I-II, q. 100 a. 6
Ob die zehn Gebote des Dekalogs in der richtigen Ordnung stehen?
Quaestio 100 · Von den moralischen Vorschriften des Alten Gesetzes.
Einwand 1: Es scheint, dass die zehn Gebote des Dekalogs nicht in der richtigen Ordnung stehen. Denn die Liebe zum Nächsten ist scheinbar früher als die Liebe zu Gott, da unser Nächster uns besser bekannt ist als Gott; gemäß 1 Joh 4,20: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“ Aber die ersten drei Gebote gehören zur Liebe Gottes, während die anderen sieben zur Liebe unseres Nächsten gehören. Also stehen die Gebote des Dekalogs nicht in der richtigen Ordnung.
Einwand 2: Ferner werden die Akte der Tugend durch die bejahenden Gebote vorgeschrieben, und Akte des Lasters durch die verneinenden Gebote verboten. Aber gemäß Boethius in seinem Kommentar zu den Kategorien [*Lib. iv, cap. De Oppos.] sollten Laster ausgerottet werden, bevor Tugenden gesät werden. Also hätten unter den Geboten, die unseren Nächsten betreffen, die verneinenden Gebote den bejahenden vorausgehen sollen.
Einwand 3: Ferner handeln die Vorschriften des Gesetzes von den Handlungen der Menschen. Aber Handlungen der Gedanken gehen Handlungen des Wortes oder der äußeren Tat voraus. Also sind die Gebote über das Nicht-Begehren, die unsere Gedanken betreffen, unpassenderweise als letzte in der Ordnung platziert.
Dagegen spricht, Der Apostel sagt (Röm 13,1): „Die Dinge, die von Gott sind, sind wohlgeordnet“ [Vulg.: ‚Jene, die sind, sind von Gott geordnet‘]. Aber die Gebote des Dekalogs wurden unmittelbar von Gott gegeben, wie oben dargelegt (Artikel [3]). Also sind sie in geziemender Ordnung angeordnet.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [3], 5, ad 1), sind die Gebote des Dekalogs solche, die der Geist des Menschen bereit ist, sofort zu erfassen. Nun ist es offensichtlich, dass eine Sache umso leichter von der Vernunft erfasst wird, je schwerwiegender und der Vernunft widerstreitender ihr Gegenteil ist. Zudem ist es klar, da die Ordnung der Vernunft mit dem Ziel beginnt, dass es für einen Menschen höchst vernunftwidrig ist, ungeordnet gegenüber seinem Ziel eingestellt zu sein. Nun ist das Ziel des menschlichen Lebens und der Gesellschaft Gott. Folglich war es notwendig, dass die Gebote des Dekalogs den Menschen zuallererst auf Gott ausrichten; da das Gegenteil hiervon am schwerwiegendsten ist. So ist es auch in einer Armee, die auf den Befehlshaber als ihr Ziel hingeordnet ist, zuerst erforderlich, dass der Soldat dem Befehlshaber untertan ist, und das Gegenteil hiervon ist am schwerwiegendsten; und zweitens ist es erforderlich, dass er in Koordination mit den anderen Soldaten steht.
Nun ist unter jenen Dingen, durch die wir auf Gott hingeordnet werden, das erste, dass der Mensch Ihm treu unterworfen sein sollte, indem er nichts mit Seinen Feinden gemein hat. Das zweite ist, dass er Ihm Ehrfurcht erweisen sollte: das dritte, dass er Ihm Dienst darbringen sollte. So ist es in einer Armee eine größere Sünde für einen Soldaten, verräterisch zu handeln und einen Pakt mit dem Feind zu schließen, als unverschämt gegenüber seinem Befehlshaber zu sein: und dieses letzte ist schwerwiegender, als wenn er in irgendeinem Punkt des Dienstes an ihm mangelhaft befunden wird.
Was die Gebote betrifft, die den Menschen in seinem Verhalten gegenüber seinem Nächsten lenken, so ist es offensichtlich, dass es der Vernunft mehr widerstrebt und eine schwerwiegendere Sünde ist, wenn der Mensch nicht die gebührende Ordnung gegenüber jenen Personen einhält, denen er am meisten verpflichtet ist. Folglich wird unter jenen Geboten, die den Menschen in seinen Beziehungen zu seinem Nächsten lenken, der erste Platz jenem gegeben, das seine Eltern betrifft. Unter den anderen Geboten finden wir wiederum, dass die Ordnung gemäß der Schwere der Sünde ist. Denn es ist schwerwiegender und der Vernunft widerstreitender, durch Tat zu sündigen als durch Wort; und durch Wort als durch Gedanken. Und unter den Sünden der Tat ist Mord, der das Leben in einem bereits Lebenden zerstört, schwerwiegender als Ehebruch, der das Leben des ungeborenen Kindes gefährdet; und Ehebruch ist schwerwiegender als Diebstahl, der äußere Güter betrifft.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl unser Nächster auf dem Weg der Sinne besser bekannt ist als Gott, ist dennoch die Liebe zu Gott der Grund für die Liebe zu unserem Nächsten, wie später erklärt werden wird (SS, Quaestio [25], Artikel [1]; SS, Quaestio [26], Artikel [2]). Daher verlangten die Gebote, die den Menschen auf Gott ordnen, Vorrang vor den anderen.
Antwort auf Einwand 2: So wie Gott das universale Prinzip des Seins in Bezug auf alle Dinge ist, so ist ein Vater ein Prinzip des Seins in Bezug auf seinen Sohn. Deshalb wurde das Gebot bezüglich der Eltern passenderweise nach den Geboten bezüglich Gottes platziert. Dieses Argument gilt in Bezug auf bejahende und verneinende Gebote über dieselbe Art von Tat: obwohl es selbst dann nicht ganz zwingend ist. Denn obwohl in der Ordnung der Ausführung Laster ausgerottet werden sollten, bevor Tugenden gesät werden, gemäß Ps 33,15: „Wende dich ab vom Bösen und tue Gutes“, und Jes 1,16.17: „Hört auf, Böses zu tun; lernt, Gutes zu tun“; geht doch in der Ordnung der Erkenntnis die Tugend dem Laster voraus, weil „die krumme Linie durch die gerade erkannt wird“ (De Anima i): und „durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20). Weshalb das bejahende Gebot den ersten Platz verlangte. Dies ist jedoch nicht der Grund für die Ordnung, sondern jener, der oben gegeben wurde. Weil in den Geboten bezüglich Gottes, die zur ersten Tafel gehören, ein bejahendes Gebot zuletzt platziert ist, da seine Übertretung eine weniger schwere Sünde impliziert.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Sünde der Gedanken in der Ordnung der Ausführung an erster Stelle steht, nimmt ihr Verbot doch eine spätere Position in der Ordnung der Vernunft ein.