II-II, q. 123 a. 5
Ob die Tapferkeit sich eigentlich auf Todesgefahren im Krieg bezieht?
Quaestio 123 · Von der Tapferkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Tapferkeit sich nicht eigentlich auf Todesgefahren im Krieg bezieht. Denn Märtyrer werden vor allem für ihre Tapferkeit gelobt. Aber Märtyrer werden nicht in Verbindung mit dem Krieg gelobt. Also bezieht sich die Tapferkeit nicht eigentlich auf Todesgefahren im Krieg.
Einwand 2: Ferner sagt Ambrosius (De Offic. i), dass „Tapferkeit sowohl auf kriegerische als auch auf zivile Angelegenheiten anwendbar ist“: und Tullius (De Offic. i) sagt unter der Überschrift „Dass es zur Tapferkeit gehört, sich eher im Kampf als im zivilen Leben auszuzeichnen“: „Obwohl nicht wenige denken, dass das Geschäft des Krieges von größerer Wichtigkeit ist als die Angelegenheiten des zivilen Lebens, muss diese Meinung eingeschränkt werden: und wenn wir die Sache wahrhaft beurteilen wollen, gibt es viele Dinge im zivilen Leben, die wichtiger und ruhmreicher sind als jene, die mit dem Krieg verbunden sind.“ Nun bezieht sich größere Tapferkeit auf größere Dinge. Also ist die Tapferkeit nicht eigentlich mit dem Tod im Krieg befasst.
Einwand 3: Ferner ist der Krieg auf die Bewahrung des zeitlichen Friedens eines Landes ausgerichtet: denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix), dass „Kriege geführt werden, um Frieden zu sichern“. Nun scheint es nicht, dass man sich für den zeitlichen Frieden seines Landes der Todesgefahr aussetzen sollte, da eben dieser Frieden der Anlass für viel Zügellosigkeit in den Sitten ist. Daher scheint es, dass die Tugend der Tapferkeit sich nicht auf die Todesgefahr im Krieg bezieht.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iii), die Tapferkeit beziehe sich hauptsächlich auf den Tod im Krieg.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [4]), die Tapferkeit den Geist des Menschen gegen die größte Gefahr stärkt, welche die des Todes ist. Nun ist die Tapferkeit eine Tugend; und es ist wesentlich für die Tugend, immer zum Guten zu tendieren; weshalb der Mensch, um irgendein Gut zu verfolgen, nicht vor der Todesgefahr flieht. Aber die Todesgefahren, die aus Krankheit, Stürmen auf See, Angriffen von Räubern und dergleichen entstehen, scheinen nicht dadurch über einen Menschen zu kommen, dass er irgendein Gut verfolgt. Andererseits kommen die Todesgefahren, die im Krieg auftreten, direkt aufgrund irgendeines Gutes über den Menschen, weil er nämlich das Gemeinwohl durch einen gerechten Kampf verteidigt. Nun ist ein gerechter Kampf zweierlei Art. Erstens gibt es den allgemeinen Kampf, zum Beispiel derer, die in einer Schlacht kämpfen; zweitens gibt es den privaten Kampf, wie wenn ein Richter oder auch eine Privatperson nicht davon absieht, ein gerechtes Urteil zu fällen aus Furcht vor dem drohenden Schwert oder irgendeiner anderen Gefahr, auch wenn sie den Tod androht. Daher gehört es zur Tapferkeit, den Geist gegen Todesgefahren zu stärken, nicht nur solche, die in einer allgemeinen Schlacht entstehen, sondern auch solche, die im Einzelkampf auftreten, was mit dem allgemeinen Namen Kampf bezeichnet werden kann. Dementsprechend muss zugegeben werden, dass die Tapferkeit sich eigentlich auf Todesgefahren bezieht, die im Kampf auftreten.
Überdies verhält sich ein tapferer Mann gut im Angesicht der Gefahr jeder anderen Art von Tod; besonders da der Mensch aufgrund der Tugend in Gefahr jeder Art von Tod sein kann: so mag ein Mensch nicht versäumen, einen kranken Freund zu pflegen aus Furcht vor tödlicher Ansteckung, oder sich nicht weigern, eine Reise mit einem gottgefälligen Ziel zu unternehmen aus Furcht vor Schiffbruch oder Räubern.
Antwort auf Einwand 1: Märtyrer stellen sich dem Kampf, der gegen ihre eigene Person geführt wird, und dies um des höchsten Gutes willen, welches Gott ist; weshalb ihre Tapferkeit über alles gelobt wird. Auch liegt es nicht außerhalb der Gattung der Tapferkeit, die kriegerische Handlungen betrachtet, weshalb von ihnen gesagt wird, sie seien im Kampf tapfer gewesen. [*Offizium der Märtyrer, ex. Hebr 11,34.]
Antwort auf Einwand 2: Persönliche und zivile Geschäfte unterscheiden sich vom Geschäft des Krieges, das allgemeine Kriege betrifft. Jedoch lassen persönliche und zivile Angelegenheiten Todesgefahren zu, die aus gewissen Konflikten entstehen, welche private Kriege sind, und so kann es auch in Bezug auf diese eine Tapferkeit im eigentlichen Sinne geben.
Antwort auf Einwand 3: Der Frieden des Staates ist an sich gut, noch wird er dadurch böse, dass gewisse Personen ihn übel gebrauchen. Denn es gibt viele andere, die ihn gut gebrauchen; und viele Übel, die durch ihn verhindert werden, wie Morde und Sakrilegien, sind viel größer als jene, die durch ihn veranlasst werden und die hauptsächlich zu den Sünden des Fleisches gehören.