II-II, q. 58 a. 3
Ob die Gerechtigkeit eine Tugend ist?
Quaestio 58 · Von der Gerechtigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Gerechtigkeit keine Tugend ist. Denn es steht geschrieben (Lk 17,10): "Wenn ihr all diese Dinge getan habt, die euch befohlen sind, sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren." Nun ist es nicht unnütz, eine tugendhafte Tat zu tun: denn Ambrosius sagt (De Officiis ii, 6): "Wir blicken auf einen Nutzen, der nicht nach finanziellem Gewinn geschätzt wird, sondern nach dem Erwerb der Frömmigkeit." Daher ist das Tun dessen, was man tun soll, keine tugendhafte Tat. Und doch ist es ein Akt der Gerechtigkeit. Daher ist die Gerechtigkeit keine Tugend.
Einwand 2: Ferner ist das, was aus Notwendigkeit geschieht, nicht verdienstlich. Aber einem Menschen das zu gewähren, was ihm gehört, wie es die Gerechtigkeit verlangt, geschieht aus Notwendigkeit. Daher ist es nicht verdienstlich. Doch durch tugendhafte Handlungen erwerben wir Verdienst. Daher ist die Gerechtigkeit keine Tugend.
Einwand 3: Ferner bezieht sich jede moralische Tugend auf das Handeln. Nun sind jene Dinge, die äußerlich gewirkt werden, keine Dinge, die das Verhalten betreffen, sondern das Handwerk, gemäß dem Philosophen (Metaph. ix) [*Didot ed., viii, 8]. Da es also zur Gerechtigkeit gehört, äußerlich eine Tat hervorzubringen, die an sich gerecht ist, scheint es, dass die Gerechtigkeit keine moralische Tugend ist.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. ii, 49), dass "die gesamte Struktur der guten Werke auf vier Tugenden gebaut ist," nämlich Mäßigung, Klugheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit.
Ich antworte darauf, dass eine menschliche Tugend eine solche ist, "die einen menschlichen Akt und den Menschen selbst gut macht" [*Ethic. ii, 6], und dies kann auf die Gerechtigkeit angewendet werden. Denn der Akt eines Menschen wird dadurch gut, dass er die Regel der Vernunft erreicht, welche die Regel ist, durch die menschliche Akte reguliert werden. Da also die Gerechtigkeit menschliche Operationen reguliert, ist es offensichtlich, dass sie die Operationen des Menschen gut macht, und, wie Tullius erklärt (De Officiis i, 7), werden gute Menschen hauptsächlich aufgrund ihrer Gerechtigkeit so genannt, weshalb, wie er wiederum sagt (De Officiis i, 7), "der Glanz der Tugend vor allem in der Gerechtigkeit erscheint."
Antwort auf Einwand 1: Wenn ein Mensch tut, was er soll, bringt er der Person, der er tut, was er soll, keinen Gewinn, sondern enthält sich nur, ihr einen Schaden zuzufügen. Er nützt jedoch sich selbst, insofern er das, was er soll, spontan und bereitwillig tut, und dies heißt, tugendhaft zu handeln. Daher steht geschrieben (Weish 8,7), dass die göttliche Weisheit "Mäßigung und Klugheit und Gerechtigkeit und Tapferkeit lehrt, welche solche Dinge sind, dass Menschen (d.h. tugendhafte Menschen) nichts Nützlicheres im Leben haben können."
Antwort auf Einwand 2: Notwendigkeit ist zweifach. Eine entsteht aus "Zwang", und diese hebt das Verdienst auf, da sie dem Willen zuwiderläuft. Die andere entsteht aus der Verpflichtung eines "Befehls" oder aus der Notwendigkeit, ein Ziel zu erreichen, wenn nämlich ein Mensch das Ziel der Tugend nicht erreichen kann, ohne eine bestimmte Sache zu tun. Die letztere Notwendigkeit hebt das Verdienst nicht auf, wenn ein Mensch freiwillig das tut, was auf diese Weise notwendig ist. Sie schließt jedoch den Ruhm der Supererogation aus, gemäß 1 Kor 9,16: "Wenn ich das Evangelium predige, ist es mir kein Ruhm, denn eine Notwendigkeit liegt mir auf."
Antwort auf Einwand 3: Die Gerechtigkeit befasst sich mit äußeren Dingen, nicht indem sie sie herstellt, was zur Kunst gehört, sondern indem sie sie in unserem Umgang mit anderen Menschen gebraucht.