I-II, q. 100 a. 3
Ob alle moralischen Vorschriften des Alten Gesetzes auf die zehn Gebote des Dekalogs zurückgeführt werden können?
Quaestio 100 · Von den moralischen Vorschriften des Alten Gesetzes.
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle moralischen Vorschriften des Alten Gesetzes auf die zehn Gebote des Dekalogs zurückgeführt werden können. Denn die ersten und vornehmsten Gebote des Gesetzes sind: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben“, wie in Mt 22,37.39 dargelegt. Aber diese zwei sind nicht in den Geboten des Dekalogs enthalten. Also sind nicht alle moralischen Vorschriften in den Geboten des Dekalogs enthalten.
Einwand 2: Ferner sind die moralischen Vorschriften nicht auf die zeremoniellen Vorschriften reduzierbar, sondern eher umgekehrt. Aber unter den Geboten des Dekalogs ist eines zeremoniell, nämlich: „Gedenke, dass du den Sabbattag heiligst.“ Also sind die moralischen Vorschriften nicht auf alle Gebote des Dekalogs reduzierbar.
Einwand 3: Ferner handeln die moralischen Vorschriften von allen Akten der Tugend. Aber unter den Geboten des Dekalogs sind nur solche, die Akte der Gerechtigkeit betreffen; wie man sehen kann, wenn man sie alle durchgeht. Also schließen die Gebote des Dekalogs nicht alle moralischen Vorschriften ein.
Dagegen spricht, Die Glosse zu Mt 5,11: „Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen“ usw. sagt, dass „Mose, nachdem er die zehn Gebote vorgetragen hatte, sie im Einzelnen darlegte“. Also sind alle Vorschriften des Gesetzes so viele Teile der Gebote des Dekalogs.
Ich antworte darauf, Die Gebote des Dekalogs unterscheiden sich von den anderen Vorschriften des Gesetzes dadurch, dass Gott selbst die Gebote des Dekalogs gegeben haben soll; wohingegen Er die anderen Vorschriften dem Volk durch Mose gab. Daher schließt der Dekalog jene Vorschriften ein, deren Kenntnis der Mensch unmittelbar von Gott hat. Solche sind jene, die mit nur geringer Überlegung sofort aus den ersten allgemeinen Prinzipien abgeleitet werden können: und auch jene, die dem Menschen unmittelbar durch den göttlich eingegossenen Glauben bekannt werden. Folglich werden zwei Arten von Vorschriften nicht unter die Gebote des Dekalogs gerechnet: nämlich erstens allgemeine Prinzipien, denn sie bedürfen keiner weiteren Verkündigung, nachdem sie einmal der natürlichen Vernunft eingeprägt sind, für die sie selbstverständlich sind; wie zum Beispiel, dass man keinem Menschen Böses tun soll, und andere ähnliche Prinzipien: und wiederum jene, die die sorgfältige Überlegung weiser Männer als in Übereinstimmung mit der Vernunft erweist; da das Volk diese Prinzipien von Gott empfängt, indem es von weisen Männern gelehrt wird. Dennoch sind beide Arten von Vorschriften in den Geboten des Dekalogs enthalten; jedoch auf verschiedene Weise. Denn die ersten allgemeinen Prinzipien sind in ihnen enthalten wie Prinzipien in ihren unmittelbaren Schlussfolgerungen; während jene, die durch weise Männer bekannt sind, umgekehrt als Schlussfolgerungen in ihren Prinzipien enthalten sind.
Antwort auf Einwand 1: Jene zwei Prinzipien sind die ersten allgemeinen Prinzipien des Naturgesetzes und sind der menschlichen Vernunft selbstverständlich, entweder durch die Natur oder durch den Glauben. Daher werden alle Gebote des Dekalogs auf diese bezogen, wie Schlussfolgerungen auf allgemeine Prinzipien.
Antwort auf Einwand 2: Das Gebot der Sabbatobservanz ist in einer Hinsicht moralisch, insofern es dem Menschen befiehlt, einige Zeit den Dingen Gottes zu widmen, gemäß Ps 45,11: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ In dieser Hinsicht ist es unter die Gebote des Dekalogs gestellt: aber nicht hinsichtlich der Festlegung der Zeit, in welcher Hinsicht es eine zeremonielle Vorschrift ist.
Antwort auf Einwand 3: Der Begriff der Schuldigkeit ist in den anderen Tugenden nicht so offensichtlich wie in der Gerechtigkeit. Daher sind die Vorschriften über die Akte der anderen Tugenden dem Volk nicht so gut bekannt wie die Vorschriften über Akte der Gerechtigkeit. Daher fallen besonders die Akte der Gerechtigkeit unter die Gebote des Dekalogs, welche die ersten Elemente des Gesetzes sind.