I, q. 19 a. 8
Ob der Wille Gottes den gewollten Dingen Notwendigkeit auferlegt?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille Gottes den gewollten Dingen Notwendigkeit auferlegt. Denn Augustinus sagt (Enchiridion 103): „Niemand wird gerettet, außer wen Gott gerettet wissen will. Er muss daher gebeten werden, es zu wollen; denn wenn Er es will, muss es notwendigerweise sein.“
Einwand 2: Ferner bringt jede Ursache, die nicht gehindert werden kann, ihre Wirkung notwendigerweise hervor, weil, wie der Philosoph sagt (Phys. ii, 84): „Die Natur wirkt immer auf dieselbe Weise, wenn es nichts gibt, was sie hindert.“ Aber der Wille Gottes kann nicht gehindert werden. Denn der Apostel sagt (Röm 9,19): „Wer widersteht Seinem Willen?“ Also auferlegt der Wille Gottes den gewollten Dingen Notwendigkeit.
Einwand 3: Ferner ist alles, was durch seine vorhergehende Ursache notwendig ist, absolut notwendig; so ist es notwendig, dass Tiere sterben, da sie aus gegensätzlichen Elementen zusammengesetzt sind. Nun verhalten sich die von Gott geschaffenen Dinge zum göttlichen Willen wie zu einer vorhergehenden Ursache, wodurch sie Notwendigkeit haben. Denn die bedingte Aussage ist wahr, dass, wenn Gott ein Ding will, es geschieht; und jede wahre bedingte Aussage ist notwendig. Es folgt daher, dass alles, was Gott will, absolut notwendig ist.
Dagegen spricht, dass Gott will, dass alle guten Dinge, die existieren, sind. Wenn daher Sein Wille den gewollten Dingen Notwendigkeit auferlegt, folgt daraus, dass alles Gute aus Notwendigkeit geschieht; und so gibt es ein Ende des freien Willens, des Rates und aller anderen solchen Dinge.
Ich antworte darauf, dass der göttliche Wille einigen gewollten Dingen Notwendigkeit auferlegt, aber nicht allen. Den Grund dafür haben einige den Zwischenursachen zuschreiben wollen, indem sie behaupteten, dass das, was Gott durch notwendige Ursachen hervorbringt, notwendig ist; und was Er durch kontingente Ursachen hervorbringt, kontingent.
Dies scheint keine ausreichende Erklärung zu sein, aus zwei Gründen. Erstens, weil die Wirkung einer ersten Ursache aufgrund der sekundären Ursache kontingent ist, aus der Tatsache, dass die Wirkung der ersten Ursache durch einen Mangel in der zweiten Ursache gehindert wird, wie die Kraft der Sonne durch einen Mangel in der Pflanze gehindert wird. Aber kein Mangel einer sekundären Ursache kann Gottes Willen daran hindern, seine Wirkung hervorzubringen. Zweitens, weil, wenn die Unterscheidung zwischen dem Kontingenten und dem Notwendigen nur auf sekundäre Ursachen bezogen werden soll, dies unabhängig von der göttlichen Absicht und dem Willen sein müsste; was unzulässig ist. Es ist daher besser zu sagen, dass dies aufgrund der Wirksamkeit des göttlichen Willens geschieht. Denn wenn eine Ursache wirksam zum Handeln ist, folgt die Wirkung auf die Ursache, nicht nur hinsichtlich des getanen Dinges, sondern auch hinsichtlich seiner Art, getan zu werden oder zu sein. So kann es aus Mangel an aktiver Kraft im Samen geschehen, dass ein Kind seinem Vater in zufälligen Punkten unähnlich geboren wird, die zu seiner Art zu sein gehören. Da nun der göttliche Wille vollkommen wirksam ist, folgt daraus nicht nur, dass Dinge getan werden, die Gott getan wissen will, sondern auch, dass sie in der Weise getan werden, wie Er es will. Nun will Gott, dass einige Dinge notwendigerweise getan werden, einige kontingent, zur rechten Ordnung der Dinge, für den Aufbau des Universums. Daher hat Er einigen Wirkungen notwendige Ursachen beigefügt, die nicht versagen können; anderen aber defektible und kontingente Ursachen, aus denen kontingente Wirkungen entstehen. Daher geschehen die von Gott gewollten Wirkungen nicht deshalb kontingent, weil die nächsten Ursachen kontingent sind, sondern weil Gott kontingente Ursachen für sie bereitet hat, da es Sein Wille war, dass sie kontingent geschehen sollten.
Antwort auf Einwand 1: Unter den Worten des Augustinus müssen wir eine Notwendigkeit in den von Gott gewollten Dingen verstehen, die nicht absolut, sondern bedingt ist. Denn die bedingte Aussage, dass, wenn Gott ein Ding will, es notwendigerweise sein muss, ist notwendigerweise wahr.
Antwort auf Einwand 2: Aus der bloßen Tatsache, dass nichts dem göttlichen Willen widersteht, folgt, dass nicht nur jene Dinge geschehen, die Gott geschehen wissen will, sondern dass sie notwendigerweise oder kontingent geschehen, gemäß Seinem Willen.
Antwort auf Einwand 3: Konsequenzen haben Notwendigkeit aus ihren Antezedenzien gemäß der Weise der Antezedenzien. Daher haben Dinge, die durch den göttlichen Willen bewirkt werden, jene Art von Notwendigkeit, die Gott ihnen haben will, entweder absolut oder bedingt. Nicht alle Dinge sind daher absolute Notwendigkeiten.