II-II, q. 19 a. 12
Ob die Armut im Geiste die der Gabe der Furcht entsprechende Seligpreisung ist?
Quaestio 19 · Von der Gabe der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Armut im Geiste nicht die der Gabe der Furcht entsprechende Seligpreisung ist. Denn Furcht ist der Anfang des geistlichen Lebens, wie oben erklärt (Artikel [7]): wohingegen Armut zur Vollkommenheit des geistlichen Lebens gehört, gemäß Mt. 19,21: „Wenn du vollkommen sein willst, geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ Daher entspricht die Armut im Geiste nicht der Gabe der Furcht.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Ps. 118,120): „Durchbohre mein Fleisch mit deiner Furcht“, woraus zu folgen scheint, dass es zur Furcht gehört, das Fleisch zu zügeln. Aber die Zügelung des Fleisches scheint eher zur Seligpreisung der Trauernden zu gehören. Daher entspricht die Seligpreisung der Trauernden eher der Gabe der Furcht als die Seligpreisung der Armut.
Einwand 3: Ferner entspricht die Gabe der Furcht der Tugend der Hoffnung, wie oben festgestellt (Artikel [9], ad 1). Nun scheint die letzte Seligpreisung, welche lautet: „Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden“, vor allem der Hoffnung zu entsprechen, weil wir uns gemäß Röm. 5,2 „rühmen in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes“. Daher entspricht jene Seligpreisung eher der Gabe der Furcht als die Armut im Geiste.
Einwand 4: Ferner wurde oben festgestellt (FS, Frage [70], Artikel [2]), dass die Früchte den Seligpreisungen entsprechen. Nun entspricht keine der Früchte der Gabe der Furcht. Daher auch keine der Seligpreisungen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Serm. Dom. in Monte i, 4): „Die Furcht des Herrn ziemt den Demütigen, von denen gesagt wird: Selig sind die Armen im Geiste.“
Ich antworte darauf, dass die Armut im Geiste eigentlich der Furcht entspricht. Denn da es zur kindlichen Furcht gehört, Ehrfurcht und Unterwerfung gegenüber Gott zu zeigen, gehört alles, was aus dieser Unterwerfung resultiert, zur Gabe der Furcht. Nun folgt aus der Tatsache, dass ein Mensch sich Gott unterwirft, dass er aufhört, Größe entweder in sich selbst oder in einem anderen zu suchen, sondern sie nur in Gott sucht. Denn das wäre unvereinbar mit vollkommener Unterwerfung unter Gott, weshalb geschrieben steht (Ps. 19,8): „Jene vertrauen auf Wagen und diese auf Rosse; wir aber werden den Namen . . . unseres Gottes anrufen.“ Es folgt, dass, wenn ein Mensch Gott vollkommen fürchtet, er nicht durch Stolz Größe entweder in sich selbst oder in äußeren Gütern, nämlich Ehren und Reichtümern, sucht. In beiden Fällen geht dies aus der Armut im Geiste hervor, insofern letztere entweder die Entleerung eines aufgeblasenen und stolzen Geistes bezeichnet, gemäß Augustinus' Auslegung (De Serm. Dom. in Monte i, 4), oder den Verzicht auf weltliche Güter, der im Geiste geschieht, d.h. durch den eigenen Willen, durch die Anregung des Heiligen Geistes, gemäß der Auslegung von Ambrosius zu Lk. 6,20 und Hieronymus zu Mt. 5,3.
Antwort auf Einwand 1: Da eine Seligpreisung ein Akt vollkommener Tugend ist, gehören alle Seligpreisungen zur Vollkommenheit des geistlichen Lebens. Und diese Vollkommenheit scheint zu erfordern, dass jeder, der danach strebt, einen vollkommenen Anteil an geistlichen Gütern zu erlangen, damit beginnen muss, irdische Güter zu verachten, weshalb die Furcht den ersten Platz unter den Gaben einnimmt. Vollkommenheit besteht jedoch nicht im Verzicht auf zeitliche Güter selbst; da dies der Weg zur Vollkommenheit ist: wohingegen die kindliche Furcht, der die Seligpreisung der Armut entspricht, mit der Vollkommenheit der Weisheit vereinbar ist, wie oben festgestellt (Artikel [7],10).
Antwort auf Einwand 2: Die ungebührliche Erhöhung des Menschen entweder in sich selbst oder in einem anderen ist jener Unterwerfung unter Gott, die das Ergebnis der kindlichen Furcht ist, direkter entgegengesetzt als äußeres Vergnügen. Doch ist dieses folglich der Furcht entgegengesetzt, da jeder, der Gott fürchtet und Ihm unterworfen ist, kein Vergnügen an anderen Dingen als Gott findet. Dennoch befasst sich das Vergnügen nicht, wie die Erhöhung, mit dem schwierigen Charakter eines Dinges, den die Furcht betrachtet: und so entspricht die Seligpreisung der Armut der Furcht direkt, und die Seligpreisung der Trauernden folglich.
Antwort auf Einwand 3: Hoffnung bezeichnet eine Bewegung im Sinne einer Beziehung der Tendenz zu einem Terminus, wohingegen Furcht Bewegung im Sinne einer Beziehung des Rückzugs von einem Terminus impliziert: weshalb die letzte Seligpreisung, die der Terminus der geistlichen Vollkommenheit ist, passenderweise der Hoffnung entspricht, im Sinne des letzten Objekts; während die erste Seligpreisung, die den Rückzug von äußeren Dingen impliziert, welche die Unterwerfung unter Gott hindern, passenderweise der Furcht entspricht.
Antwort auf Einwand 4: Was die Früchte betrifft, so scheint es, dass jene Dinge der Gabe der Furcht entsprechen, die zum maßvollen Gebrauch zeitlicher Dinge oder zur Enthaltsamkeit davon gehören; solche sind Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit.