II-II, q. 123 a. 3
Ob die Tapferkeit sich auf Furcht und Wagemut bezieht?
Quaestio 123 · Von der Tapferkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Tapferkeit sich nicht auf Furcht und Wagemut bezieht. Denn Gregor sagt (Moral. vii): „Die Tapferkeit des Gerechten besteht darin, das Fleisch zu überwinden, der Zügellosigkeit zu widerstehen, die Begierden des gegenwärtigen Lebens zu löschen.“ Daher scheint die Tapferkeit eher mit Vergnügungen als mit Furcht und Wagemut zu tun zu haben.
Einwand 2: Ferner sagt Tullius (De Invent. Rhet. ii), dass es zur Tapferkeit gehört, Gefahren ins Auge zu sehen und Mühsal zu ertragen. Dies aber hat anscheinend nichts mit den Leidenschaften der Furcht und des Wagemuts zu tun, sondern eher mit den mühsamen Taten und äußeren Gefahren eines Menschen. Also bezieht sich die Tapferkeit nicht auf Furcht und Wagemut.
Einwand 3: Ferner ist nicht nur der Wagemut, sondern auch die Hoffnung der Furcht entgegengesetzt, wie oben (FS, Frage [45], Artikel [1], ad 2) in der Abhandlung über die Leidenschaften dargelegt wurde. Daher sollte sich die Tapferkeit nicht mehr auf den Wagemut beziehen als auf die Hoffnung.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ii, 7; iii, 9), die Tapferkeit beziehe sich auf Furcht und Wagemut.
Ich antworte darauf, dass es, wie oben dargelegt (Artikel [1]), zur Tugend der Tapferkeit gehört, jedes Hindernis zu beseitigen, das den Willen davon abhält, der Vernunft zu folgen. Nun gehört es zum Begriff der Furcht, von etwas Schwierigem abgehalten zu werden, da Furcht den Rückzug vor einem Übel bezeichnet, das Schwierigkeit mit sich bringt, wie oben (FS, Frage [42], Artikel [3],5) in der Abhandlung über die Leidenschaften dargelegt wurde. Daher bezieht sich die Tapferkeit hauptsächlich auf die Furcht vor schwierigen Dingen, die den Willen davon abhalten können, der Vernunft zu folgen. Und es geziemt sich nicht nur, den Angriff dieser Schwierigkeiten fest zu ertragen, indem man die Furcht zügelt, sondern ihnen auch maßvoll zu widerstehen, wenn es nämlich notwendig ist, sie ganz zu vertreiben, um sich für die Zukunft von ihnen zu befreien, was unter den Begriff des Wagemuts zu fallen scheint. Daher bezieht sich die Tapferkeit auf Furcht und Wagemut, indem sie die Furcht zügelt und den Wagemut mäßigt.
Antwort auf Einwand 1: Gregor spricht dort von der Tapferkeit des Gerechten hinsichtlich ihrer allgemeinen Beziehung zu allen Tugenden. Daher erwähnt er zuerst Dinge, die zur Mäßigung gehören, wie in den zitierten Worten, und fügt dann das hinzu, was eigentlich zur Tapferkeit als spezieller Tugend gehört, indem er sagt: „Die Prüfungen dieses Lebens um eines ewigen Lohnes willen zu lieben.“
Antwort auf Einwand 2: Gefahren und Mühsal halten den Willen nicht vom Kurs der Vernunft ab, außer insofern sie ein Gegenstand der Furcht sind. Daher muss sich die Tapferkeit unmittelbar auf Furcht und Wagemut beziehen, aber mittelbar auf Gefahren und Mühsal, da diese die Objekte jener Leidenschaften sind.
Antwort auf Einwand 3: Die Hoffnung ist der Furcht seitens des Objekts entgegengesetzt, denn Hoffnung richtet sich auf das Gute, Furcht auf das Übel: Wagemut hingegen bezieht sich auf dasselbe Objekt und ist der Furcht durch Annäherung und Rückzug entgegengesetzt, wie oben dargelegt (FS, Frage [45], Artikel [1]). Und da die Tapferkeit eigentlich jene zeitlichen Übel betrachtet, die einen von der Tugend abhalten, wie aus Tullius' Definition im zweiten Einwand hervorgeht, folgt daraus, dass sich die Tapferkeit eigentlich auf Furcht und Wagemut bezieht und nicht auf Hoffnung, außer insofern diese mit dem Wagemut verbunden ist, wie oben dargelegt (FS, Frage [45], Artikel [2]).