II-II, q. 19 a. 8
Ob die anfängliche Furcht sich wesentlich von der kindlichen Furcht unterscheidet?
Quaestio 19 · Von der Gabe der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die anfängliche Furcht sich wesentlich von der kindlichen Furcht unterscheidet. Denn die kindliche Furcht wird durch Liebe verursacht. Nun ist die anfängliche Furcht der Anfang der Liebe, gemäß Sir. 25,16: „Die Furcht Gottes ist der Anfang der Liebe.“ Daher ist die anfängliche Furcht von der kindlichen Furcht verschieden.
Einwand 2: Ferner fürchtet die anfängliche Furcht Strafe, was das Objekt der knechtischen Furcht ist, so dass anfängliche und knechtische Furcht dasselbe zu sein scheinen. Aber die knechtische Furcht ist von der kindlichen Furcht verschieden. Daher ist auch die anfängliche Furcht wesentlich von der kindlichen Furcht verschieden.
Einwand 3: Ferner unterscheidet sich eine Mitte im gleichen Verhältnis von beiden Extremen. Nun ist die anfängliche Furcht die Mitte zwischen knechtischer und kindlicher Furcht. Daher unterscheidet sie sich sowohl von der kindlichen als auch von der knechtischen Furcht.
Dagegen spricht, dass Vollkommenes und Unvollkommenes die Substanz eines Dinges nicht diversifizieren. Nun unterscheiden sich anfängliche und kindliche Furcht hinsichtlich der Vollkommenheit und Unvollkommenheit der Caritas, wie Augustinus feststellt (In prim. canon. Joan. Tract. ix). Daher unterscheidet sich die anfängliche Furcht nicht wesentlich von der kindlichen Furcht.
Ich antworte darauf, dass die anfängliche Furcht so genannt wird, weil sie ein Anfang [initium] ist. Da jedoch sowohl die knechtische als auch die kindliche Furcht auf gewisse Weise der Anfang der Weisheit sind, kann jede auf gewisse Weise anfänglich genannt werden.
Es ist jedoch nicht in diesem Sinne, dass wir die anfängliche Furcht verstehen sollen, insofern sie von der knechtischen und kindlichen Furcht verschieden ist, sondern in dem Sinne, gemäß dem sie zum Zustand der Anfänger gehört, in denen ein Anfang der kindlichen Furcht ist, der aus einem Anfang der Caritas resultiert, obwohl sie noch nicht die Vollkommenheit der kindlichen Furcht besitzen, weil sie noch nicht zur Vollkommenheit der Caritas gelangt sind. Folglich steht die anfängliche Furcht in derselben Beziehung zur kindlichen Furcht wie die unvollkommene zur vollkommenen Caritas. Nun unterscheiden sich vollkommene und unvollkommene Caritas nicht dem Wesen nach, sondern dem Zustand nach. Daher müssen wir schließen, dass die anfängliche Furcht, wie wir sie hier verstehen, sich nicht wesentlich von der kindlichen Furcht unterscheidet.
Antwort auf Einwand 1: Die Furcht, die ein Anfang der Liebe ist, ist die knechtische Furcht, die der Vorbote der Caritas ist, so wie die Borste den Faden einführt, wie Augustinus feststellt (Tract. ix in Ep. i Joan.). Oder aber, wenn es auf die anfängliche Furcht bezogen wird, so wird diese der Anfang der Liebe genannt, nicht absolut, sondern relativ zum Zustand der vollkommenen Caritas.
Antwort auf Einwand 2: Die anfängliche Furcht fürchtet Strafe nicht als ihr eigentliches Objekt, sondern als etwas von der knechtischen Furcht mit sich Führendes: denn diese knechtische Furcht bleibt ihrer Substanz nach zwar mit der Caritas bestehen, wobei ihre Knechtschaft abgelegt ist; wohingegen ihr Akt mit der unvollkommenen Caritas in dem Menschen bleibt, der bewegt wird, gute Handlungen nicht nur aus Liebe zur Gerechtigkeit zu vollbringen, sondern auch aus Furcht vor Strafe, obwohl dieser selbe Akt in dem Menschen aufhört, der die vollkommene Caritas hat, welche „die Furcht austreibt“, gemäß 1 Joh. 4,18.
Antwort auf Einwand 3: Die anfängliche Furcht ist eine Mitte zwischen knechtischer und kindlicher Furcht, nicht wie zwischen zwei Dingen derselben Gattung, sondern wie das Unvollkommene eine Mitte zwischen einem vollkommenen Sein und einem Nicht-Sein ist, wie in Metaph. ii festgestellt, denn es ist der Substanz nach dasselbe wie das vollkommene Sein, während es sich gänzlich vom Nicht-Sein unterscheidet.