Sacraresponda

Der Antichrist wird eine bestimmte Person sein

Veröffentlicht21. März 2026

Was nun den zweiten Punkt betrifft, so kommen wir mit den Gegnern in einem Stücke überein, im anderen nicht. Wir stimmen darin überein, dass gleich wie der Name Christ in doppeltem Sinne genommen wird – bisweilen eigentlich für eine hervorragende und besondere Persönlichkeit, welche Jesus von Nazareth ist, bisweilen allgemein für alle diejenigen, welche Ähnlichkeit mit Christus haben in Ansehung der Salbung, in welcher Bedeutung alle Propheten und Könige und Priester Christe heißen (Ps 104, 15: Tastet nicht an meine Gesalbten) – dass, sage ich, so auch der Name Antichrist bisweilen eigentlich genommen werde für einen hervorragenden Feind Christi, von welchem im 2 Thess 2, 3 ff. und bei Joh 5, 43 und anderwärts die Rede ist, bisweilen aber allgemein für alle diejenigen, welche auf irgendeine Weise als Gegner Christi erscheinen. Denn im 1 Joh 2, 18 lesen wir: „Wie ihr gehört habt, wird der Widerchrist kommen, ja schon jetzt sind viele Widerchristen geworden“, d. h. ihr habt gehört, dass der Antichrist kommen werde, und schon jetzt sind viele Verführer gekommen, welche auch Widerchristen heißen können, obgleich jener besondere Antichrist noch nicht erschienen ist.

Aber wir sind verschiedener Ansicht in Betreff des eigentlichen Antichrist, ob er ein einzelner Mensch sei. Alle Katholiken sind nämlich der Ansicht, der Antichrist werde ein einzelner Mensch sein. Dagegen lehren alle oben angeführten Ketzer, der eigentliche Antichrist sei keine Persönlichkeit, sondern ein besonderer Thron oder ein tyrannisches Reich und der abtrünnige Stuhl derjenigen, welche an der Spitze der Kirche stehen.

Die Magdeburger (Cent. 1. lib. 2. c. 4. col. 435.) sagen: „Die Apostel lehren, dass der Antichrist nicht bloß eine Person sein werde, sondern ein ganzes Reich, welches durch falsche Lehrer, die im Tempel Gottes, d. h. in der Kirche Gottes an der Spitze stehen, in einer großen Stadt, d. i. in Rom, mithilfe des Teufels durch Trug und Lug gestiftet worden.“ So jene. Ähnliches findet sich bei den anderen oben Angezogenen.

Ihre Gründe sind folgende. Erstlich sagt Paulus (2 Thess 2, 7), bereits zu seiner Zeit habe der Antichrist auf Erden zuweilen angefangen. „Das Geheimnis der Bosheit“, sagt er, „ist schon wirksam.“ Und gleichwohl sagt er an demselben Orte, der Antichrist müsse am Ende der Welt von Christus zunichtegemacht werden. Daraus schließt Beza (In 2. Thessal. 2.): „Alle diejenigen sind offenbar Fasler, welche glaubten, man müsse dies von irgendeinem einzelnen Menschen verstehen. Oder sie sollen mir einen aufweisen, welcher von der Zeit Pauli bis zum Gerichtstage am Leben bleibt.“ Einen ähnlichen Schluss macht Calvin (l. c.). Eine Bestätigung für diesen Grund findet man im 1 Joh 4, 3: „Jeder Geist, der Jesum aufhebt, ist nicht aus Gott und dieser ist der Widerchrist, von dem ihr gehört habet, dass er kommt und er ist schon jetzt in der Welt.“

Einen zweiten Grund hierfür bringt Beza. Weil Daniel (7) mit den einzelnen Tiernamen, der Löwin, dem Bären, dem Panther nicht einzelne Könige meint, sondern einzelne Königreiche, von welchen ein jegliches viele Könige hat. Sonach versteht auch Paulus (2 Thess 2, 2 ff.), der auf erstaunliche Weise mit Daniel zusammenstimmt, unter dem Menschen der Sünde und dem Sohne des Verderbens nicht eine einzelne Person, sondern gleichsam einen Leib von vielen Tyrannen.

Einen dritten Grund bringt Calvin (In cap. 2. primae Joannis). Er sagt, diejenigen, welche glauben, dass der Antichrist eine bestimmte Persönlichkeit sein werde, faselten und irrten freiwillig, da Paulus (2 Thess 2, 3) schreibe, es werde ein Abfall kommen und das Haupt derselben werde der Antichrist sein. Nun ist ein Abfall ein allgemeines Verlassen des Glaubens, welcher eine Gemeinschaft und ein Reich begründet, und ist nicht eine Sache von wenigen Jahren, so dass sie unter einem einzigen Könige zustande kommen könnte.

Da nun diese Einwürfe kein Gewicht haben, so ist die Wahrheit die: Der Antichrist wird ein einzelner Mensch sein. Dies lässt sich aus allen Schriftstellen und Vätern, welche vom Antichrist handeln, erweisen. Schriftstellen gibt es fünf. Die Erste findet sich im Evangelium Joh 5, 43: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr nehmet mich nicht auf: wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen.“ Diese Worte wollen Musculus und Calvin (Apud Marloratum, in comment. h. l.) von den falschen Propheten im Allgemeinen, nicht von einem Einzigen verstanden wissen. Aber ihre Erklärung streitet mit den alten Vätern und mit dem Texte selbst. Diese Worte sind nämlich nach dem Zeugnisse des Chrysostomus und Cyrillus (In h. l.), des Ambrosius (In 2. Thess. 2.), Hieronymus (Epist. ad Algasiam, quaest. 11.), Augustinus (Tract. 29. in Joan.), Irenäus (Lib. 5. contra haereses Valentini), Theodoretus (Epitome divinorum decretorum, cap. de Antichristo) und anderer von einem Antichrist gesagt worden.

Überdies setzt hier der Herr sich einen anderen Menschen, d. h. einer Persönlichkeit eine andere, nicht einem Reiche ein Reich noch einer Sekte eine Sekte entgegen, wie aus den Wörtern „Ich, ein anderer, in meinem Namen, in seinem Namen, mich, den“ erhellt. So wie also Christus eine gesonderte Persönlichkeit war, so wird auch der Antichrist eine gesonderte Persönlichkeit sein.

Sodann sagt Christus hier, die Juden würden den Antichrist als Messias aufnehmen. Bekanntlich erwarten aber die Juden einen bestimmten und einzelnen Menschen. Auch kamen alle falschen Propheten im Namen eines anderen, nicht in ihrem Namen Jer 14, 14: „Die Propheten weissagen falsch in meinem Namen: ich habe sie nicht gesandt“, etc. Hier redet doch der Herr von einem bestimmten Menschen, welcher in seinem Namen kommen wird, d. h., welcher keinen Gott anerkennen, sondern sich nach den Worten Pauli über alles erheben wird, was Gott heißt.

Endlich waren sehr viele falsche Propheten vor Christi Ankunft aufgetreten und sehr viele sollten auch noch nachher kommen. Deshalb hätte also der Herr nicht gesagt „Wenn ein anderer kommen wird“, sondern „Viele kommen“, falls er von den falschen Propheten hätte sprechen wollen.

Die zweite Stelle findet sich im 2 Thess 2, 3: „Denn zuvor muss der Abfall kommen und offenbar werden der Mensch der Sünde und der Sohn des Verderbens“, etc. Und unten 8: „Und dann wird jener Bösewicht offenbar werden, welchen der Herr Jesus wird töten mit dem Hauche seines Mundes.“ Diese Worte verstehen auch die Gegner vom wirklichen Antichrist. Der Apostel redet aber von einer bestimmten und besonderen Person, wie aus den griechischen Artikeln erhellt: ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας ... καὶ τότε ἀποκαλυφθήσεται ὁ ἄνομος. Nach der Lehre des Epiphanius (Haeres. 9. Samarit.) erzielen die griechischen Artikel die Bezeichnung einer bestimmten Sache, so dass ἄνθρωπος einen Menschen im Allgemeinen bezeichnet, ὁ ἄνθρωπος aber einen besonderen Menschen. Und in der Tat ist es verwundernswert, dass keiner der Gegner, welche doch mit ihrer Sprachenkenntnis prahlen, es bemerkt hat.

Die dritte Stelle findet sich im 1 Joh 2, 18, wo wir lesen: ἠκούσατε ὅτι ἀντίχριστος ἔρχεται, καὶ νῦν ἀντίχριστοι πολλοὶ γεγόνασιν. Hier setzt er den Artikel vor den in eigentlicher Bedeutung gefassten Antichrist. Ohne Artikel nimmt er aber das Wort in seiner allgemeinen Bedeutung. Dadurch gibt er aufs Deutlichste zu verstehen, dass der Antichrist in eigentlicher Bedeutung eine bestimmte Person, der in allgemeiner Bedeutung aufgefasste Widerchrist aber keine bestimmte Person sei, sondern im Allgemeinen alle Ketzer bezeichne.

Die vierte Stelle findet sich bei Daniel 7, 25, 11, 31 u. 12, 11, wo er vom Antichrist spricht, wie Hieronymus und Theodoretus (In h. l.), Irenäus (Lib. 5.) und Augustinus (Lib. 20. de civitate Dei, cap. 23.) und Calvin, die Magdeburger und Beza (ubi supra) lehren. Hier wird aber der Antichrist nicht als ein Reich, sondern als ein König bezeichnet, welcher von den zehn Königen, welche er in der Welt findet, drei ganz aus dem Wege räumen und die anderen sieben unterwerfen wird. Dazu sagt Calvin noch, buchstäblich rede Daniel von Antiochus dem Großen, allegorisch vom Antichrist, dessen Bild Antiochus war. Dasselbe lehrten auch Cyprianus (Lib. de exhortatione martyrii, cap. 11.) und Hieronymus (In Daniel. 11. et 12. cap.). Aber Antiochus war eine bestimmte Persönlichkeit; also muss auch der Antichrist eine bestimmte Persönlichkeit sein.

Die fünfte und letzte Stelle steht in der Offenbarung 13, 13 u. 17, 5. Diese Stellen gehen nach der Bemerkung des Irenäus (Lib. 5.) auf den Antichrist. Und es erhellt aus der Ähnlichkeit der Worte des Daniel und Johannes. Beide erwähnen nämlich der zehn Könige, welche auf Erden sein werden, wann der Antichrist kommen wird, und beide sagen voraus, dass das Reich des Antichrist 3½ Jahre dauern werde etc. So wie also Daniel von einem bestimmten Könige spricht, so auch Johannes in der Offenbarung.

Dasselbe lässt sich aus den Vätern erweisen, welche allgemein übereinstimmend Folgendes vom Antichrist sagen. Erstlich, er werde das auserwählteste Werkzeug des Teufels sein, so dass in ihm die ganze Fülle teuflischer Bosheit körperlich wohne, wie im Menschen Christus die ganze Fülle der Gottheit körperlich wohnt. Zweitens, der Antichrist werde bloß 3½ Jahre regieren. Und sofort lehren sie, der Antichrist werde bloß ein Mensch sein. Man sehe den Irenäus (Lib. 5. circa finem), Cyrillus von Jerusalem (Catech. 15.), Chrysostomus (In 2. Thessal. 2.), Theodoretus (In cap. 7. Danielis), Lactantius (Epitome divinae Instit. cap. 11.), Ambrosius (In cap. 21. Lucae), Hieronymus (In cap. 7. Danielis. Quaest. 11. ad Algasiam), Augustinus (Lib. 20. de civitate Dei, p. m. c. In Psal. 9.), Gregorius (Lib. 32. moralium, cap. 12.), den Damascener (Lib. 4. cap. 28.) und Hippolytus der Märtyrer (Oratio de consummatione mundi) nach.

Auf den ersten Beweisgrund des Beza entgegne ich, dass zur Zeit der Apostel der Antichrist heimlich zu wüten angefangen in seinen Vorläufern, nicht in eigener Person. Denn so wie Christus vom Anfange der Welt an in den Patriarchen und Propheten, welche seine Vorläufer waren und ihn vorbildeten, zu kommen anfing; so dass man sagen kann, das Geheimnis der Liebe habe schon von Anbeginn der Welt an wirksam zu sein begonnen; und er gleichwohl in eigener Person nicht kam, bis er von der hl. Maria Fleisch annahm; so begann auch der Antichrist bald nach der Himmelfahrt Christi in seinen Vorläufern zu kommen und das Geheimnis der Gottlosigkeit zu wirken, nämlich in den Ketzern und Tyrannen, welche die Kirche verfolgten, und vorzugsweise in Simon dem Magier, welcher sich für Christus ausgab, und in Nero, welcher zuerst die Kirche zu bekämpfen anfing; und nichtsdestoweniger wird er in eigener Person doch nicht kommen außer am Ende der Welt. Sonach wird die geistige Verfolgung des Magiers Simon und die zeitliche des Nero das Geheimnis der Bosheit genannt, weil sie Zeichen und Vorbilder der Verfolgung des Antichrist waren.

Dass dies die wahre Auslegung der paulinischen Stelle ist, lässt sich auf zweifache Weise dartun. Erstlich aus allen Auslegern dieser Stelle. Alle verstehen nämlich unter dem Geheimnisse der Bosheit bei Paulus entweder die Verfolgung des Nero, wie Ambrosius und Chrysostomus (In h. l.) und Hieronymus (Quaest. 11. ad Algasiam), oder die Ketzer, welche heimlich verführen, wie Theodoretus und Sedulius (In h. l.) und Augustinus (Lib. 20. de civitate Dei, cap. 19.). Zweitens durch einen Vernunftschluss, welcher aus dem Bekenntnisse der Gegner fließt. Jene sagen nämlich, der Antichrist sei eigentlich der Stuhl des römischen Papstes.

Wenn also der Antichrist in eigentlicher Bedeutung zur Zeit der Apostel geboren worden ist, so folgt, dass Petrus und Paulus die eigentlichen Antichriste gewesen, wenn auch auf verborgene Weise, und dass Nero oder Simon Magus der wahre Christus gewesen. Bekanntlich gab es nämlich zur Zeit der Apostel in Rom keine anderen Bischöfe als Petrus und Paulus. Irenäus (Lib. 3. cap. 3.) erklärt nämlich deutlich, der römische Stuhl sei von Petrus und Paulus gegründet worden und sie seien zuerst auf demselben als Bischöfe gesessen. Dasselbe lehren alle Alten, welche wir oben angezogen haben. Es ist auch ermittelt, dass sowohl Simon Magus als Nero mit den Aposteln Petrus und Paulus gekämpft.

Sollten die Gegner nicht annehmbar finden, dass Petrus und Paulus Antichriste und Simon und Nero der wahre Christus gewesen, so sind sie gezwungen, einzugestehen, dass zur Zeit der Apostel der Antichrist nicht an sich, sondern bloß in seinem Vorbilde existiert hat. Daher die Schlussfolgerung des Beza, der Antichrist könne nicht ein einzelner Mensch sein (man müsste denn einen Menschen zugeben, welcher von der Zeit der Apostel bis ans Ende der Welt lebte), als lächerlich sich erweist.

Zur Bestätigung bemerke ich, dass Johannes auf dieselbe Weise redet wie der Herr von Elias. Mt 17, 11 f.: „Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Elias wird zwar kommen und alles wiederherstellen: ich sage euch aber, dass Elias schon gekommen ist: und sie haben ihn nicht erkannt“, etc., d. h. Elias wird in eigener Person kommen, ist aber in seinem Gleichnisse, d. h. in Johannes dem Täufer, bereits gekommen.

In Betreff des zweiten Beweisgrundes lässt sich zuvorderst verneinen, dass Daniel immer unter den einzelnen Tieren die einzelnen Reiche versteht. Denn mit einem Tiere bezeichnet er bisweilen ein Reich, wie Dan 7, 4 f., wo er unter dem Löwen das assyrische Reich versteht, unter dem Panther das griechische Reich, unter dem anderen nicht genannten Tiere das römische Reich; bisweilen einen König, wie Dan 8, 3, wo er unter dem Widder den letzten persischen König Darius versteht, unter dem Ziegenbock Alexander den Großen. Sodann lässt sich die Schlussfolgerung verneinen. Denn Paulus versteht unter dem Menschen der Sünde nicht eines aus den vier Tieren, welche Daniel beschrieben hat, sondern versteht jenes kleine Horn, welches bei Daniel den Sieg über die zehn Hörner des vierten Tieres davonträgt, d. h. jenen einzigen König, welcher aus einem mittelmäßig Mächtigen also wuchs, dass er alle anderen Könige sich unterwarf.

Auf den letzten Beweisgrund entgegne ich auf vielfache Weise, damit man zur Einsicht gelange, mit welcher Unverschämtheit Calvin geschrieben, diejenigen irrten freiwillig, welche aus jenem Beweise nicht folgerten, dass der römische Papst der Antichrist sei. Erstlich kann sehr richtig unter dem Abfall der Antichrist selbst bei Paulus verstanden werden. So lehren nämlich die griechischen Ausleger Chrysostomus, Theodoretus, Theophylactus und Oecumenius übereinstimmend und außerdem der hl. Augustinus (Lib. 20. de civitate Dei, cap. 19.). Antichrist heißt aber der Abfall teils per metonymiam, weil er Veranlassung sein wird, dass viele sich von Gott entfernen, teils auch zur Steigerung. Er wird nämlich ein so hervorragender Apostat sein, dass man ihn den Abfall selbst nennen kann.

Zweitens kann man unter der Apostasie den Abfall vom römischen Reiche verstehen, wie es viele Lateiner, z. B. Ambrosius, Sedulius und Primasius, auslegen. Denn in folgenden Abschnitten werden wir dartun, dass der Antichrist nicht vorher kommen wird, als bis das römische Reich ganz zugrunde geht.

Drittens, weil wir in gar keine Verlegenheit kommen, falls wir auch zugeben, dass unter Apostasie der Abfall vom wahren christlichen Glauben verstanden wird (wie Calvin zeigt). Denn es ist nicht notwendig, dass Paulus von der Apostasie vieler Jahrhunderte rede, er konnte ja von einer sehr großen und allgesonderten Apostasie reden, welche bloß während jener sehr kurzen Zeit, wo der Antichrist herrscht, bestehen wird. Und Augustinus (L. n. de civit. Dei l. 20. c. 19.) schreibt, von vielen Alten sei die Stelle so verstanden worden. Sie lehrten das Annehmbare, bei Erscheinung des Antichrist würden durchweg alle heimlichen Ketzer oder vorgeblichen Christen zu ihm treten und dann werde ein Abfall, so groß, wie vorher es keinen gegeben, erfolgen.

Viertens: Wenn wir dem Calvin zugeben, dass Paulus von einer Apostasie von vielen Jahrhunderten spreche, so wird er doch noch nichts damit gewinnen, denn wir können dann sagen, dass diese Apostasie nicht einen notwendigen Bestandteil des Leibes und der Herrschaft des Antichrist ausmache und auch nicht ein ausschließliches Haupt verlange, sondern dass sie eine Vorbereitung zur Herrschaft des Widerchrist sei und an verschiedenen Orten, unter verschiedenen Königen, bei verschiedenen Gelegenheiten zustande komme, wie wir sehen, dass jetzt Afrika zum Mahumet, ein großer Teil Asiens zu Nestorius und Eutyches und andere Länder zu anderen Sekten abgefallen.

Fünftens und letztens: Wenn wir dem Calvin auch einräumten, dass Reich des Antichrist bestehe in einem allgemeinen und schon viele Jahre dauernden Abfalle vom Glauben, so folgte doch daraus nicht sogleich, dass der Papst der Antichrist ist. Denn es wäre noch eine Frage, wer eigentlich vom Glauben und der Religion Christi abgefallen, wir oder jene, d. h. die Katholiken oder die Lutheraner. Denn wenn sie auch sagen, wir seien diejenigen, welche abgefallen, so haben sie es doch noch nicht bewiesen und von gar keinem allgemeinen Richter ist dies erklärt worden.

Und in der Tat können wir viel leichter erweisen, dass die Lutheraner es seien, welche abgefallen, als sie erweisen, dass die Katholiken abgefallen. Denn sie selbst leugnen nicht einmal, dass sie von der Kirche abgefallen, in welcher sie früher waren. So gesteht Erasmus Sarcerius (In illud 2. Thessal. 2. Tunc. revelabitur ille iniquus) offen, beinahe alle Vorläufer der Lutheraner und auch er seien einst dem römischen Papste untertan gewesen. Sonach sind jene von der Kirche und der Religion ihrer Vorläufer abgefallen. Dass dagegen wir von einer Kirche abgefallen, das haben sie bisher nicht bewiesen und werden es auch niemals beweisen können. Wenn sie demnach bei Paulus lesen „Denn zuvor muss der Abfall kommen oder die Apostasie und offenbar werden der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens“ und sie denken daran, dass sie von der Kirche abgefallen, in welcher sie waren, dass aber wir immer bei denselben Einrichtungen bleiben, so ist es zu verwundern, wenn sie gar nicht fürchten, Paulus habe von ihnen geredet.

Aus diesem zweiten Abschnitte entnehmen wir nun den zweiten Beweis dafür, dass der Papst nicht der Antichrist sei: wenn nämlich der Antichrist bloß eine Person ist, die Päpste aber viele Persönlichkeiten gewesen und sein werden von gleicher Würde und mit gleicher Gewalt, so wird man ohne Zweifel den Antichrist woanders suchen müssen als auf dem römischen Stuhle.