II-II, q. 19 a. 10
Ob die Furcht abnimmt, wenn die Liebe zunimmt?
Quaestio 19 · Von der Gabe der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Furcht abnimmt, wenn die Liebe zunimmt. Denn Augustinus sagt (In prim. canon. Joan. Tract. ix): „Je mehr die Liebe zunimmt, desto mehr nimmt die Furcht ab.“
Einwand 2: Ferner nimmt die Furcht ab, wenn die Hoffnung zunimmt. Aber die Liebe nimmt zu, wenn die Hoffnung zunimmt, wie oben festgestellt (Frage [17], Artikel [8]). Daher nimmt die Furcht ab, wenn die Liebe zunimmt.
Einwand 3: Ferner impliziert Liebe Vereinigung, wohingegen Furcht Trennung impliziert. Nun nimmt die Trennung ab, wenn die Vereinigung zunimmt. Daher nimmt die Furcht ab, wenn die Liebe der Caritas zunimmt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Qq. lxxxiii, qu. 36), dass „die Furcht Gottes die Weisheit nicht nur beginnt, sondern auch vollendet, wodurch wir Gott über alles lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.“
Ich antworte darauf, dass die Furcht zweifach ist, wie oben festgestellt (Artikel [2],4); die eine ist die kindliche Furcht, durch die ein Sohn fürchtet, seinen Vater zu beleidigen oder von ihm getrennt zu werden; die andere ist die knechtische Furcht, durch die man Strafe fürchtet.
Nun muss die kindliche Furcht notwendigerweise zunehmen, wenn die Liebe zunimmt, so wie eine Wirkung mit der Zunahme ihrer Ursache zunimmt. Denn je mehr man einen Menschen liebt, desto mehr fürchtet man, ihn zu beleidigen und von ihm getrennt zu werden.
Andererseits wird die knechtische Furcht hinsichtlich ihrer Knechtschaft gänzlich ausgetrieben, wenn die Liebe kommt, obwohl die Furcht vor Strafe ihrer Substanz nach bleibt, wie oben festgestellt (Artikel [6]). Diese Furcht nimmt ab, wenn die Liebe zunimmt, hauptsächlich hinsichtlich ihres Aktes, da, je mehr ein Mensch Gott liebt, er desto weniger die Strafe fürchtet; erstens, weil er weniger an sein eigenes Gut denkt, dem die Strafe entgegengesetzt ist; zweitens, weil er, je fester er anhängt, desto zuversichtlicher auf den Lohn hofft und folglich weniger furchtsam vor der Strafe ist.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht dort von der Furcht vor Strafe.
Antwort auf Einwand 2: Es ist die Furcht vor Strafe, die abnimmt, wenn die Hoffnung zunimmt; aber mit der Zunahme der letzteren nimmt die kindliche Furcht zu, weil, je gewisser ein Mensch erwartet, ein Gut durch die Hilfe eines anderen zu erlangen, er desto mehr fürchtet, ihn zu beleidigen oder von ihm getrennt zu werden.
Antwort auf Einwand 3: Die kindliche Furcht impliziert nicht Trennung von Gott, sondern Unterwerfung unter Ihn, und meidet die Trennung von dieser Unterwerfung. Doch impliziert sie auf eine Weise Trennung, in dem Punkt, sich nicht anzumaßen, sich Ihm gleichzustellen, und sich Ihm zu unterwerfen, welche Trennung sogar in der Caritas zu beobachten ist, insofern ein Mensch Gott mehr liebt als sich selbst und mehr als irgendetwas sonst. Daher impliziert die Zunahme der Liebe der Caritas keine Abnahme, sondern eine Zunahme der Ehrfurcht der Furcht.