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. viii, 12), dass „der Mensch durch Gottes Anwesenheit erleuchtet wird, aber er sofort durch Gottes Abwesenheit verfinstert wird, weil die Distanz zu Ihm nicht durch Ortswechsel bewirkt wird, sondern durch Abwendung des Willens.“
Antwort auf Einwand 1: Dieser Ausspruch des Origenes kann auf eine Weise so verstanden werden, dass ein Mensch, der im Zustand der Vollkommenheit ist, nicht plötzlich so weit geht, eine Todsünde zu begehen, sondern durch irgendeine vorherige Nachlässigkeit dazu disponiert wird, aus welchem Grund lässliche Sünden Dispositionen zur Todsünde genannt werden, wie oben dargelegt (FS, Frage [88], Artikel [3]). Dennoch fällt er und verliert die Liebe durch die eine Todsünde, wenn er sie begeht.
Da er jedoch hinzufügt: „Wenn irgendein leichter Ausrutscher auftreten sollte und er sich schnell erholt, scheint er nicht gänzlich zu fallen“, können wir auf eine andere Weise antworten, dass, wenn er von einem Menschen spricht, der leer wird und gänzlich abfällt, er einen meint, der so fällt, dass er aus Bosheit sündigt; und dies tritt bei einem vollkommenen Menschen nicht auf einmal ein.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe kann auf zwei Weisen verloren werden; erstens direkt, durch tatsächliche Verachtung, und auf diese Weise verlor Petrus die Liebe nicht. Zweitens indirekt, wenn eine Sünde gegen die Liebe begangen wird, durch irgendeine Leidenschaft der Begierde oder Furcht; indem er auf diese Weise gegen die Liebe sündigte, verlor Petrus die Liebe; doch erlangte er sie bald wieder.
Die Antwort auf den dritten Einwand ist aus dem Gesagten ersichtlich.
Antwort auf Einwand 4: Nicht jede ungeordnete Neigung zu Dingen, die auf das Ziel hingeordnet sind, d. h. zu geschaffenen Gütern, stellt eine Todsünde dar, sondern nur eine solche, die dem göttlichen Willen direkt entgegengesetzt ist; und dann ist die ungeordnete Neigung der Liebe entgegengesetzt, wie dargelegt.
Antwort auf Einwand 5: Liebe bezeichnet Vereinigung mit Gott, wohingegen Glaube und Hoffnung dies nicht tun. Nun besteht jede Todsünde in der Abwendung von Gott, wie oben dargelegt (Gen. ad lit. viii, 12). Folglich ist jede Todsünde der Liebe entgegengesetzt, aber nicht dem Glauben und der Hoffnung, sondern nur gewisse bestimmte Sünden, die den Habitus des Glaubens oder der Hoffnung zerstören, so wie die Liebe durch jede Todsünde zerstört wird. Daher ist es offensichtlich, dass die Liebe nicht leblos bleiben kann, da sie selbst die ultimative Form bezüglich Gottes unter dem Aspekt des letzten Ziels ist, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [8]).