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Über den Charakter des Antichrist.
Über den Charakter, das Malzeichen des Antichrist, gibt es auch zwei oder drei Meinungen. Die erste findet sich bei den Ketzern dieser Zeit, welche lehren, der Charakter des Antichrist sei ein Zeichen des Gehorsams und der Verbindung mit dem römischen Papste. Sie erklären jedoch nicht auf dieselbe Weise, was jenes Zeichen sei. Heinrich Bullinger (Serm. 61. in Apocalypsim) behauptet, es bestehe in der Salbung mit dem Chrisma, womit alle unter dem römischen Papste stehenden Christen an der Stirn gezeichnet werden. Theodor Bibliander sagt (Chronic., tab. 10.), das Mal des Antichrist bestehe in dem Bekenntnisse des römischen Glaubens, so dass derjenige, welcher sich nicht für einen Anhänger der römischen Kirche bekennt, nicht für einen wahren Bekenner des christlichen Glaubens gehalten werde. David Chyträus fügt zu diesen zwei Zeichen noch den Eid der Treue, welchen viele dem römischen Papste zu leisten gezwungen werden. Auch die priesterliche Salbung, welche man an Scheitel und Hand empfängt und welche, nach dem Geschrei der Papisten, wie er sagt, einen unauslöschlichen Charakter eindrückt. Endlich das Niederfallen vor Bildern und geweihtem Brot und die Beiwohnung bei Totenmessen.
Und nicht unähnlich ist dasjenige, was Sebastian Meyer und die anderen bei Augustinus Marloratus (In h. Apocalypsis) lehren. Aber dieses nichtige Geschwätz lässt sich leicht widerlegen, teils darum, weil es mit den Worten des Textes nicht übereinstimmt, teils auch darum, weil alle jene Zeichen in der katholischen Kirche dagewesen, ehe der Antichrist, nach der Ansicht jener Leute, erschien.
Zuvörderst entnehmen wir nun aus dem Texte, dass nur ein Malzeichen, nicht viele vorhanden sein werden. Immer redet nämlich die Schrift in der Einzahl, sowohl in Betreff des Malzeichens als des Namens und der Zahl des Namens des Antichrist. Der Antichrist wird also ein Malzeichen, einen Eigennamen und eine Namenszahl haben. Die Gegner verraten demnach selbst, dass sie nicht wissen, wer der sei, von dem Johannes redet, indem sie so viele Malzeichen häufen.
Zweitens wird jenes Malzeichen allen Menschen im Reiche des Antichrist gemeinsam eigen sein, wie aus jenen Worten erhellt (Off 13, 16): „Es wird machen, dass alle, Klein und Groß, Reich und Arm, Freie und Knechte, ein Malzeichen tragen.“ Aber der Eid des Gehorsams und die priesterliche Salbung kommen wenigen zu.
Drittens gibt die Schrift an, das Malzeichen werde der Art sein, dass man es ohne Unterschied auf der rechten Hand oder an der Stirn tragen kann. Es heißt nämlich in der Schrift: „Es wird machen, dass alle ein Malzeichen auf ihrer rechten Hand oder an ihrer Stirn tragen.“ Nichts von dem, was die Gegner anführen, ist aber der Art. Denn die Salbung mit dem Chrisma kann man an der rechten Hand nicht empfangen. Das Bekenntnis des römischen Glaubens hat man weder an der Hand noch an der Stirne, sondern im Mund, insofern man es ablegt, und im Herzen, insofern man es glaubt. Den Eid der Treue leistet man mit Hand und Mund; aber auf der Stirne kann man ihn auf keine Weise tragen. Die priesterliche Salbung empfängt man eigentlich weder an der rechten Hand noch an der Stirne, sondern über dem Haupte und an den Fingern beider Hände. Endlich sind die Beiwohnung bei Totenmessen, das Niederknien vor Bildern und der Eucharistie nicht Verrichtungen der Stirn oder Hände, sondern des ganzen Leibes und werden vorzugsweise an den Knien sichtbar.
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