I, q. 13 a. 1
Ob Gott ein Name gegeben werden kann?
Quaestio 13 · Die Namen Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott kein Name gegeben werden kann. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. i): „Von Ihm gibt es weder einen Namen, noch kann einer von Ihm gefunden werden“; und es steht geschrieben: „Was ist sein Name, und was ist der Name seines Sohnes, wenn du es weißt?“ (Spr 30,4).
Einwand 2: Ferner ist jeder Name entweder abstrakt oder konkret. Konkrete Namen aber kommen Gott nicht zu, da Er einfach ist; ebenso wenig kommen Ihm abstrakte Namen zu, da sie kein vollkommenes, für sich bestehendes Ding bezeichnen. Daher kann kein Name von Gott ausgesagt werden.
Einwand 3: Ferner werden Substantive verwendet, um eine Substanz mit einer Qualität zu bezeichnen; Verben und Partizipien bezeichnen eine Substanz mit Zeit; Pronomen dasselbe mit Hinweisung oder Beziehung. Nichts davon aber kann auf Gott angewandt werden, denn Er hat weder Qualität noch Akzidens noch Zeit; zudem kann Er nicht sinnlich wahrgenommen werden, sodass man auf Ihn zeigen könnte; noch kann Er durch eine Beziehung beschrieben werden, insofern Beziehungen dazu dienen, an ein Ding zu erinnern, das zuvor durch Substantive, Partizipien oder Demonstrativpronomen erwähnt wurde. Daher kann Gott von uns in keiner Weise benannt werden.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ex 15,3): „Der Herr ist ein Kriegsmann, Allmächtiger ist sein Name.“
Ich antworte darauf, Da gemäß dem Philosophen (Peri Herm. i) Wörter Zeichen für Vorstellungen sind und Vorstellungen Abbilder der Dinge, ist es offensichtlich, dass sich Wörter auf die Bedeutung der bezeichneten Dinge mittels der intellektuellen Konzeption beziehen. Daraus folgt, dass wir einem Ding insoweit einen Namen geben können, als wir es verstehen können. Nun wurde oben gezeigt (Frage [12], Artikel [11],12), dass wir in diesem Leben das Wesen Gottes nicht schauen können; aber wir erkennen Gott aus den Geschöpfen als ihrem Prinzip und auch auf dem Weg der Überlegenheit und der Verneinung (via remotionis). Auf diese Weise also kann Er von uns ausgehend von den Geschöpfen benannt werden, jedoch nicht so, dass der Name, der Ihn bezeichnet, das göttliche Wesen in sich selbst ausdrückt. So drückt der Name „Mensch“ das Wesen des Menschen in sich selbst aus, da er die Definition des Menschen bezeichnet, indem er sein Wesen offenbart; denn die durch den Namen ausgedrückte Vorstellung ist die Definition.
Antwort auf Einwand 1: Der Grund, warum Gott keinen Namen hat oder als über jeder Benennung stehend bezeichnet wird, ist, dass sein Wesen über allem steht, was wir von Gott verstehen und im Wort bezeichnen.
Antwort auf Einwand 2: Da wir Gott aus den Geschöpfen erkennen und benennen, bezeichnen die Namen, die wir Gott zuschreiben, das, was materiellen Geschöpfen zukommt, deren Erkenntnis uns natürlich ist. Und da in Geschöpfen dieser Art das, was vollkommen und für sich bestehend ist, zusammengesetzt ist, während ihre Form kein vollständiges, für sich bestehendes Ding ist, sondern eher das, wodurch ein Ding ist, folgt daraus, dass alle Namen, die von uns verwendet werden, um ein vollständiges, für sich bestehendes Ding zu bezeichnen, eine konkrete Bedeutung haben müssen, wie sie auf zusammengesetzte Dinge anwendbar ist; wohingegen Namen, die gegeben werden, um einfache Formen zu bezeichnen, ein Ding nicht als für sich bestehend bezeichnen, sondern als das, wodurch ein Ding ist; wie zum Beispiel „Weißheit“ das bezeichnet, wodurch ein Ding weiß ist. Und da Gott einfach und für sich bestehend ist, schreiben wir Ihm abstrakte Namen zu, um seine Einfachheit zu bezeichnen, und konkrete Namen, um seine Substanz und Vollkommenheit zu bezeichnen, obwohl beide Arten von Namen seine Seinsweise nicht ausdrücken können, da unser Intellekt Ihn in diesem Leben nicht so erkennt, wie Er ist.
Antwort auf Einwand 3: Substanz mit Qualität zu bezeichnen bedeutet, das „Suppositum“ mit einer Natur oder bestimmten Form zu bezeichnen, in der es besteht. Daher werden, wie einige Dinge von Gott in einem konkreten Sinn ausgesagt werden, um sein Für-sich-Bestehen und seine Vollkommenheit zu bezeichnen, ebenso Substantive auf Gott angewandt, die Substanz mit Qualität bezeichnen. Ferner werden Verben und Partizipien, die Zeit bezeichnen, auf Ihn angewandt, weil seine Ewigkeit alle Zeit einschließt. Denn wie wir einfache Subsistenzen nur nach Art zusammengesetzter Dinge erfassen und bezeichnen können, so können wir die einfache Ewigkeit nur nach Art zeitlicher Dinge verstehen und ausdrücken, weil unser Intellekt eine natürliche Affinität zu zusammengesetzten und zeitlichen Dingen hat. Demonstrativpronomen aber werden auf Gott angewandt, um das zu beschreiben, was verstanden wird, nicht das, was sinnlich wahrgenommen wird. Denn wir können Ihn nur insoweit beschreiben, als wir Ihn verstehen. Sofern also Substantive, Partizipien und Demonstrativpronomen auf Gott anwendbar sind, insofern kann Er auch durch Relativpronomen bezeichnet werden.