Untersuchung über den Antichrist.
Bisher haben wir bewiesen, dass der römische Papst dem Petrus im höchsten Prinzipat über die ganze Kirche nachfolge. Nun haben wir noch zu sehen, ob der römische Papst zu einer Zeit diesen Rang verloren habe. Die Gegner behaupten nämlich, was immer vorher gewesen, jetzt sei wenigstens zu Rom kein wahrhafter Bischof. Nilos sagt gegen den Schluss seiner Schmähschrift gegen den Primat des römischen Papstes: „Aber der Hauptsatz meiner Worte sei der, dass der Papst so lange in der Kirche den zuständigen und einst eingesetzten Rang behält, als er die göttliche Wahrheit festhält und beobachtet. Und solange er Christus, dem höchsten und wahren Herrn und Haupte der Kirche, anhängt, will ich gerne dulden, dass er das Haupt der Kirche und der höchste Priester und der Nachfolger des Petrus oder wenn es sein muss auch aller Bischöfe sei und dass alle ihm gehorchen und dass dasjenige, was zu seiner Ehre gereicht, um nichts geschmälert werde. Weicht er aber von der Wahrheit ab und will nicht zu derselben zurückkehren, so muss er mit Recht für einen Verdammten und Verworfenen gehalten werden.“ So jener.
Aber er hätte zeigen müssen, in welche Irrtümer die römischen Päpste verfallen und wann und von wem sie verdammt worden. Wir wissen nämlich, dass auf dem allgemeinen lateranischen Concilium unter Innocentius III. und auf dem Lyoner Concilium unter Gregor X. und auf dem florentinischen unter Eugenius IV. die Griechen des Irrtums überwiesen worden und zum Glauben der Lateiner zurückgekehrt und dass sie hernach immer auf ihren Unrat zurückgekommen und deshalb von Gott aufs Schärfste bestraft worden seien. Nirgends lesen wir aber, dass die Lateiner auf den Glauben der Griechen gekommen. Und es kann kein einziges kirchliches Urteil gegen die Lateiner vorgebracht werden, wie wir viele gegen die Griechen vorgebracht haben.
Weiter sagt Calvin (Lib. 4. Inst. cap. 7. §. 23.): „Alles das soll wahr sein, was wir ihnen jedoch bereits widerlegt haben. Petrus soll durch das Wort Christi zum Haupte der gesamten Kirche eingesetzt worden sein und die ihm erteilte Ehre auf den römischen Stuhl niedergelegt haben, es soll dies durch die Autorität der alten Kirche geheiligt, durch den langen Gebrauch bestätigt worden sein; es soll dem römischen Papste die höchste Gewalt immer von allen eingeräumt worden und er soll der Richter von allem, von Händeln und Menschen, selbst aber dem Urteil keines Menschen unterworfen gewesen sein; es soll ihnen noch mehr eingeräumt werden, wenn sie wollen. Ich entgegne kurzweg, dass dies alles nichts bedeute, wenn nicht zu Rom Kirche und Bischof ist.“ Und unten §. 24: „Diesen Knoten sollen mir die Römlinge auflösen: ich leugne, dass ihr Papst Fürst der Bischöfe sei, da er nicht Bischof ist [...] Mag einst Rom wirklich die Mutter aller Kirchen gewesen sein, sie hörte auf, das zu sein, was sie war, seitdem sie anfing, der Stuhl des Antichrist zu werden.“ Und unten §. 25: „Wir scheinen einigen allzu bösmaulig und frech zu sein, indem wir den römischen Papst den Antichrist nennen. Aber diejenigen, welche dieser Meinung sind, sehen nicht ein, dass sie den Paulus der Frechheit beschuldigen, an den wir uns halten, ja aus dessen Mund wir dieses sagen. Und damit nicht jemand einwerfe, wir verdrehten fälschlich die Worte des Paulus, welche anderswohin gehörten, auf den römischen Papst, so will ich in Kürze zeigen, man könne diese Worte nicht anders als vom Papsttum verstehen.“ So jener.
Ähnliches lehren alle Ketzer dieser Zeit und im Besonderen Luther (Supputat. temporum. Assert. art. 28. et 36., et alibi passim). Auch die Magdeburger (Cent. 1. lib. 2. cap. 4. col. 434. sq. Seq. Cent. cap. 4. 7. et 10.), Illyricus (Lib. de primatu), David Chyträus (In cap. 9. et 13. Apocalypsis), Wolfgang Musculus (Loc. commun., tit. de Ecclesia), Theodor Beza (Commentar. 2. Thessal. 2.), Theodor Bibliander (Chronic., tab. 10. 11. 12. 13. et 14.), Heinrich Bullinger (Praef. in homil. ad Apocalypsin). Und vor allen diesen hat Johann Wylif (art. 30. inter eos, qui damn. in Conc. Const., sess. 8.) verkündigt, der Papst sei der Antichrist.
Um also diese Frage sorgfältig zu erörtern, werden neun Abschnitte gemacht werden müssen. Einer über den Namen des Antichrist. Der zweite darüber, ob der Antichrist ein einzelner Mensch oder eine Menschengattung sei. Der dritte über die Zeit seiner Ankunft und seines Todes. Der vierte über seinen eigentlichen Namen. Der fünfte darüber, aus welchem Volke er werde geboren werden und bei wem er vorzugsweise Aufnahme finden solle. Der sechste darüber, wo er seinen Sitz aufschlagen werde. Ein siebter über seine Lehre und seine Sitten. Ein achter über seine Wunder. Der neunte über sein Reich und seine Kämpfe. Aus all dem wird nämlich aufs Deutlichste erhellen, mit welcher Unverschämtheit die Ketzer den römischen Papst zum Antichrist machen. Dazu werden wir noch einen Abschnitt fügen, um in ihm zu erweisen, dass der römische Papst nicht nur nicht der Antichrist sei, sondern auch auf keine Weise aufgehört habe, Bischof und Hirt der ganzen Kirche zu sein, damit keiner von den Einwürfen Calvins unwiderlegt bleibe.
In Betreff des ersten Punktes lehren einige von den Gegnern, der Name Antichrist bedeute eigentlich einen Statthalter Christi, somit sei der Papst, welcher sich für den Statthalter Christi ausgibt, der Antichrist selbst. So lehrt Wolfgang Musculus (Loc., cap. de potestate ministrorum). Den Beweis führt er daraus, weil jenes Wort ἀντὶ statt bedeutet, wonach ἀντίχριστος statt Christi heißt, sowie ἀντιστράτηγος denjenigen bezeichnet, welcher sich für den Feldherrn geltend macht, d. h. für den Statthalter des Feldherrn gehalten sein will. Auch die Magdeburger (Cent. 1. lib. 2. cap. 4. col. 435.) lehren, der Papst sei darum der Antichrist, weil er sich zum Statthalter Christi mache.
Aber ohne Zweifel täuschen sie sich oder suchen andere zu täuschen. Denn Antichrist kann auf keine Weise einen Statthalter Christi, sondern bloß einen Gegner Christi bedeuten, und zwar nicht einen Gegner von jeder beliebigen Art, sondern einen solchen, welcher mit Christus um Thron und Würde streitet, d. h. einen, welcher ein Nebenbuhler Christi ist und für Christus gehalten werden will, nach Verdrängung des wahrhaften Christus.
Dass dies die Bedeutung des Namens ist, lässt sich auf dreifache Weise dartun. Erstlich, weil bei den Griechen das Wort ἀντὶ eigentlich einen Gegensatz bezeichnet und weil man nicht bloß bei denjenigen Dingen, welche untereinander streiten, von einem Gegensatze spricht, sondern auch bei denjenigen, welche gleich viel gelten. Daher kam es, dass ἀντὶ in einer Zusammensetzung bisweilen eine gleiche Geltung, niemals aber eine Unterordnung bedeutet, wie an allen Wörtern der Art erhellt: ἀντίπαλος bedeutet einen Nebenbuhler im Ringen, ἀντίδοτον ein Gegenmittel, ἀντίφρασις eine Gegenrede, ἀντίστροφος sich entsprechend, ἀντίθεος gottgleich, ἀντίχειρ den Daumen, weil er der übrigen Hand oder den vier Fingern beim Fassen gegenübersteht u. s. f. Stellvertreter bezeichnet aber keinen Gegensatz, sondern eine Unterordnung unter etwas anderes und darum kann es nicht durch das Wort ἀντὶ ausgedrückt werden.
Sofort bedeutet jenes ἀντιστράτηγος nicht einen Stellvertreter des Feldherrn, sondern in der Regel einen Gegenfeldherrn, so wie ἀντιστρατεύομαι heißt „ich bekriege“. Und bisweilen bedeutet ἀντιστράτηγος denjenigen, welcher die Stelle des Feldherrn einnimmt, aber nicht als ein diesem Unterworfener, sondern als ein diesem Gleicher. So bezeichnet bei den Lateinern propraetor oder proconsul nicht einen Stellvertreter des Praetor oder Consul, sondern denjenigen, welcher in einer Provinz dasjenige ist, was der Praetor oder Consul in der Stadt. Und darin hat sich Musculus getäuscht. Weil er nämlich bei Budäus las, ἀντιστράτηγος bedeute einen propraetor, dachte er an die Bedeutung eines Statthalters des Praetors, was falsch ist.
Der zweite Beweis lässt sich aus der Schrift schöpfen. Denn obgleich dieses Wort an sich zweideutig ist, so ist es doch in der Weise, wie es in der Schrift gefasst wird, nicht zweideutig. Und unsere Untersuchung soll sich nicht um das Wort ἀντίχριστος absolut drehen, sondern darum, in welcher Bedeutung es in der Schrift genommen wird. Nun heißt in der Schrift derjenige Antichrist, welcher (2 Thess 2, 4) sich erhebt über alles, was Gott heißt, was gewiss nicht Statthalter, sondern ein Feind Christi, des wahren Gottes, sein heißt. Und im 1 Joh 2, 22 heißt es, der sei der Antichrist, welcher leugne, dass Jesus Christus sei, d. h., welcher leugnet, dass Jesus Christus sei, um sich selbst für Christus auszugeben. Und Mt 24, 5 heißt es, der Antichrist werde behaupten, er selbst sei Christus, was gewiss kein Statthalter, sondern ein Nebenbuhler tut.
Endlich drittens aus allen Schriftstellern, welche über den Antichrist schrieben, und aus der übereinstimmenden Ansicht aller Christen, welche unter dem Antichrist einen außerordentlichen Pseudo-Christus verstehen. So erklärt dieses Wort auch von den alten Griechen der Damascener (Lib. 4. de fide, cap. 28.). Und dieselbe Erklärung gibt von den Lateinern Hieronymus (Quaest. ad 11. Algasiam), der doch auch in der griechischen Sprache sehr bewandert war.
Endlich gibt Henricus Stephanus (Thes. linguae Graecae) eine ähnliche Erklärung, der doch einer von den Genfer Ketzern ist. Somit haben wir den ersten Beweis gegen die Widersacher. Denn da der Name des Antichrist einen Feind und Nebenbuhler Christi bedeutet und der römische Papst sich einen Diener Christi und als einen Christo in allem Untergebenen bekennt, auf keine Weise dagegen sagt, dass er Christus sei, und sich diesem nicht gleichstellt, so ist es klar, dass er der Antichrist nicht ist.
