II-II, q. 123 a. 11
Ob die Tapferkeit eine Kardinaltugend ist?
Quaestio 123 · Von der Tapferkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Tapferkeit keine Kardinaltugend ist. Denn, wie oben dargelegt (Artikel [10]), ist der Zorn eng mit der Tapferkeit verbunden. Nun wird der Zorn nicht als eine Hauptleidenschaft gerechnet; noch der Wagemut, der zur Tapferkeit gehört. Also sollte auch die Tapferkeit nicht als Kardinaltugend gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner ist das Objekt der Tugend das Gute. Aber das direkte Objekt der Tapferkeit ist nicht das Gute, sondern das Übel, denn sie ist das Erdulden von Übel und Mühsal, wie Tullius sagt (De Invent. Rhet. ii). Also ist die Tapferkeit keine Kardinaltugend.
Einwand 3: Ferner beziehen sich die Kardinaltugenden auf jene Dinge, mit denen das menschliche Leben hauptsächlich beschäftigt ist, so wie eine Tür sich in einer Angel [cardine] dreht. Aber die Tapferkeit bezieht sich auf Todesgefahren, die im menschlichen Leben von seltener Vorkommnis sind. Also sollte die Tapferkeit nicht als Kardinal- oder Haupttugend gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxii), Ambrosius in seinem Kommentar zu Lk 6,20 und Augustinus (De Moribus Eccl. xv) die Tapferkeit unter den vier Kardinal- oder Haupttugenden aufzählen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (FS, Frage [61], Artikel [3],4), jene Tugenden Kardinal- oder Haupttugenden genannt werden, die einen vornehmlichen Anspruch auf das haben, was den Tugenden gemeinsam zukommt. Und unter anderen Bedingungen der Tugend im Allgemeinen ist eine, dass von ihr ausgesagt wird, „standhaft zu handeln“, gemäß Ethic. ii, 4. Nun erhebt die Tapferkeit vor allem Anspruch auf Lob für Standhaftigkeit. Weil derjenige, der fest steht, umso mehr gelobt wird, je stärker er gedrängt wird zu fallen oder zurückzuweichen. Nun wird der Mensch sowohl durch das gefällige Gute als auch durch das missfällige Übel gedrängt, von dem zurückzuweichen, was in Übereinstimmung mit der Vernunft ist. Aber körperlicher Schmerz drängt ihn stärker als Vergnügen. Denn Augustinus sagt (Fragen [83], qu. 36): „Es gibt niemanden, der Schmerz nicht mehr scheut, als er Vergnügen begehrt. Denn wir nehmen wahr, dass selbst die ungezähmtesten Tiere durch die Furcht vor Schmerz von den größten Vergnügungen abgehalten werden.“ Und unter den Schmerzen des Geistes und Gefahren werden jene am meisten gefürchtet, die zum Tod führen, und gegen sie steht der Tapfere fest. Daher ist die Tapferkeit eine Kardinaltugend.
Antwort auf Einwand 1: Wagemut und Zorn kooperieren nicht mit der Tapferkeit in ihrem Akt des Erduldens, worin ihre Standhaftigkeit hauptsächlich gelobt wird: denn durch diesen Akt zügelt der Tapfere die Furcht, die eine Hauptleidenschaft ist, wie oben dargelegt (FS, Frage [25], Artikel [4]).
Antwort auf Einwand 2: Tugend ist auf das Gut der Vernunft gerichtet, das es gegen den Ansturm von Übeln zu bewahren gilt. Und die Tapferkeit ist auf Übel des Körpers gerichtet, als Gegensätze, denen sie widersteht, und auf das Gut der Vernunft, als das Ziel, das sie zu bewahren beabsichtigt.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Todesgefahren von seltener Vorkommnis sind, treten doch die Anlässe jener Gefahren häufig auf, da der Mensch aufgrund der Gerechtigkeit, die er verfolgt, und auch aufgrund anderer guter Taten auf tödliche Widersacher trifft.