I, q. 19 a. 9
Ob Gott Übel will?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott Übel will. Denn jedes Gut, das existiert, will Gott. Aber es ist ein Gut, dass Übel existiert. Denn Augustinus sagt (Enchiridion 95): „Obwohl das Übel, insofern es Übel ist, kein Gut ist, so ist es doch gut, dass nicht nur gute Dinge existieren sollten, sondern auch üble Dinge.“ Also will Gott üble Dinge.
Einwand 2: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. iv, 23): „Das Übel würde zur Vollkommenheit von allem beitragen“, d.h. des Universums. Und Augustinus sagt (Enchiridion 10,11): „Aus allen Dingen ist die bewundernswerte Schönheit des Universums aufgebaut, worin selbst das, was Übel genannt wird, richtig geordnet und disponiert, das Gute deutlicher empfiehlt, indem das Gute angenehmer und lobenswerter ist, wenn es mit dem Übel kontrastiert wird.“ Aber Gott will alles, was zur Vollkommenheit und Schönheit des Universums gehört, denn dies ist es, was Gott über alle Dinge in Seinen Geschöpfen begehrt. Also will Gott das Übel.
Einwand 3: Ferner sind, dass Übel existieren sollte und nicht existieren sollte, widersprüchliche Gegensätze. Aber Gott will nicht, dass Übel nicht existieren sollte; andernfalls, da verschiedene Übel existieren, würde Gottes Wille nicht immer erfüllt. Also will Gott, dass Übel existieren sollte.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Qq. 83,3): „Kein weiser Mann ist die Ursache, dass ein anderer Mann schlechter wird. Nun übertrifft Gott alle Menschen an Weisheit. Viel weniger daher ist Gott die Ursache, dass der Mensch schlechter wird; und wenn von Ihm gesagt wird, Er sei die Ursache eines Dinges, wird gesagt, dass Er es will.“ Daher wird der Mensch nicht durch Gottes Willen schlechter. Nun ist klar, dass jedes Übel ein Ding schlechter macht. Also will Gott keine üblen Dinge.
Ich antworte darauf, dass, da der Aspekt des Guten der Aspekt der Begehrenswertigkeit ist, wie zuvor gesagt (Frage [5], Artikel [1]), und da das Übel dem Guten entgegengesetzt ist, es unmöglich ist, dass irgendein Übel als solches vom Streben gesucht werden sollte, sei es natürlich, oder sinnlich, oder durch das intellektuelle Streben, welches der Wille ist. Dennoch kann das Übel akzidentell gesucht werden, insofern es ein Gut begleitet, wie in jedem der Strebungen erscheint. Denn ein natürliches Agens beabsichtigt nicht Beraubung oder Verderbnis, sondern die Form, an welche die Beraubung einer anderen Form geknüpft ist, und die Erzeugung eines Dinges, welche die Verderbnis eines anderen impliziert. Auch wenn ein Löwe einen Hirsch tötet, ist sein Objekt Nahrung, zu deren Erlangung das Töten des Tieres nur das Mittel ist. Ähnlich hat der Unzüchtige bloß das Vergnügen als sein Objekt, und die Deformität der Sünde ist nur eine Begleiterscheinung. Nun ist das Übel, das ein Gut begleitet, die Beraubung eines anderen Gutes. Niemals daher würde das Übel gesucht werden, nicht einmal akzidentell, es sei denn, das Gut, das das Übel begleitet, würde mehr begehrt als das Gut, dessen Beraubung das Übel ist. Nun will Gott kein Gut mehr, als Er Seine eigene Güte will; doch will Er ein Gut mehr als ein anderes. Daher will Er in keiner Weise das Übel der Sünde, welches die Beraubung der rechten Ordnung auf das göttliche Gut hin ist. Das Übel des natürlichen Mangels oder der Strafe will Er, indem Er das Gut will, an welches solche Übel geknüpft sind. So will Er, indem Er Gerechtigkeit will, Strafe; und indem Er die Erhaltung der natürlichen Ordnung will, will Er, dass einige Dinge natürlich verderben.
Antwort auf Einwand 1: Einige haben gesagt, dass, obwohl Gott das Übel nicht will, Er doch will, dass das Übel sei oder getan werde, weil, obwohl das Übel kein Gut ist, es doch gut ist, dass das Übel sei oder getan werde. Dies sagten sie, weil Dinge, die in sich selbst übel sind, auf irgendein gutes Ziel hingeordnet sind; und diese Ordnung dachten sie, sei in den Worten „dass das Übel sei oder getan werde“ ausgedrückt. Dies ist jedoch nicht richtig; da das Übel nicht aus sich selbst auf das Gute hingeordnet ist, sondern akzidentell. Denn es liegt außerhalb der Absicht des Sünders, dass irgendein Gut aus seiner Sünde folgen sollte; wie es außerhalb der Absicht der Tyrannen lag, dass die Geduld der Märtyrer aus all ihren Verfolgungen hervorleuchten sollte. Es kann daher nicht gesagt werden, dass eine solche Hinordnung auf das Gute in der Aussage impliziert ist, dass es eine gute Sache sei, dass das Übel sei oder getan werde, da über nichts durch das geurteilt wird, was ihm akzidentell zukommt, sondern durch das, was ihm wesenhaft gehört.
Antwort auf Einwand 2: Das Übel wirkt nicht auf die Vollkommenheit und Schönheit des Universums hin, außer akzidentell, wie oben gesagt (zu 1). Daher zieht Dionysius, indem er sagt, dass „das Übel zur Vollkommenheit des Universums beitragen würde“, eine Schlussfolgerung durch Reduktion auf eine Absurdität.
Antwort auf Einwand 3: Die Aussagen, dass das Übel existiert und dass das Übel nicht existiert, sind als Widersprüche entgegengesetzt; doch sind die Aussagen, dass jemand will, dass das Übel existiert, und dass er will, dass es nicht sei, nicht so entgegengesetzt; da beide affirmativ sind. Gott will daher weder, dass das Übel getan werde, noch will Er, dass es nicht getan werde, sondern Er will zulassen, dass das Übel getan wird; und dies ist ein Gut.