In Betreff des fünften Punktes, der Zeugung des Antichrist, hat man offenbar falsche, wahrscheinliche und ausgemachte und zuverlässige Behauptungen aufgestellt. Zuvörderst gab es nun einst in Betreff des Antichrist mehrere irrtümliche Ansichten. Erstens, der Antichrist werde von einer Jungfrau mithilfe des Teufels, geboren werden, wie Christus mithilfe des Heiligen Geistes von einer Jungfrau geboren worden ist.
Diesen Irrtum berichtet der Verfasser einer kleinen Schrift über den Antichrist, welche unter dem Namen des Augustinus am Ende des 9. Teiles steht und wahrscheinlich von Rabanus herrührt, wenigstens von Augustinus nicht sein kann. Der Irrtum ist klar. Denn ohne den Samen eines Mannes einen Menschen erzeugen kann bloß Gott, welcher imstande ist, alle bewirkenden Ursachen zu ergänzen, weil er allein unendliche Kraft besitzt und in der Potenz alle Vollkommenheiten der Geschöpfe hat. Der Teufel aber, welcher ein Geschöpf ist, kann zwar wunderbare Werke vollbringen, indem er aufs Schnellste das Tätige zum Leidenden bringt, jedoch die aktiven Kräfte der Ursachen nicht ergänzen. Darum sagt der hl. Augustinus (Epist. 3. ad Volusianum), die Geburt aus einer Jungfrau sei bei Christus ein so großes Wunder gewesen, dass man von Gott kein größeres habe erwarten können.
Es wäre jedoch kein Irrtum, zu sagen, der Antichrist werde aus dem Teufel und einem Weibe geboren werden, in der Weise, auf welche einige aus Alpdämonen geboren worden sein sollen. Denn obgleich der Teufel an sich ohne den Samen eines Mannes einen Menschen nicht erzeugen kann, so kann er doch gut mit einem angenommenen Leibe, in Gestalt eines Weibes, mit einem Manne den fleischlichen Akt vollziehen und Samen empfangen und sodann wiederum in Gestalt eines Mannes mit einem Weibe den ähnlichen Akt üben, den vom Manne empfangenen Samen in den Uterus des Weibes bringen und auf solche Weise einen Menschen erzeugen. Dies bezeugt Augustinus (Lib. 15. de civitate Dei, cap. 23.) und fügt hinzu, dies sei in der Erfahrung also bestätigt worden, dass es Unverschämtheit zu verraten scheine, die Sache noch leugnen zu wollen.
Ein zweiter Irrtum findet sich bei dem hl. Märtyrer Hippolyt, welcher (Oratio de consummatione mundi) lehrt, der Antichrist sei der Teufel selbst, welcher von einer falschen Jungfrau falsches Fleisch annehme. Wie nämlich das Wort Gottes, welches die Wahrheit selbst ist, von einer wahren Jungfrau wahres Fleisch annahm, so hielt Hippolyt für wahrscheinlich, dass der Teufel, welcher der Vater der Lüge ist, heucheln werde, menschliches Fleisch von einer Jungfrau angenommen zu haben. Diese Ansicht findet ihre Widerlegung teils darin, dass im 2 Thess 2 der Antichrist ein Mensch genannt wird, teils auch darin, dass die übrigen Väter übereinstimmend schreiben, der Antichrist werde ein wirklicher Mensch sein.
Nach einer dritten irrtümlichen Ansicht wird der Antichrist zwar ein wirklicher Mensch, aber zugleich auch der Teufel sein, mittelst Einfleischung des Teufels, wie Christus mittelst Einfleischung Gott und Mensch ist. Dieser Irrtum wird von Hieronymus (In cap. 7. Dan.), von Beda (In cap. 13. Apocalyps.) und von dem Damascener (Lib. 4. cap. 27.) berichtet und widerlegt.
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Diese Ansicht hielt Origenes für möglich. Er erklärt nämlich (Tom. 5. in Joan.), einige Engel seien wirklich eingefleischt gewesen. Ihn widerlegt Hieronymus (Praefat. in Malachiam. In cap. 1. Aggaei). Und die Ansicht ist ohne Zweifel irrtümlich, denn eine erschaffene und somit begrenzte Person kann nicht zwei vollkommene Naturen haben wie das Wort Gottes, welches unbegrenzt ist. Und darüber herrscht auch unter den Theologen kein Streit mehr. Denn ob auch einige lehren, es liege darin ein gänzlicher Widerspruch, andere aber, es liege kein Widerspruch darin, so kommen doch alle darin überein, mit den Kräften eines bloßen Geschöpfes, dergleichen der Teufel ist, könne es nicht zustande gebracht werden.
Der vierte Irrtum ist der, Nero werde wieder auferstehen und der Antichrist sein oder jener Kaiser lebe wenigstens noch und werde an einem verborgenen Orte in Jünglingsfrische erhalten und zu seiner Zeit erscheinen. Diesen Irrtum bringt Sulpitius (Lib. 2. sacrae hist.), schreibt jedoch anderswo (Lib. 2. Dialogi de virtutibus S. Martini) deutlich, Nero selbst werde der Antichrist nicht sein, aber mit dem Antichrist kommen und endlich von dem Antichrist getötet werden. Weil jedoch alles dies ohne irgendeinen Grund gesagt wird, so nennt der hl. Augustin (Lib. 20. de civitate Dei, cap. 19.) diese Meinung mit Recht eine wunderliche Vorausnahme.
Außer diesen Irrtümern finden sich bei den hl. Vätern zwei annehmbare Ansichten in Betreff der Zeugung des Antichrist.
Nach der ersten wird der Antichrist nicht aus einer gesetzlichen Ehe, sondern von einer Hure geboren werden. Dies lehren der Damascener (Lib. 4. cap. 27.) und einige andere. Da es sich aber nicht aus der Schrift nachweisen lässt, so ist es zwar annehmbar, aber nicht gewiss.
Nach der zweiten Ansicht wird der Antichrist aus dem Stamme Dan geboren werden. Dies behaupten Irenäus (Lib. 5.), Hippolyt der Märtyrer (Orat. de mundi consummatione), Ambrosius (Lib. de benedictionibus Patriarcharum, cap. 7.), Augustinus (Quaest. 22. in Josue), Prosper (De promissionibus et praedictionibus Dei, part. 4.), Theodoretus (Quaest. 109. in Genesim), Gregorius (Lib. 31. Moralium, cap. 10.), Beda, Rupertus, Arethas, Richardus und Anselmus (In Apocalyps., cap. 7.). Den Beweis ziehen sie aus jenen Worten (Gen 49, 17): „Dan wird sein wie eine Schlange am Wege, wie eine gehörnte am Steige“, etc. Auch aus jener Stelle (Jer 8, 16): „Von Dan her höret man das Schnauben seiner Rosse“, etc. Endlich daraus, dass in der Offenbarung 7 vom Engel zwölftausend aus allen Stämmen der Söhne Israel angegeben und dabei der Stamm Dan übergangen wird, was aus Hass gegen den Antichrist geschehen zu sein scheint.
Diese Ansicht ist sehr wahrscheinlich wegen der Autorität so großer Väter, aber nicht ganz zuverlässig; teils darum, weil die meisten jener Väter nicht sagen, dass sie dies wissen, sondern es als wahrscheinlich beibringen; teils darum, weil keine von jenen Schriftstellen schlagend ist. Denn zuvörderst scheint im Gen 49, 17 Jakob in den Worten „Dan wird sein wie eine Schlange am Wege, wie eine gehörnte Schlange am Steige, die in des Rosses Hufe sticht, dass rücklings stürze der Reiter“ buchstäblich von Samson zu sprechen. Denn Samson war aus dem Stamme Dan und für die Philister wirklich gleichsam eine Schlange am Wege. Denn überall trat er ihnen entgegen und beunruhigte sie. Diese Auslegung gibt Hieronymus (Quaest. hebraic.). Und in der Tat scheint Jakob in diesen Worten seinem Sohne Glück zu wünschen und sofort nicht etwas Böses, sondern etwas Gutes zu verkündigen.
Wendet man dies allegorischerweise auf den Antichrist an, so kann man bloß einen Wahrscheinlichkeitsbeweis daraus ziehen, wie aus dem mystischen Sinne gezogen wird. Jeremias redet aber 8, 16 ohne Zweifel nicht von dem Antichrist und nicht von dem Stamme Dan, sondern von Nabuchodonosor, welcher durch den Landstrich, welcher Dan hieß, zur Zerstörung Jerusalems kommen sollte, wie Hieronymus daselbst richtig auslegt. Warum aber in der Offenbarung 8 Dan ausgelassen wird, ist nicht genug ermittelt, besonders da auch Ephraim, dessen Stamm einer von den größten ist, ausgelassen worden.
Außer diesen zwei annehmbaren Ansichten kommen noch zwei andere ganz zuverlässige. Erstens, der Antichrist werde hauptsächlich wegen der Juden kommen und von ihnen als Messias aufgenommen werden. Zweitens, er werde aus dem Volke der Juden geboren, beschnitten werden und den Sabbat halten wenigstens einige Zeit. Das Erste lässt sich zum Teil aus dem Evangelium Johannis 5, 43 schöpfen, wo der Herr zu den Juden sagt: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr nehmet mich nicht auf: wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen.“ Wir haben oben im zweiten Abschnitte erwiesen, dass man diese Stelle vom Antichrist verstehen müsse. Zum Teil aus dem Apostel 2 Thess 2, 10: „Darum, weil sie die Liebe der Wahrheit nicht angenommen haben, um selig zu werden, darum wird Gott den Irrtum auf sie wirksam sein lassen, so dass sie der Lüge glauben“, etc. Diese Stelle legen Calvin und die Ketzer in ihren Erklärungen auf uns aus, die sich von dem römischen Antichrist verführen lassen, weil wir ihr Evangelium nicht annehmen. Aber zuvörderst bringen sie keine Gewährsmänner. Wir haben dagegen alle Ausleger, welche die Worte auf die Juden deuten, auf unserer Seite. Man sehe bei Ambrosius, Chrysostomus, Theodoretus, Theophylactus, Oecumenius nach.
Außer diesen sagt Hieronymus (Quaest. 11. ad Algasiam): „Dies alles wird der Antichrist nicht mit der Kraft, sondern der Zulassung Gottes wegen der Juden tun. Sie wollten die Liebe der Wahrheit, d. h. den Geist Gottes durch Christus, nicht aufnehmen, um nach Aufnahme des Erlösers erlöst zu werden. Nun wird ihnen Gott nicht den Wirker, sondern die Wirkung selbst, d. h. die Quelle des Irrtums, senden, damit sie der Lüge glauben“, etc. Und die Sache selbst gibt es deutlich, dass der Apostel von den Juden rede, auch ohne die Kommentare so vieler Väter. Er sagt nämlich, der Antichrist werde zu denjenigen geschickt werden, welche Christum nicht aufnehmen wollen. Wer hätte aber Christum eher aufnehmen sollen als die Juden. Und wer nahm ihn dennoch nicht auf? Hier ist auch zu bemerken, dass der Apostel nicht gesagt, „weil sie die Wahrheit nicht aufnehmen werden“, sondern „weil sie nicht aufnahmen“. Er redet also von denjenigen, welche der Predigt Christi und der Apostel nicht glauben wollten. Bekanntlich haben aber zur Zeit der Apostel die Heiden das Evangelium aufs Begierigste aufgenommen, die Juden es aber nicht aufnehmen wollen.
Zudem lehren alle anderen Väter, wie Irenäus (Lib. 5.), Hippolyt der Märtyrer (Oratio de consummatione mundi), Theodoretus (Epitome divinorum decretorum, cap. de Antichristo), Sulpitius nach dem hl. Martin (Lib. 2. Dialog.), Cyrillus (Catech. 15.), Hilarius (Cap. 25. in Matth.), Ambrosius (Lib. in Lucam, cap. 21.), Chrysostomus, Augustinus und Cyrillus von Alexandrien (In cap. 5. Joan.), Gregorius (Lib. 31. Moralium, cap. 10.), der Damascener (Lib. 4. cap. 27.), außer Hieronymus und den bereits Angezogenen, dasselbe. Und auch die Vernunft überzeugt uns davon.
Denn der Antichrist wird sich ohne Zweifel vor allem an diejenigen anschließen, welche bereit sind, ihn aufzunehmen. Dies findet aber bei den Juden statt, welche den Messias als einen weltlichen König erwarten, wie der Antichrist sein wird. Denn die Heiden erwarten niemand. Die Christen dagegen erwarten zwar den Antichrist, aber mit Furcht und Schrecken, nicht mit Freude und Verlangen. Gleichwie also Christus anfänglich zu den Juden kam, denen er verheißen war und von denen er erwartet wurde, und erst dann mit sich auch die Heiden verband – so wird auch der Antichrist zuerst zu den Juden kommen, von welchen er erwartet wird, und sodann allmählich alle Völker sich unterwerfen.
Sodann ist es ausgemacht und lässt sich zuvörderst aus dem Gesagten folgern, dass der Antichrist ein Jude und beschnitten sein wird. Denn die Juden würden niemals einen Nichtjuden oder Nichtbeschnittenen als ihren Messias aufnehmen. Auch wird der Antichrist ohne Zweifel heucheln, er sei aus der Familie David, falls er auch wirklich aus dem Stamme Dan sein sollte, weil die Juden einen Messias aus der Familie Davids erwarten. Sodann lehren alle Alten aufs Deutlichste, der Antichrist werde ein Jude sein, wie die oben angeführten zwölf, welche behaupten, der Antichrist werde aus dem Stamme Dan sein. Und überdies sagt Ambrosius (In 2. Thess. 2.), der Antichrist werde beschnitten sein; Hieronymus (In cap. 11. Danielis), er werde aus dem Volke der Juden geboren werden; der hl. Martinus (Apud Sulpitium, lib. 2. Dialog.), er werde Beschneidung aller nach dem Gesetze befehlen; Cyrillus (Catech. 15.), er werde großen Eifer für den Tempel von Jerusalem an den Tag legen, um sich als einen Spross Davids zu zeigen; endlich auch Gregorius (Lib. 11. in epist. 3.), er werde auch ein Verehrer des Sabbats und anderer jüdischen Zeremonien sein.
Daraus schöpfen wir den schlagendsten Beweis, dass der Papst nicht der Antichrist ist. Denn vom Jahre 666, in welchem nach der Behauptung der Gegner der Antichrist gekommen, ist ausgemacht kein Papst Jude gewesen, weder seiner Herkunft noch seiner Religion nach, noch in irgendeiner Hinsicht. Bekanntlich ist auch der Papst bisher noch nie von den Juden als Messias aufgenommen, sondern im Gegenteil für einen Feind und Verfolger gehalten worden. Darum bitten sie Gott in ihren täglichen Gebeten, er möchte dem jeweiligen Papste Wohlwollen gegen die Juden einflößen und in diesen Tagen den Messias schicken, welcher sie nämlich von der Gewalt des Papstes befreien soll. Und einen Bischof, was der Papst vorzugsweise ist, nennen sie הכמרא, im Syrischen Schwanz, der Gegensatz vom Haupt. Weil wir nämlich einen Bischof Volkshaupt nennen, so nennen sie ihn spottweise umgekehrt Schwanz. So wenig sind sie geneigt, den Papst als Messias aufzunehmen.
Endlich legt Rabbi Levi Gerson (Cap. 7. et 10. Danielis) alles das, was vom Antichrist gesagt wird, auf den römischen Papst aus, welchen er auch den zweiten Pharao nennt und dem künftigen Messias entgegensetzt (Orationes Mahasor, fol. 26.).
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