II-II, q. 123 a. 4
Ob die Tapferkeit sich nur auf Todesgefahren bezieht?
Quaestio 123 · Von der Tapferkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Tapferkeit sich nicht nur auf Todesgefahren bezieht. Denn Augustinus sagt (De Morib. Eccl. xv), dass „Tapferkeit die Liebe ist, die alles bereitwillig erträgt um des geliebten Gegenstandes willen“: und (Music. vi) sagt er, dass Tapferkeit „die Liebe ist, die keine Mühsal scheut, nicht einmal den Tod“. Daher bezieht sich die Tapferkeit nicht nur auf Todesgefahr, sondern auch auf andere Bedrängnisse.
Einwand 2: Ferner müssen alle Leidenschaften der Seele durch irgendeine Tugend auf ein Mittelmaß zurückgeführt werden. Nun gibt es keine andere Tugend, die Ängste auf ein Mittelmaß zurückführt. Also bezieht sich die Tapferkeit nicht nur auf Todesfurcht, sondern auch auf andere Ängste.
Einwand 3: Ferner bezieht sich keine Tugend auf Extreme. Die Todesfurcht aber bezieht sich auf ein Extrem, da sie die größte aller Ängste ist, wie in Ethic. iii dargelegt. Also bezieht sich die Tugend der Tapferkeit nicht auf die Todesfurcht.
Dagegen spricht, dass Andronicus sagt: „Tapferkeit ist eine Tugend des Zornvermögens, die sich nicht leicht durch die Furcht vor dem Tod abschrecken lässt.“
Ich antworte darauf, dass es, wie oben dargelegt (Artikel [3]), zur Tugend der Tapferkeit gehört, den Willen davor zu bewahren, durch Furcht vor körperlichem Übel vom Gut der Vernunft abgebracht zu werden. Nun geziemt es sich, das Gut der Vernunft gegen jedes Übel festzuhalten, da kein körperliches Gut dem Gut der Vernunft gleichwertig ist. Daher muss die Tapferkeit der Seele dasjenige sein, was den Willen angesichts der größten Übel fest an das Gut der Vernunft bindet: denn wer gegen große Dinge fest steht, wird folglich auch gegen geringere Dinge fest stehen, aber nicht umgekehrt. Zudem gehört es zum Begriff der Tugend, dass sie etwas Äußerstes betrachtet: und das furchtbarste aller körperlichen Übel ist der Tod, da er alle körperlichen Güter beseitigt. Weshalb Augustinus sagt (De Morib. Eccl. xxii), dass „die Seele durch ihren Gefährten, den Körper, erschüttert wird, mit Furcht vor Mühsal und Schmerz, damit der Körper nicht getroffen und gequält werde, mit Furcht vor dem Tod, damit er nicht beseitigt und zerstört werde“. Daher bezieht sich die Tugend der Tapferkeit auf die Furcht vor Todesgefahren.
Antwort auf Einwand 1: Die Tapferkeit verhält sich gut im Ertragen aller Arten von Widrigkeiten: doch wird ein Mensch nicht einfach dadurch als tapfer gerechnet, dass er irgendeine Art von Widrigkeit erträgt, sondern nur dadurch, dass er selbst die größten Übel gut erträgt; während er durch das Ertragen anderer Dinge in einem eingeschränkten Sinne tapfer genannt wird.
Antwort auf Einwand 2: Da Furcht aus Liebe geboren wird, muss jede Tugend, die die Liebe zu bestimmten Gütern mäßigt, folglich auch die Furcht vor den entgegengesetzten Übeln mäßigen: so mäßigt die Freigebigkeit, die die Liebe zum Geld mäßigt, als Folge die Furcht, es zu verlieren, und dasselbe ist der Fall bei der Mäßigung und anderen Tugenden. Aber das eigene Leben zu lieben ist natürlich: und daher die Notwendigkeit einer speziellen Tugend, die die Todesfurcht modifiziert.
Antwort auf Einwand 3: Bei Tugenden besteht das Extrem darin, die rechte Vernunft zu überschreiten: weshalb es nicht gegen die Tugend ist, die größten Gefahren in Übereinstimmung mit der Vernunft auf sich zu nehmen.