I, q. 19 a. 3
Ob Gott alles, was Er will, notwendigerweise will?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott alles, was Er will, notwendigerweise will. Denn alles Ewige ist notwendig. Aber alles, was Gott will, will Er von Ewigkeit her, denn sonst wäre Sein Wille veränderlich. Also will Er alles, was Er will, notwendigerweise.
Einwand 2: Ferner will Gott Dinge außer sich selbst, insofern Er Seine eigene Güte will. Nun will Gott Seine eigene Güte notwendigerweise. Also will Er Dinge außer sich selbst notwendigerweise.
Einwand 3: Ferner ist alles, was zur Natur Gottes gehört, notwendig, denn Gott ist aus sich selbst notwendiges Wesen und das Prinzip aller Notwendigkeit, wie oben gezeigt (Frage [2], Artikel [3]). Aber es gehört zu Seiner Natur, alles zu wollen, was Er will; da es in Gott nichts über Seine Natur hinaus geben kann, wie in Metaph. v, 6 dargelegt. Also will Er alles, was Er will, notwendigerweise.
Einwand 4: Ferner sind ein Sein, das nicht notwendig ist, und ein Sein, dem es möglich ist, nicht zu sein, ein und dasselbe. Wenn also Gott ein Ding, das Er will, nicht notwendigerweise will, ist es Ihm möglich, es nicht zu wollen, und daher möglich für Ihn, zu wollen, was Er nicht will. Und so ist der göttliche Wille kontingent in Bezug auf das eine oder das andere von zwei Dingen und unvollkommen, da alles Kontingente unvollkommen und veränderlich ist.
Einwand 5: Ferner erfolgt seitens dessen, was indifferent gegenüber dem einen oder dem anderen von zwei Dingen ist, keine Handlung, es sei denn, es wird durch eine andere Kraft zu dem einen oder dem anderen geneigt, wie der Kommentator [*Averroes] in Phys. ii sagt. Wenn also der Wille Gottes in Bezug auf irgendetwas indifferent ist, folgt daraus, dass Seine Bestimmung zum Handeln von einem anderen kommt; und so hat Er eine Ursache vor sich selbst.
Einwand 6: Ferner weiß Gott alles, was Er weiß, notwendigerweise. Aber wie das göttliche Wissen Sein Wesen ist, so ist es auch der göttliche Wille. Also will Gott alles, was Er will, notwendigerweise.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Eph 1,11): „Der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens.“ Was wir nun nach dem Ratschluss des Willens wirken, wollen wir nicht notwendigerweise. Also will Gott nicht notwendigerweise alles, was Er will.
Ich antworte darauf, dass ein Ding auf zwei Weisen notwendig genannt wird, nämlich absolut und unter einer Voraussetzung. Wir beurteilen ein Ding als absolut notwendig aus der Beziehung der Begriffe, wie wenn das Prädikat Teil der Definition des Subjekts ist: so ist es absolut notwendig, dass der Mensch ein Lebewesen ist. Dasselbe gilt, wenn das Subjekt Teil des Begriffs des Prädikats ist; so ist es absolut notwendig, dass eine Zahl gerade oder ungerade sein muss. Auf diese Weise ist es nicht notwendig, dass Sokrates sitzt: weshalb es nicht absolut notwendig ist, obwohl es unter einer Voraussetzung so sein kann; denn angenommen, dass er sitzt, muss er notwendigerweise sitzen, solange er sitzt. Dementsprechend müssen wir in Bezug auf die von Gott gewollten Dinge beachten, dass Er manches aus absoluter Notwendigkeit will: aber dies gilt nicht für alles, was Er will. Denn der göttliche Wille hat eine notwendige Beziehung zur göttlichen Güte, da diese sein eigentlicher Gegenstand ist. Daher will Gott Seine eigene Güte notwendigerweise, so wie wir unser eigenes Glück notwendigerweise wollen, und wie jedes andere Vermögen eine notwendige Beziehung zu seinem eigentlichen und hauptsächlichen Gegenstand hat, zum Beispiel das Sehen zur Farbe, da es seiner Natur nach darauf ausgerichtet ist. Aber Gott will Dinge außer sich selbst, insofern sie auf Seine eigene Güte als ihr Ziel hingeordnet sind. Nun wollen wir beim Wollen eines Ziels nicht notwendigerweise die Dinge, die dazu führen, es sei denn, sie sind derart, dass das Ziel ohne sie nicht erreicht werden kann; wie wir Nahrung zu uns nehmen wollen, um das Leben zu erhalten, oder ein Schiff nehmen, um das Meer zu überqueren. Aber wir wollen nicht notwendigerweise Dinge, ohne die das Ziel erreichbar ist, wie ein Pferd für eine Reise, die wir zu Fuß machen können, denn wir können die Reise ohne eines machen. Dasselbe gilt für andere Mittel. Da also die Güte Gottes vollkommen ist und ohne andere Dinge existieren kann, insofern Ihm keine Vollkommenheit durch sie zuwachsen kann, folgt daraus, dass Sein Wollen von Dingen außer sich selbst nicht absolut notwendig ist. Doch kann es unter einer Voraussetzung notwendig sein, denn vorausgesetzt, dass Er ein Ding will, dann ist Er unfähig, es nicht zu wollen, da Sein Wille sich nicht ändern kann.
Antwort auf Einwand 1: Aus der Tatsache, dass Gott von Ewigkeit her will, was immer Er will, folgt nicht, dass Er es notwendigerweise will; außer unter einer Voraussetzung.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Gott notwendigerweise Seine eigene Güte will, will Er nicht notwendigerweise die Dinge, die aufgrund Seiner Güte gewollt sind; denn sie kann ohne andere Dinge existieren.
Antwort auf Einwand 3: Es ist Gott nicht natürlich, irgendeines jener anderen Dinge zu wollen, die Er nicht notwendigerweise will; und doch ist es nicht unnatürlich oder Seiner Natur entgegengesetzt, sondern freiwillig.
Antwort auf Einwand 4: Manchmal hat eine notwendige Ursache eine nicht-notwendige Beziehung zu einer Wirkung; aufgrund eines Mangels in der Wirkung und nicht in der Ursache. Ebenso hat die Kraft der Sonne eine nicht-notwendige Beziehung zu einigen kontingenten Ereignissen auf dieser Erde, aufgrund eines Mangels nicht in der Sonnenkraft, sondern in der Wirkung, die nicht notwendigerweise aus der Ursache hervorgeht. In gleicher Weise resultiert die Tatsache, dass Gott einige der Dinge, die Er will, nicht notwendigerweise will, nicht aus einem Mangel im göttlichen Willen, sondern aus einem Mangel, der zur Natur des gewollten Dinges gehört, nämlich dass die vollkommene Güte Gottes ohne es sein kann; und ein solcher Mangel begleitet alles geschaffene Gut.
Antwort auf Einwand 5: Eine von Natur aus kontingente Ursache muss durch eine äußere Kraft zum Handeln bestimmt werden. Der göttliche Wille, der seiner Natur nach notwendig ist, bestimmt sich selbst, Dinge zu wollen, zu denen er keine notwendige Beziehung hat.
Antwort auf Einwand 6: Wie das göttliche Wesen aus sich selbst notwendig ist, so ist es auch der göttliche Wille und das göttliche Wissen; aber das göttliche Wissen hat eine notwendige Beziehung zum gewussten Ding; nicht so der göttliche Wille zum gewollten Ding. Der Grund dafür ist, dass Wissen von Dingen ist, wie sie im Wissenden existieren; aber der Wille ist auf Dinge gerichtet, wie sie in sich selbst existieren. Da nun alle anderen Dinge notwendige Existenz haben, insofern sie in Gott existieren, aber keine absolute Notwendigkeit, so dass sie in sich selbst notwendig wären, insofern sie in sich selbst existieren; folgt daraus, dass Gott notwendigerweise weiß, was immer Er will, aber nicht notwendigerweise will, was immer Er will.