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Einst verlangte man von Johannes die Papiere. Die Herren von Jerusalem, der Tempel, die Regierung, die Universität – sie wollten wissen, wer dieser kamelhaargekleidete Heuschreckenesser am Jordan sei. „Wer bist du?“ Da bekannte er und leugnete nicht: „Ich bin nicht der Christus.“ Johannes wollte nicht das sein, was er nicht ist.
Diese Szene erinnert an einen Vorfall aus dem Leben des heiligen Hieronymus, des größten Bibelforschers aller Zeiten. Es war Mitte der Fastenzeit. Hieronymus bestand fast nur noch aus Haut und Knochen. Eine Krankheit packte den ausgedorrten Leib. Nur noch ein schwaches Lebensflämmchen glomm in seiner Brust. Man sprach bereits von seiner Beerdigung.
Plötzlich geriet Hieronymus in Verzückung. Himmelsglanz umflutete ihn. Er stand vor dem Richter. Wie vor Gericht üblich, wurden zuerst die Personalien festgestellt. „Wer bist du?“ – „Christianus, ein Christ.“ Die Miene des Vorsitzenden verfinsterte sich: „Du lügst. Du bist ein Ciceronianer.“ Denn wo der Schatz ist, da ist auch das Herz.
Hieronymus hatte auf alles verzichtet: Vaterhaus, Eltern, Geschwister, Verwandte, Küche und Keller. Nur von einem konnte er sich nicht trennen: von seiner Bibliothek, die er von Rom mit in die Einsiedelei von Bethlehem genommen hatte. Daraus las er von Zeit zu Zeit in heidnischen Schriftstellern, mit besonderer Vorliebe in Cicero. Daran erinnerte ihn nun der Richter: „Du bist ein Ciceronianer, kein Christ!“
Hieronymus verstummte. Auf Befehl des Vorsitzenden wurde er von Gerichtsdienern gegeißelt. Zwischen den tausend Hieben hörte man das Schluchzen des Angeklagten. Die Gerichtsdiener warfen sich, von Mitleid gerührt, zu den Füßen des Vorsitzenden nieder und flehten um Erbarmen. Hieronymus schwor, nie mehr ein heidnisches Buch in die Hand zu nehmen.
In diesem Augenblick kam der Sterbende wieder zu sich. Alle Umstehenden waren tief ergriffen. Es war kein Traum. Noch wühlte der Schmerz in den Gliedern des Heiligen, noch waren die Schultern blau von den Hieben, noch flossen die Wasser der Reue aus den wieder geöffneten Augen. Hieronymus war von seiner Liebhaberei geheilt.
Und wer bist du? Würde unser modernes Christentum vor einem solchen Gericht bestehen? Ungeschminkte Offenheit! Alle Kulissen sollen verschwinden. Alle, alle Larven fallen. Du sollst sein, wie du heißt. Dein Name sei der Ausdruck deines Wesens.
Deine Papiere! Dein Name! Du nennst dich Christ, Katholik. Du legst zum Beleg den Taufschein vor. Allein, die Papiere sagen nur, was du sein solltest, nicht, was du bist. Du verweist auf die letzte Quittung der Kirchensteuer. Das Papier ist gut, aber Kirchensteuerquittungen allein gelten nicht als Pass ins Himmelreich.
Du behauptest, ein Christ zu sein. Ich trete den Gegenbeweis an. Ich verlange Hausdurchsuchung. Ich beantrage Revision deiner Bibliothek. Was liest du? Das Protestantische, Liberale, Sozialistische, Farblose nimmt einen derart breiten Raum in deiner Bücherei ein, dass es erlaubt ist, an deinem kirchlichen Geist zu zweifeln. Das, was da ist, wie das, was nicht da ist, spricht gegen dich. Die Bibliothek sagt mir mehr als dein Taufschein. Papier steht gegen Papier. Die Bibliothek, die Zeitung – das ist die Bibliothek und Presse eines Liberalen, eines Weltkindes, nicht eines Christen.
Du bist ein Feigling, ein Charakterloser, ein Verräter. Wenn es darum geht, die Zahl der Katholiken eines Landes festzustellen, liebt man zu übertreiben. Es mag so und so viele Menschen geben, denen es im Notfall gelingt, einen katholischen Taufschein aufzutreiben. Die Zahl der Christen aber ist kleiner als die der Taufscheine. Man ist, was man liest. Der Vorwurf „Du bist ein Ciceronianer“ gilt heute tausendmal mehr als zu Hieronymus’ Zeiten.
Eine andere Gerichtssitzung: Das Ciceronianertum, das Mitmachen, zeigt sich besonders im gesellschaftlichen Leben. Jeder Verein, jede Organisation steht im Dienst einer Idee. Neutrale Vereinigungen gibt es ebenso wenig wie neutrale Menschen. Entweder sind sie für oder gegen die Kirche, ihre Glaubensartikel und ihre Gesetze. Sie sind entweder katholisch oder sie sind nicht katholisch.
Durch den Beitritt in eine Organisation – sei sie unterhaltender, politischer, wirtschaftlicher oder gemeinnütziger Natur – nimmt man innerlich oder wenigstens äußerlich ihre Grundsätze an, unterstützt sie und wird mitverantwortlich für ihre Werke. Sind diese Grundsätze schlecht, dann gibt es nichts – auch kein geschäftlicher Vorteil und keine wirtschaftliche Notlage –, was die Mitwirkung bei einer derartigen Vereinigung erlauben würde.
Nach dem evangelischen Prinzip: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?“ – danach muss der Katholik wie die ersten Christen und die Märtyrer aller Zeiten lieber verhungern oder sich zerreißen lassen, als einer Organisation beizutreten, die der katholischen Lehre und Moral auch nur in einem Punkt widerspricht.
Dass sich die modernen Katholiken, sogar solche, die Kongregationen angehören, oft so wenig daraus machen, beweist, wie selten und schwach der Geist der Urchristen noch in uns lebt. Tue jeder, was er will; gehe er um des materiellen Gewinnes willen zu den Protestanten, den Liberalen, den Sozialisten – aber das wenigstens haben wir das Recht, von ihm zu verlangen: Er nenne sich nicht mehr katholisch. Er leugne nicht und bekenne es: „Ich habe meinen Taufschein zerrissen. Ich bin nicht mehr katholisch. Ich bin Protestant, Liberaler, Sozialist.“ Im Interesse der öffentlichen Ehrlichkeit: Jedem den Namen, der ihm gehört! Wer Ciceronianer ist, heiße Ciceronianer; wer Christ ist, heiße Christ. Du nennst dich Katholik. Du lügst! Du bist ein Helvetier, ein Germane, ein Gallier, ein Italiener, ein Brite.
Wir legen den Finger auf eine der tiefsten Wunden. Man hat behauptet, der Katholizismus, die Kirche, das Papsttum hätten in der heutigen Weltkrise versagt. Das ist nicht wahr. Man darf von einem Heilmittel, das überhaupt nicht gebraucht, sondern weggeworfen wird, nicht behaupten, dass es versagt habe. Man darf es nur dann behaupten, wenn die Arznei tatsächlich vorschriftsgemäß angewendet wurde und dennoch keine Besserung eintrat.
Nun gut: Der katholische Geist, das Universalmittel für die Völker und die Regierungen, ist zwar vom Papsttum der Welt dargeboten, aber von derselben nicht gebraucht worden. Es gibt wohl einzelne Menschen, die sich bemühen, den katholischen Geist der allgemeinen Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe in sich aufzunehmen, aber die Völker und Regierungen als solche haben es nicht getan. Kein einziges Volk und keine einzige Regierung ist seit dem 1. August 1914 katholisch geworden. Der Katholizismus der Kirche, seine Lehren, seine Gesetze, seine Gnadenmittel haben noch niemals und nirgendwo versagt. Aber versagt haben die Völker, die den Mut haben, sich katholisch zu nennen, ohne den Mut zu haben, es zu sein.
Was ist katholisch? Allgemein, völkerumspannend, international. Der Gedanke der Kirche ist der Gedanke einer Völkerfamilie, in der alle Stämme, Nationen und Sprachen Schwestern sind. Harnack, der führende protestantische Theologe Deutschlands, rechnet es zu den Passiven der sogenannten Reformation, dass der Sinn für eine allgemeine und wirksame Verbrüderung der Menschen durch das Evangelium, die Verwirklichung des „eine Herde und ein Hirt“, im Protestantismus seit der Trennung vom Katholizismus sehr schwach geworden ist.
Was der Protestantismus nicht fertigbrachte, das tut der moderne Nationalismus. Der katholische Gedanke von der einen unteilbaren Völkerfamilie mit dem einen Vater im Himmel und seinem Stellvertreter, dem Papst, und den Nationen als Kindern und Schwestern ist immer mehr aus dem Bewusstsein der Völker geschwunden. Die Zentrifugalkraft der Nationen hat über die Zentripetalkraft der Kirche gesiegt. Die Zahl derer ist in unheimlichem Wachsen, die zuerst Schweizer, Deutsche, Franzosen, Österreicher, Ungarn sind und erst in zweiter oder dritter Linie katholisch.
Wann wird der Friede kommen? Wenn der katholische Internationalismus wieder stärker geworden ist als der liberale Nationalismus, die christliche Zentripetalkraft stärker als die heidnische, selbstsüchtige Zentrifugalkraft, wenn wir wieder zuerst katholisch und dann völkisch denken, wenn die Idee der Zusammengehörigkeit wieder an die Stelle des überspannten Patriotismus getreten ist. Wer das nicht begreift, mag ein rassiger Schweizer, Deutscher, Franzose sein – katholisch ist er nicht. Katholisch heißt allgemein.
Mehr Ehrlichkeit! Niemand nenne sich, was er nicht ist. Jeder sei, was er heißt. Wer den Mut hat zu sagen: „Christianus sum“, der bemühe sich, es zu werden, indem er denkt, redet und handelt wie Christus. Wer den Mut besitzt, sich als Katholik zu bekennen, der beweise es durch sein Leben. Wie der Name, so die Arbeit, die Rede, die Lektüre, die Gesellschaft. Wie der innere Mensch, so der äußere. Wer das nicht will, sei ehrlich und verzichte auch auf den Namen. Es steht geschrieben: Du sollst kein falsches Zeugnis geben.
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