I, q. 19 a. 2
Ob Gott Dinge außer sich selbst will?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott keine Dinge außer sich selbst will. Denn der göttliche Wille ist das göttliche Sein. Aber Gott ist nichts anderes als Er selbst. Also will Er keine Dinge außer sich selbst.
Einwand 2: Ferner bewegt das Gewollte den Wollenden, wie das Begehrenswerte das Begehren, wie in De Anima iii, 54 dargelegt. Wenn also Gott etwas außer sich selbst will, müsste Sein Wille von einem anderen bewegt werden; was unmöglich ist.
Einwand 3: Ferner, wenn das Gewollte dem Wollenden genügt, sucht er nichts darüber hinaus. Aber Seine eigene Güte genügt Gott und befriedigt Seinen Willen vollständig. Also will Gott nichts außer sich selbst.
Einwand 4: Ferner vervielfältigen sich die Willensakte im Verhältnis zur Zahl ihrer Gegenstände. Wenn also Gott sich selbst und Dinge außer sich selbst will, folgt daraus, dass der Akt Seines Willens vielfältig ist, und folglich Sein Sein, welches Sein Wille ist. Dies aber ist unmöglich. Also will Gott keine Dinge außer sich selbst.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Thess 4,3): „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“
Ich antworte darauf, dass Gott nicht nur sich selbst, sondern auch andere Dinge außer sich selbst will. Dies wird aus dem Vergleich deutlich, den wir oben angestellt haben (Artikel [1]). Denn natürliche Dinge haben eine natürliche Neigung nicht nur zu ihrem eigenen Gut, um es zu erwerben, wenn sie es nicht besitzen, und darin zu ruhen, wenn sie es besitzen; sondern auch, ihr eigenes Gut so weit wie möglich unter anderen zu verbreiten. Daher sehen wir, dass jedes Agens, insofern es vollkommen und im Akt ist, seinesgleichen hervorbringt. Es gehört daher zur Natur des Willens, das besessene Gut so weit wie möglich anderen mitzuteilen; und besonders gehört dies zum göttlichen Willen, von dem alle Vollkommenheit in irgendeiner Art von Ähnlichkeit abgeleitet ist. Wenn also natürliche Dinge, insofern sie vollkommen sind, ihr Gut anderen mitteilen, so kommt es viel mehr dem göttlichen Willen zu, sein eigenes Gut durch Ähnlichkeit anderen so weit wie möglich mitzuteilen. So will Er also sowohl, dass Er selbst ist, als auch, dass andere Dinge sind; sich selbst jedoch als das Ziel, und andere Dinge als auf dieses Ziel hingeordnet; insofern es der göttlichen Güte ziemt, dass andere Dinge an ihr teilhaben.
Antwort auf Einwand 1: Der göttliche Wille ist wesenhaft Gottes eigenes Sein, doch unterscheiden sie sich im Aspekt, gemäß den verschiedenen Weisen, sie zu verstehen und auszudrücken, wie aus dem bereits Gesagten klar ist (Frage [13], Artikel [4]). Denn wenn wir sagen, dass Gott existiert, wird keine Beziehung zu irgendeinem anderen Gegenstand impliziert, wie wir es implizieren, wenn wir sagen, dass Gott will. Daher, obwohl Er nichts außer sich selbst ist, will Er doch Dinge außer sich selbst.
Antwort auf Einwand 2: Bei Dingen, die um des Zieles willen gewollt werden, ist der ganze Grund für unser Bewegtwerden das Ziel, und dieses ist es, das den Willen bewegt, wie am deutlichsten bei Dingen erscheint, die nur um des Zieles willen gewollt werden. Wer einen bitteren Trank nehmen will, will dabei nichts anderes als Gesundheit; und dies allein bewegt seinen Willen. Anders verhält es sich bei einem, der einen Trank nimmt, der angenehm ist, was jemand tun wollen kann, nicht nur um der Gesundheit willen, sondern auch um seiner selbst willen. Daher, obwohl Gott Dinge außer sich selbst nur um des Zieles willen will, welches Seine eigene Güte ist, folgt daraus nicht, dass irgendetwas anderes Seinen Willen bewegt, außer Seiner Güte. So wie Er also Dinge außer sich selbst versteht, indem Er Sein eigenes Wesen versteht, so will Er Dinge außer sich selbst, indem Er Seine eigene Güte will.
Antwort auf Einwand 3: Aus der Tatsache, dass Seine eigene Güte dem göttlichen Willen genügt, folgt nicht, dass er nichts außer sich selbst will, sondern vielmehr, dass er nichts will außer aufgrund seiner Güte. So erkennt auch der göttliche Verstand, obwohl seine Vollkommenheit in der bloßen Erkenntnis des göttlichen Wesens besteht, doch in diesem Wesen andere Dinge.
Antwort auf Einwand 4: Wie der göttliche Verstand einer ist, da er das Viele nur im Einen sieht, so ist der göttliche Wille einer und einfach, da er das Viele nur durch das Eine will, das heißt, durch seine eigene Güte.