II-II, q. 154 a. 12
Ob das widernatürliche Laster die schwerste Sünde unter den Arten der Unkeuschheit ist?
Quaestio 154 · Von den Teilen der Wollust
Einwand 1: Es scheint, dass das widernatürliche Laster nicht die schwerste Sünde unter den Arten der Unkeuschheit ist. Denn je mehr eine Sünde der Liebe (caritas) entgegensteht, desto schwerer ist sie. Nun sind Ehebruch, Schändung und Raub, die unserem Nächsten schädlich sind, anscheinend der Liebe zu unserem Nächsten mehr entgegengesetzt als widernatürliche Sünden, durch die keine andere Person geschädigt wird. Also ist die widernatürliche Sünde nicht die größte unter den Arten der Unkeuschheit.
Einwand 2: Ferner scheinen Sünden, die gegen Gott begangen werden, die schwerwiegendsten zu sein. Nun wird das Sakrileg direkt gegen Gott begangen, da es der göttlichen Verehrung schädlich ist. Also ist das Sakrileg eine schwerere Sünde als das widernatürliche Laster.
Einwand 3: Ferner ist anscheinend eine Sünde umso schwerwiegender, je mehr wir der Person, gegen die diese Sünde begangen wird, eine größere Liebe schulden. Nun verlangt die Ordnung der Liebe, dass ein Mensch jene Personen mehr liebt, die mit ihm verbunden sind – und solche sind jene, die er durch Blutschande befleckt –, als Personen, die nicht mit ihm verbunden sind, und die er in gewissen Fällen durch das widernatürliche Laster befleckt. Also ist Blutschande eine schwerere Sünde als das widernatürliche Laster.
Einwand 4: Ferner, wenn das widernatürliche Laster am schwerwiegendsten ist, scheint es umso schwerer zu sein, je mehr es gegen die Natur ist. Nun scheint die Sünde der Unreinheit oder Weichlichkeit der Natur am meisten entgegenzustehen, da es besonders in Übereinstimmung mit der Natur zu sein scheint, dass Agens und Patiens voneinander verschieden sein sollten. Daher würde folgen, dass Unreinheit das schwerste der widernatürlichen Laster ist. Aber dies ist nicht wahr. Also sind widernatürliche Laster nicht die schwerwiegendsten unter den Sünden der Unkeuschheit.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De adult. conjug.), dass „von all diesen“, nämlich den zur Unkeuschheit gehörenden Sünden, „jene, die gegen die Natur ist, die schlimmste ist“.
Ich antworte darauf, dass in jeder Gattung das Schlimmste von allem die Verderbnis des Prinzips ist, von dem der Rest abhängt. Nun sind die Prinzipien der Vernunft jene Dinge, die gemäß der Natur sind, weil die Vernunft Dinge als von der Natur bestimmt voraussetzt, bevor sie über andere Dinge verfügt, je nachdem wie es passend ist. Dies kann sowohl in spekulativen als auch in praktischen Angelegenheiten beobachtet werden. Weshalb, so wie in spekulativen Angelegenheiten der schwerwiegendste und schändlichste Irrtum jener ist, der über Dinge ist, deren Wissen dem Menschen natürlich verliehen ist, so ist es in Angelegenheiten des Handelns am schwerwiegendsten und schändlichsten, gegen Dinge zu handeln, wie sie von der Natur bestimmt sind. Da also der Mensch durch die widernatürlichen Laster das übertretet, was von der Natur in Bezug auf den Gebrauch geschlechtlicher Handlungen bestimmt wurde, folgt daraus, dass in dieser Materie diese Sünde die schwerste von allen ist. Nach ihr kommt die Blutschande, welche, wie oben gesagt (Art. 9), dem natürlichen Respekt entgegensteht, den wir uns verwandten Personen schulden.
Was die anderen Arten der Unkeuschheit betrifft, so implizieren sie lediglich eine Übertretung dessen, was durch die rechte Vernunft bestimmt ist, unter der Voraussetzung jedoch natürlicher Prinzipien. Nun ist es mehr gegen die Vernunft, den geschlechtlichen Akt nicht nur zum Nachteil der zukünftigen Nachkommenschaft zu gebrauchen, sondern auch so, dass man eine andere Person außerdem schädigt. Weshalb einfache Unzucht, die ohne Ungerechtigkeit gegen eine andere Person begangen wird, die am wenigsten schwere unter den Arten der Unkeuschheit ist. Dann ist es eine größere Ungerechtigkeit, Verkehr mit einer Frau zu haben, die der Autorität eines anderen untersteht, was den Akt der Zeugung betrifft, als was bloß ihre Vormundschaft betrifft. Weshalb Ehebruch schwerwiegender ist als Schändung. Und beide werden erschwert durch die Anwendung von Gewalt. Daher ist der Raub einer Jungfrau schwerer als Schändung, und der Raub einer Ehefrau als Ehebruch. Und alle diese werden erschwert, indem sie unter den Hauptpunkt des Sakrilegs fallen, wie oben gesagt (Art. 10, ad 2).
Antwort auf Einwand 1: So wie die Anordnung der rechten Vernunft vom Menschen ausgeht, so ist die Ordnung der Natur von Gott selbst: weshalb in Sünden gegen die Natur, wodurch die Ordnung der Natur selbst verletzt wird, Gott, dem Urheber der Natur, ein Unrecht getan wird. Daher sagt Augustinus (Confess. III, 8): „Jene schändlichen Vergehen, die gegen die Natur sind, sollten überall und zu allen Zeiten verabscheut und bestraft werden, wie jene des Volkes von Sodom waren, welche, sollten alle Völker sie begehen, alle desselben Verbrechens schuldig dastünden, durch das Gesetz Gottes, der die Menschen nicht so gemacht hat, dass sie einander so missbrauchen sollten. Denn selbst jener Verkehr, der zwischen Gott und uns sein sollte, wird verletzt, wenn ebendiese Natur, deren Urheber Er ist, durch die Perversität der Unkeuschheit befleckt wird.“
Antwort auf Einwand 2: Laster gegen die Natur sind auch gegen Gott, wie oben gesagt (ad 1), und sind umso schwerwiegender als die Verderbtheit des Sakrilegs, wie die der menschlichen Natur eingeprägte Ordnung früher und fester ist als jede später etablierte Ordnung.
Antwort auf Einwand 3: Die Natur der Spezies ist jedem Individuum inniger vereint, als irgendein anderes Individuum es ist. Weshalb Sünden gegen die spezifische Natur schwerwiegender sind.
Antwort auf Einwand 4: Die Schwere einer Sünde hängt mehr vom Missbrauch einer Sache ab als von der Unterlassung des rechten Gebrauchs. Weshalb unter den Sünden gegen die Natur der niedrigste Platz der Sünde der Unreinheit gehört, welche in der bloßen Unterlassung der Begattung mit einem anderen besteht. Während die schwerwiegendste die Sünde der Bestialität ist, weil der Gebrauch der gebührenden Spezies nicht eingehalten wird. Daher sagt eine Glosse zu Gen 37,2 („Er klagte seine Brüder eines höchst bösen Verbrechens an“), dass „sie sich mit Vieh paarten“. Danach kommt die Sünde der Sodomie, weil der Gebrauch des richtigen Geschlechts nicht eingehalten wird. Zuletzt kommt die Sünde der Nichteinhaltung der richtigen Art der Begattung, welche schwerwiegender ist, wenn der Missbrauch das „Gefäß“ betrifft, als wenn er die Art der Begattung in Bezug auf andere Umstände betrifft.