I, q. 19 a. 10
Ob Gott einen freien Willen hat?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott keinen freien Willen hat. Denn Hieronymus sagt in einer Homilie über den verlorenen Sohn [*Ep. 146, ad Damas.]; „Gott allein ist es, der nicht der Sünde unterworfen ist, noch unterworfen sein kann: alle anderen, da sie freien Willen haben, können auf jede Seite geneigt werden.“
Einwand 2: Ferner ist der freie Wille das Vermögen der Vernunft und des Willens, durch welches Gut und Böse gewählt werden. Aber Gott will das Böse nicht, wie gesagt wurde (Artikel [9]). Also gibt es keinen freien Willen in Gott.
Dagegen spricht, dass Ambrosius sagt (De Fide ii, 3): „Der Heilige Geist teilt jedem zu, wie Er will, nämlich gemäß der freien Wahl des Willens, nicht im Gehorsam gegenüber einer Notwendigkeit.“
Ich antworte darauf, dass wir freien Willen haben in Bezug auf das, was wir nicht aus Notwendigkeit wollen, noch durch natürlichen Instinkt. Denn unser Wille, glücklich zu sein, gehört nicht zum freien Willen, sondern zum natürlichen Instinkt. Daher werden andere Tiere, die durch natürlichen Instinkt zum Handeln bewegt werden, nicht gesagt, durch freien Willen bewegt zu werden. Da also Gott notwendigerweise Seine eigene Güte will, aber andere Dinge nicht notwendigerweise, wie oben gezeigt (Artikel [3]), hat Er freien Willen in Bezug auf das, was Er nicht notwendigerweise will.
Antwort auf Einwand 1: Hieronymus scheint den freien Willen Gott nicht schlechthin abzusprechen, sondern nur hinsichtlich der Neigung zur Sünde.
Antwort auf Einwand 2: Da das Übel der Sünde in der Abwendung von der göttlichen Güte besteht, durch welche Gott alle Dinge will, wie oben gezeigt (De Fide ii, 3), ist es für Ihn offensichtlich unmöglich, das Übel der Sünde zu wollen; doch kann Er eine Wahl treffen zwischen einem von zwei Gegensätzen, insofern Er wollen kann, dass ein Ding sei oder nicht sei. In derselben Weise können wir selbst, ohne Sünde, wollen, uns zu setzen, und nicht wollen, uns zu setzen.