II-II, q. 123 a. 2
Ob die Tapferkeit eine spezielle Tugend ist?
Quaestio 123 · Von der Tapferkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Tapferkeit keine spezielle Tugend ist. Denn es steht geschrieben (Weish 7,7): „Sie lehrt Mäßigung und Klugheit und Gerechtigkeit und Tapferkeit“, wo der Text „Tugend“ für „Tapferkeit“ hat. Da also der Begriff „Tugend“ allen Tugenden gemeinsam ist, scheint es, dass die Tapferkeit eine allgemeine Tugend ist.
Einwand 2: Ferner sagt Ambrosius (De Offic. i): „Der Tapferkeit mangelt es nicht an Mut, denn sie allein verteidigt die Ehre der Tugenden und bewacht ihre Gebote. Sie ist es, die einen unerbittlichen Krieg gegen alle Laster führt, unerschrocken durch Mühsal, tapfer im Angesicht von Gefahren, gestählt gegen Vergnügungen, unnachgiebig gegenüber Begierden, die Habsucht als eine Missbildung meidend, die die Tugend schwächt“; und er sagt dasselbe weiter unten in Verbindung mit anderen Lastern. Dies kann nun auf keine spezielle Tugend zutreffen. Also ist die Tapferkeit keine spezielle Tugend.
Einwand 3: Ferner scheint die Tapferkeit ihren Namen von der Festigkeit (firmitas) abzuleiten. Aber es gehört zu jeder Tugend, fest zu stehen, wie in Ethic. ii dargelegt. Also ist die Tapferkeit eine allgemeine Tugend.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxii) sie unter den anderen Tugenden aufzählt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (FS, Frage [61], Artikel [3],4), der Begriff „Tapferkeit“ auf zwei Weisen verstanden werden kann. Erstens als einfach eine gewisse Festigkeit des Geistes bezeichnend, und in diesem Sinne ist sie eine allgemeine Tugend, oder vielmehr eine Bedingung jeder Tugend, da es, wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii), für jede Tugend erforderlich ist, fest und unbeweglich zu handeln. Zweitens kann Tapferkeit verstanden werden als Bezeichnung für Festigkeit nur im Ertragen und Widerstehen jener Dinge, in denen es am schwierigsten ist, fest zu sein, nämlich in gewissen schweren Gefahren. Daher sagt Tullius (Rhet. ii), dass „Tapferkeit das überlegte Entgegentreten gegen Gefahren und das Ertragen von Mühsal ist“. In diesem Sinne wird die Tapferkeit als eine spezielle Tugend gerechnet, weil sie eine spezielle Materie hat.
Antwort auf Einwand 1: Nach dem Philosophen (De Coelo i, 116) bezieht sich das Wort Tugend auf die äußerste Grenze eines Vermögens. Nun ist ein natürliches Vermögen in einem Sinne das Vermögen, dem Verderben zu widerstehen, und in einem anderen Sinne ein Prinzip des Handelns, wie in Metaph. v, 17 dargelegt. Und da diese letztere Bedeutung die gebräuchlichere ist, ist der Begriff „Tugend“, als Bezeichnung der äußersten Grenze eines solchen Vermögens, ein allgemeiner Begriff, denn Tugend im allgemeinen Sinne ist nichts anderes als ein Habitus, durch den man gut handelt. Aber als Bezeichnung der äußersten Grenze des Vermögens im ersten Sinne, welcher Sinn spezifischer ist, wird er auf eine spezielle Tugend angewandt, nämlich die Tapferkeit, zu der es gehört, fest gegen alle Arten von Angriffen zu stehen.
Antwort auf Einwand 2: Ambrosius fasst die Tapferkeit in einem weiten Sinne auf, als Bezeichnung für die Festigkeit des Geistes im Angesicht von Angriffen aller Art. Dennoch hilft sie, selbst als spezielle Tugend mit einer bestimmten Materie, den Angriffen aller Laster zu widerstehen. Denn wer in Dingen fest stehen kann, die am schwierigsten zu ertragen sind, ist folglich bereit, jenen zu widerstehen, die weniger schwierig sind.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Einwand fasst die Tapferkeit im ersten Sinne auf.