II-II, q. 19 a. 2
Ob die Furcht angemessen in kindliche, anfängliche, knechtische und weltliche Furcht eingeteilt wird?
Quaestio 19 · Von der Gabe der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Furcht unangemessen in kindliche, anfängliche, knechtische und weltliche Furcht eingeteilt wird. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 15), dass es sechs Arten der Furcht gibt, nämlich „Trägheit, Schamhaftigkeit“ usw., von denen wir oben gehandelt haben (FS, Frage [41], Artikel [4]), und die in der fraglichen Einteilung nicht erwähnt werden. Daher scheint diese Einteilung der Furcht unangemessen.
Einwand 2: Ferner ist jede dieser Furchtarten entweder gut oder böse. Aber es gibt eine Furcht, nämlich die natürliche Furcht, die weder moralisch gut ist, da sie in den Dämonen ist, gemäß Jakobus 2,19: „Die Teufel . . . glauben und zittern“, noch böse, da sie in Christus ist, gemäß Mk. 14,33: Jesus „fing an zu zittern und sich zu ängstigen“. Daher ist die genannte Einteilung der Furcht unzureichend.
Einwand 3: Ferner unterscheidet sich die Beziehung des Sohnes zum Vater von der der Frau zum Ehemann, und diese wiederum von der des Knechtes zum Herrn. Nun ist die kindliche Furcht, welche die des Sohnes im Vergleich zu seinem Vater ist, verschieden von der knechtischen Furcht, welche die des Knechtes im Vergleich zu seinem Herrn ist. Daher sollte die keusche Furcht, welche die der Frau im Vergleich zu ihrem Ehemann zu sein scheint, von all diesen anderen Furchtarten unterschieden werden.
Einwand 4: Ferner, so wie die knechtische Furcht die Strafe fürchtet, so tun dies auch die anfängliche und die weltliche Furcht. Daher sollte zwischen ihnen keine Unterscheidung getroffen werden.
Einwand 5: Ferner, so wie die Begierde sich auf ein Gut bezieht, so bezieht sich die Furcht auf ein Übel. Nun ist die „Augenlust“, welche das Verlangen nach Dingen dieser Welt ist, verschieden von der „Fleischeslust“, welche das Verlangen nach dem eigenen Vergnügen ist. Daher ist die „weltliche Furcht“, durch die man fürchtet, äußere Güter zu verlieren, verschieden von der „menschlichen Furcht“, durch die man Schaden an der eigenen Person fürchtet.
Dagegen spricht die Autorität des Meisters (Sent. iii, D, 34).
Ich antworte darauf, dass wir jetzt von der Furcht sprechen, insofern sie uns gewissermaßen zu Gott hinwendet oder von Ihm abwendet. Denn da der Gegenstand der Furcht ein Übel ist, zieht sich der Mensch manchmal wegen der Übel, die er fürchtet, von Gott zurück, und dies wird menschliche Furcht genannt; während er sich manchmal wegen der Übel, die er fürchtet, Gott zuwendet und Ihm anhängt. Dieses letztere Übel ist zweifach, nämlich das Übel der Strafe und das Übel der Schuld.
Dementsprechend, wenn ein Mensch sich Gott zuwendet und Ihm anhängt aus Furcht vor Strafe, so wird dies knechtische Furcht sein; wenn es aber aus Furcht vor der Begehung einer Schuld geschieht, so wird es kindliche Furcht sein, denn es ziemt einem Kind, zu fürchten, seinen Vater zu beleidigen. Wenn es jedoch wegen beidem geschieht, so wird es anfängliche Furcht sein, die zwischen diesen beiden Furchtarten steht. Ob es möglich ist, das Übel der Schuld zu fürchten, wurde oben behandelt (FS, Frage [42], Artikel [3]), als wir die Leidenschaft der Furcht betrachteten.
Antwort auf Einwand 1: Damascenus teilt die Furcht als eine Leidenschaft der Seele ein: wohingegen diese Einteilung der Furcht aus ihrer Beziehung zu Gott genommen ist, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 2: Das moralisch Gute besteht hauptsächlich in der Hinwendung zu Gott, während das moralisch Böse hauptsächlich in der Abwendung von Ihm besteht: weshalb alle oben genannten Furchtarten entweder moralisches Übel oder moralisches Gut implizieren. Nun wird die natürliche Furcht dem moralisch Guten und Bösen vorausgesetzt, und so wird sie nicht unter diese Arten der Furcht gezählt.
Antwort auf Einwand 3: Die Beziehung des Knechtes zum Herrn gründet auf der Macht, die der Herr über den Knecht ausübt; wohingegen im Gegensatz dazu die Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater oder einer Frau zu ihrem Ehemann auf der Zuneigung des Sohnes zu seinem Vater gründet, dem er sich unterwirft, oder auf der Zuneigung der Frau zu ihrem Ehemann, an den sie sich in der Vereinigung der Liebe bindet. Daher laufen kindliche und keusche Furcht auf dasselbe hinaus, weil durch die Liebe der Caritas Gott unser Vater wird, gemäß Röm. 8,15: „Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba [Vater]“; und durch dieselbe Caritas wird Er unser Bräutigam genannt, gemäß 2 Kor. 11,2: „Ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau Christus zuzuführen“: wohingegen die knechtische Furcht keine Verbindung zu diesen hat, da sie die Caritas nicht in ihrer Definition einschließt.
Antwort auf Einwand 4: Diese drei Furchtarten beziehen sich auf Strafe, aber in unterschiedlicher Weise. Denn weltliche oder menschliche Furcht bezieht sich auf eine Strafe, die den Menschen von Gott abwendet, und die Gottes Feinde manchmal zufügen oder androhen: wohingegen knechtische und anfängliche Furcht sich auf eine Strafe beziehen, durch die Menschen zu Gott gezogen werden, und die von Gott zugefügt oder angedroht wird. Die knechtische Furcht bezieht sich hauptsächlich auf diese Strafe, während die anfängliche Furcht sich sekundär darauf bezieht.
Antwort auf Einwand 5: Es läuft auf dasselbe hinaus, ob der Mensch sich von Gott abwendet aus Furcht vor dem Verlust seiner weltlichen Güter oder aus Furcht vor dem Verlust des Wohlergehens seines Körpers, da äußere Güter zum Körper gehören. Daher werden diese beiden Furchtarten hier als eine gerechnet, obwohl sie verschiedene Übel fürchten, so wie sie auch dem Verlangen nach verschiedenen Gütern entsprechen. Diese Verschiedenheit verursacht eine spezifische Verschiedenheit der Sünden, die jedoch alle gleichermaßen den Menschen von Gott wegführen.