I, q. 19 a. 5
Ob dem göttlichen Willen irgendeine Ursache zugeordnet werden kann?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass dem göttlichen Willen irgendeine Ursache zugeordnet werden kann. Denn Augustinus sagt (Qq. lxxxiii, 46): „Wer würde zu sagen wagen, dass Gott alle Dinge vernunftlos gemacht hat?“ Aber für ein freiwilliges Agens ist das, was der Grund des Handelns ist, die Ursache des Wollens. Also hat der Wille Gottes irgendeine Ursache.
Einwand 2: Ferner kann bei Dingen, die von einem gemacht werden, der sie zu machen will und dessen Wille durch keine Ursache beeinflusst wird, keine Ursache zugeordnet werden außer durch den Willen dessen, der will. Aber der Wille Gottes ist die Ursache aller Dinge, wie bereits gezeigt wurde (Artikel [4]). Wenn es also keine Ursache Seines Willens gibt, können wir in keinen natürlichen Dingen irgendeine Ursache suchen, außer dem göttlichen Willen allein. So wäre alle Wissenschaft vergeblich, da Wissenschaft danach sucht, Wirkungen Ursachen zuzuordnen. Dies scheint unzulässig, und daher müssen wir dem göttlichen Willen irgendeine Ursache zuordnen.
Einwand 3: Ferner hängt das, was vom Wollenden ohne Ursache getan wird, einfach von seinem Willen ab. Wenn also der Wille Gottes keine Ursache hat, folgt daraus, dass alle gemachten Dinge einfach von Seinem Willen abhängen und keine andere Ursache haben. Aber auch dies ist nicht zulässig.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Qq. lxxxiii, 28): „Jede Wirkursache ist größer als das bewirkte Ding.“ Aber nichts ist größer als der Wille Gottes. Wir dürfen also nicht nach einer Ursache für ihn suchen.
Ich antworte darauf, dass der Wille Gottes in keiner Weise eine Ursache hat. Zum Beweis dessen müssen wir bedenken, dass, da der Wille aus dem Verstand folgt, es eine Ursache des Willens in der Person gibt, die will, auf dieselbe Weise, wie es eine Ursache des Verstehens in der Person gibt, die versteht. Der Fall beim Verstand ist dieser: Wenn die Prämisse und ihre Schlussfolgerung getrennt voneinander verstanden werden, ist das Verstehen der Prämisse die Ursache, dass die Schlussfolgerung gewusst wird. Wenn der Verstand die Schlussfolgerung in der Prämisse selbst wahrnimmt und beide auf einen Blick erfasst, wäre in diesem Fall das Wissen der Schlussfolgerung nicht durch das Verstehen der Prämissen verursacht, da ein Ding nicht seine eigene Ursache sein kann; und doch wäre es wahr, dass der Denkende die Prämissen als die Ursache der Schlussfolgerung verstehen würde. Dasselbe gilt für den Willen, in Bezug auf den das Ziel in derselben Beziehung zu den Mitteln zum Ziel steht, wie die Prämissen zur Schlussfolgerung im Hinblick auf den Verstand.
Wenn daher jemand in einem Akt ein Ziel will und in einem anderen Akt die Mittel zu diesem Ziel, wird sein Wollen des Ziels die Ursache seines Wollens der Mittel sein. Dies kann nicht der Fall sein, wenn er in einem Akt sowohl Ziel als auch Mittel will; denn ein Ding kann nicht seine eigene Ursache sein. Doch wird es wahr sein zu sagen, dass er will, die Mittel zum Ziel auf das Ziel hinzuordnen. Nun versteht Gott, wie Er durch einen Akt alle Dinge in Seinem Wesen versteht, so durch einen Akt alle Dinge in Seiner Güte will. Daher, wie in Gott das Verstehen der Ursache nicht die Ursache Seines Verstehens der Wirkung ist, denn Er versteht die Wirkung in der Ursache, so ist in Ihm das Wollen eines Ziels nicht die Ursache Seines Wollens der Mittel, doch will Er die Hinordnung der Mittel auf das Ziel. Daher will Er, dass dieses als Mittel zu jenem sei; aber Er will dieses nicht wegen jenem.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille Gottes ist vernünftig, nicht weil irgendetwas für Gott eine Ursache des Wollens ist, sondern insofern Er will, dass ein Ding wegen eines anderen sei.
Antwort auf Einwand 2: Da Gott will, dass Wirkungen aus bestimmten Ursachen hervorgehen, zur Erhaltung der Ordnung im Universum, ist es nicht unvernünftig, nach Ursachen zu suchen, die dem göttlichen Willen nachgeordnet sind. Es wäre jedoch unvernünftig, dies zu tun, wenn solche als primär betrachtet würden und nicht als abhängig vom Willen Gottes. In diesem Sinne sagt Augustinus (De Trin. iii, 2): „Die Philosophen haben in ihrer Eitelkeit gemeint, kontingente Wirkungen anderen Ursachen zuschreiben zu müssen, da sie völlig unfähig waren, die Ursache wahrzunehmen, die über allen anderen steht, den Willen Gottes.“
Antwort auf Einwand 3: Da Gott will, dass Wirkungen aus Ursachen kommen, hängen alle Wirkungen, die irgendeine andere Wirkung voraussetzen, nicht allein vom Willen Gottes ab, sondern auch von etwas anderem: aber die erste Wirkung hängt allein vom göttlichen Willen ab. So können wir zum Beispiel sagen, dass Gott wollte, dass der Mensch Hände hat, um seinem Verstand durch ihre Arbeit zu dienen, und Verstand, damit er Mensch sei; und wollte, dass er Mensch sei, damit er Ihn genieße, oder zur Vollendung des Universums. Aber dies kann nicht auf andere geschaffene sekundäre Ziele zurückgeführt werden. Daher hängen solche Dinge vom einfachen Willen Gottes ab; die anderen aber von der Ordnung anderer Ursachen.