II-II, q. 19 a. 4
Ob die knechtische Furcht gut ist?
Quaestio 19 · Von der Gabe der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die knechtische Furcht nicht gut ist. Denn wenn der Gebrauch eines Dinges böse ist, ist das Ding selbst böse. Nun ist der Gebrauch der knechtischen Furcht böse, denn gemäß einer Glosse zu Röm. 8,15: „wenn ein Mensch etwas aus Furcht tut, obwohl die Tat gut ist, ist sie nicht gut getan.“ Daher ist die knechtische Furcht nicht gut.
Einwand 2: Ferner wächst kein Gut aus einer sündigen Wurzel. Nun wächst die knechtische Furcht aus einer sündigen Wurzel, denn im Kommentar zu Hiob 3,11: „Warum bin ich nicht im Mutterleib gestorben?“ sagt Gregor (Moral. iv, 25): „Wenn ein Mensch die Strafe fürchtet, die ihm für seine Sünde bevorsteht, und die Freundschaft Gottes, die er verloren hat, nicht mehr liebt, ist seine Furcht aus Stolz geboren, nicht aus Demut.“ Daher ist die knechtische Furcht böse.
Einwand 3: Ferner, so wie die Lohnliebe der Liebe der Caritas entgegengesetzt ist, so ist die knechtische Furcht anscheinend der keuschen Furcht entgegengesetzt. Aber die Lohnliebe ist immer böse. Daher ist es auch die knechtische Furcht.
Dagegen spricht: Nichts Böses ist vom Heiligen Geist. Aber die knechtische Furcht ist vom Heiligen Geist, da eine Glosse zu Röm. 8,15: „Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen“ usw. sagt: „Es ist ein und derselbe Geist, der zwei Furchtarten verleiht, nämlich die knechtische und die keusche Furcht.“ Daher ist die knechtische Furcht nicht böse.
Ich antworte darauf, dass die knechtische Furcht aufgrund ihrer Knechtschaft böse sein kann. Denn Knechtschaft ist der Freiheit entgegengesetzt. Da nun „frei ist, was Ursache seiner selbst ist“ (Metaph. i, 2), ist ein Sklave einer, der nicht als Ursache seiner eigenen Handlung agiert, sondern als ob er von außen bewegt würde. Nun tut jeder, der etwas aus Liebe tut, es sozusagen aus sich selbst, weil er durch seine eigene Neigung zum Handeln bewegt wird: so dass es dem eigentlichen Begriff der Knechtschaft widerspricht, dass man aus Liebe handelt. Folglich ist die knechtische Furcht als solche der Caritas entgegengesetzt: so dass, wenn die Knechtschaft wesentlich für die Furcht wäre, die knechtische Furcht schlechthin böse wäre, so wie Ehebruch schlechthin böse ist, weil das, was ihn der Caritas entgegengesetzt macht, zu seiner eigentlichen Spezies gehört.
Diese Knechtschaft gehört jedoch nicht zur Spezies der knechtischen Furcht, so wie auch die Leblosigkeit nicht zur Spezies des toten Glaubens gehört. Denn die Spezies einer moralischen Haltung oder Handlung wird vom Objekt genommen. Nun ist das Objekt der knechtischen Furcht die Strafe, und es ist akzidentell, dass entweder das Gut, dem die Strafe entgegengesetzt ist, als letztes Ziel geliebt wird und dass folglich die Strafe als das größte Übel gefürchtet wird, was bei dem der Fall ist, der ohne Caritas ist, oder dass die Strafe auf Gott als ihr Ziel hingeordnet ist und dass sie folglich nicht als das größte Übel gefürchtet wird, was bei dem der Fall ist, der die Caritas hat. Denn die Spezies einer Haltung wird nicht dadurch zerstört, dass ihr Objekt oder Ziel auf ein weiteres Ziel hingeordnet wird. Folglich ist die knechtische Furcht der Substanz nach gut, aber ihre Knechtschaft ist böse.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Ausspruch von Augustinus ist auf einen Menschen anzuwenden, der etwas aus knechtischer Furcht als solcher tut, so dass er nicht die Gerechtigkeit liebt und nichts als die Strafe fürchtet.
Antwort auf Einwand 2: Die knechtische Furcht ist ihrer Substanz nach nicht aus Stolz geboren, wohl aber ihre Knechtschaft, insofern der Mensch nicht willens ist, seine Neigungen durch Liebe unter das Joch der Gerechtigkeit zu unterwerfen.
Antwort auf Einwand 3: Lohnliebe ist jene, durch die Gott um weltlicher Güter willen geliebt wird, und dies ist an sich der Caritas entgegengesetzt, so dass Lohnliebe immer böse ist. Aber knechtische Furcht impliziert ihrer Substanz nach lediglich Furcht vor Strafe, ob diese nun als das Hauptübel gefürchtet wird oder nicht.