II-II, q. 154 a. 3
Ob die Unzucht die schwerste der Sünden ist?
Quaestio 154 · Von den Teilen der Wollust
Einwand 1: Es scheint, dass die Unzucht die schwerste der Sünden ist. Denn anscheinend ist eine Sünde umso schwerer, je mehr sie aus einem größeren sinnlichen Vergnügen hervorgeht. Nun ist das größte sinnliche Vergnügen in der Unzucht, denn eine Glosse zu 1 Kor 7,9 sagt, dass die „Flamme des sinnlichen Vergnügens in der Unkeuschheit am heftigsten ist“. Daher scheint es, dass die Unzucht die schwerste der Sünden ist.
Einwand 2: Ferner ist eine Sünde umso schwerer, die gegen eine Person begangen wird, die dem Sünder enger verbunden ist: so sündigt derjenige schwerer, der seinen Vater schlägt, als einer, der einen Fremden schlägt. Nun sündigt gemäß 1 Kor 6,18 „wer Unzucht treibt, gegen seinen eigenen Leib“, welcher mit einem Menschen am innigsten verbunden ist. Daher scheint es, dass die Unzucht die schwerste der Sünden ist.
Einwand 3: Ferner, je größer ein Gut ist, desto schwerer scheint die Sünde zu sein, die dagegen begangen wird. Nun steht die Sünde der Unzucht anscheinend dem Gut des ganzen Menschengeschlechts entgegen, wie aus dem im vorigen Artikel Gesagten hervorgeht. Sie ist auch gegen Christus, gemäß 1 Kor 6,15: „Soll ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen?“ Daher ist die Unzucht die schwerste der Sünden.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. 33,12), dass die Sünden des Fleisches weniger schwer sind als geistige Sünden.
Ich antworte darauf, dass die Schwere einer Sünde auf zwei Weisen bemessen werden kann, erstens im Hinblick auf die Sünde an sich, zweitens im Hinblick auf irgendein Akzidens. Die Schwere einer Sünde wird im Hinblick auf die Sünde selbst bemessen aufgrund ihrer Spezies, welche gemäß dem Gut bestimmt wird, dem diese Sünde entgegensteht. Nun ist die Unzucht dem Gut des zu geborenen Kindes entgegengesetzt. Weshalb sie, was ihre Spezies betrifft, eine schwerere Sünde ist als jene Sünden, die äußeren Gütern entgegenstehen, wie Diebstahl und dergleichen; während sie weniger schwerwiegend ist als jene, die direkt gegen Gott sind, und Sünden, die das Leben eines bereits Geborenen schädigen, wie Mord.
Antwort auf Einwand 1: Das sinnliche Vergnügen, das eine Sünde erschwert, ist jenes, das in der Neigung des Willens liegt. Aber das sinnliche Vergnügen, das im sensitiven Begehren liegt, vermindert die Sünde, weil eine Sünde umso weniger schwerwiegend ist, je mehr sie unter dem Impuls einer größeren Leidenschaft begangen wird. Auf diese Weise ist das größte sinnliche Vergnügen in der Unzucht. Daher sagt Augustinus (De Agone Christiano), dass von allen Konflikten eines Christen die Kämpfe der Keuschheit die schwierigsten sind; worin der Kampf ein täglicher ist, der Sieg aber selten: und Isidor erklärt (De Summo Bono II, 39), dass „das Menschengeschlecht dem Teufel durch fleischliche Unkeuschheit mehr unterworfen ist als durch irgendetwas anderes“, weil nämlich die Heftigkeit dieser Leidenschaft schwieriger zu überwinden ist.
Antwort auf Einwand 2: Vom Unzüchtigen wird gesagt, dass er gegen seinen eigenen Leib sündigt, nicht bloß, weil das Vergnügen der Unzucht im Fleisch vollendet wird, was auch bei der Völlerei der Fall ist, sondern auch, weil er gegen das Gut seines eigenen Leibes handelt durch eine ungebührende Auflösung und Befleckung desselben und eine ungebührende Verbindung mit einem anderen. Daraus folgt aber nicht, dass Unzucht die schwerste Sünde ist, weil im Menschen die Vernunft von größerem Wert ist als der Leib, weshalb, wenn es eine Sünde gibt, die der Vernunft mehr entgegengesetzt ist, diese schwerwiegender sein wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Sünde der Unzucht steht dem Gut des Menschengeschlechts entgegen, insofern sie der individuellen Zeugung des einen Menschen, der geboren werden mag, abträglich ist. Nun erlangt einer, der bereits ein aktuelles Glied der menschlichen Spezies ist, die Vollkommenheit der Spezies mehr als einer, der potentiell ein Mensch ist, und unter diesem Gesichtspunkt ist Mord eine schwerere Sünde als Unzucht und jede Art von Unkeuschheit, da er dem Gut der menschlichen Spezies mehr entgegengesetzt ist. Wiederum ist ein göttliches Gut größer als das Gut des Menschengeschlechts: und daher sind jene Sünden, die gegen Gott sind, auch schwerwiegender. Überdies ist Unzucht eine Sünde gegen Gott, nicht direkt, als ob der Unzüchtige beabsichtigte, Gott zu beleidigen, sondern konsequent, in derselben Weise wie alle Todsünden. Und so wie die Glieder unseres Leibes Christi Glieder sind, so ist auch unser Geist eins mit Christus, gemäß 1 Kor 6,17: „Wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm.“ Weshalb auch geistige Sünden mehr gegen Christus sind als die Unzucht.