I, q. 19 a. 4
Ob der Wille Gottes die Ursache der Dinge ist?
Quaestio 19 · Der Wille Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille Gottes nicht die Ursache der Dinge ist. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv, 1): „Wie unsere Sonne, nicht durch Überlegung noch durch Vorauswahl, sondern durch ihr bloßes Sein alle Dinge erleuchtet, die an ihrem Licht teilhaben können, so ergießt das göttliche Gut durch sein bloßes Wesen die Strahlen der Güte auf alles, was existiert.“ Aber jedes freiwillige Agens handelt durch Überlegung und Vorauswahl. Also handelt Gott nicht durch Willen; und so ist Sein Wille nicht die Ursache der Dinge.
Einwand 2: Ferner ist das Erste in jeder Ordnung das, was wesenhaft so ist, so kommt in der Ordnung der brennenden Dinge das zuerst, was durch sein Wesen Feuer ist. Aber Gott ist das erste Agens. Also handelt Er durch Sein Wesen; und das ist Seine Natur. Er handelt also durch Natur und nicht durch Willen. Also ist der göttliche Wille nicht die Ursache der Dinge.
Einwand 3: Ferner, was immer die Ursache von etwas ist, indem es „ein solches“ Ding ist, ist die Ursache durch Natur und nicht durch Willen. Denn Feuer ist die Ursache von Hitze, da es selbst heiß ist; wohingegen ein Architekt die Ursache eines Hauses ist, weil er es zu bauen will. Nun sagt Augustinus (De Doctr. Christ. i, 32): „Weil Gott gut ist, existieren wir.“ Also ist Gott die Ursache der Dinge durch Seine Natur und nicht durch Seinen Willen.
Einwand 4: Ferner gibt es von einem Ding eine Ursache. Aber die Ursache der geschaffenen Dinge ist das Wissen Gottes, wie zuvor gesagt (Frage [14], Artikel [8]). Also kann der Wille Gottes nicht als die Ursache der Dinge betrachtet werden.
Dagegen spricht, dass gesagt wird (Weish 11,26): „Wie könnte etwas bestehen, wenn Du es nicht wolltest?“
Ich antworte darauf, dass wir festhalten müssen, dass der Wille Gottes die Ursache der Dinge ist; und dass Er durch den Willen handelt und nicht, wie einige angenommen haben, durch eine Notwendigkeit Seiner Natur.
Dies kann auf drei Weisen gezeigt werden: Erstens aus der Ordnung der wirkenden Ursachen selbst. Da sowohl Verstand als auch Natur auf ein Ziel hin wirken, wie in Phys. ii, 49 bewiesen, muss dem natürlichen Agens das Ziel und die notwendigen Mittel durch einen höheren Verstand vorherbestimmt sein; wie das Ziel und die bestimmte Bewegung für den Pfeil durch den Schützen vorherbestimmt ist. Daher muss das intellektuelle und freiwillige Agens dem Agens vorausgehen, das durch Natur handelt. Da also Gott der Erste in der Ordnung der Handelnden ist, muss Er durch Verstand und Willen handeln.
Dies wird zweitens aus dem Charakter eines natürlichen Agens gezeigt, dessen Eigenschaft es ist, ein und dieselbe Wirkung hervorzubringen; denn die Natur wirkt auf ein und dieselbe Weise, wenn sie nicht gehindert wird. Dies liegt daran, dass die Natur des Aktes der Natur des Agens entspricht; und daher, solange es diese Natur hat, werden seine Akte in Übereinstimmung mit dieser Natur sein; denn jedes natürliche Agens hat ein bestimmtes Sein. Da nun das göttliche Sein unbestimmt ist und in sich selbst die volle Vollkommenheit des Seins enthält, kann es nicht sein, dass Er durch eine Notwendigkeit Seiner Natur handelt, es sei denn, Er würde etwas Unbestimmtes und Indefinites im Sein verursachen: und dass dies unmöglich ist, wurde bereits gezeigt (Frage [7], Artikel [2]). Er handelt daher nicht durch eine Notwendigkeit Seiner Natur, sondern bestimmte Wirkungen gehen aus Seiner eigenen unendlichen Vollkommenheit gemäß der Bestimmung Seines Willens und Verstandes hervor.
Drittens wird es durch die Beziehung der Wirkungen zu ihrer Ursache gezeigt. Denn Wirkungen gehen von dem Agens aus, das sie verursacht, insofern sie im Agens präexistieren; da jedes Agens seinesgleichen hervorbringt. Nun präexistieren Wirkungen in ihrer Ursache nach der Weise der Ursache. Da also das göttliche Sein Sein eigener Verstand ist, präexistieren Wirkungen in Ihm nach der Weise des Verstandes und gehen daher von Ihm nach derselben Weise aus. Folglich gehen sie von Ihm nach der Weise des Willens aus, denn Seine Neigung, das in den Akt zu setzen, was Sein Verstand konzipiert hat, gehört zum Willen. Daher ist der Wille Gottes die Ursache der Dinge.
Antwort auf Einwand 1: Dionysius beabsichtigt mit diesen Worten nicht, die Auswahl bei Gott absolut auszuschließen; sondern nur in einem gewissen Sinne, insofern Er nämlich Seine Güte nicht bloß bestimmten Dingen mitteilt, sondern allen; und da Auswahl eine gewisse Unterscheidung impliziert.
Antwort auf Einwand 2: Weil das Wesen Gottes Sein Verstand und Wille ist, folgt aus der Tatsache, dass Er durch Sein Wesen handelt, dass Er nach der Weise von Verstand und Wille handelt.
Antwort auf Einwand 3: Das Gute ist der Gegenstand des Willens. Die Worte „Weil Gott gut ist, existieren wir“ sind daher wahr, insofern Seine Güte der Grund Seines Wollens aller anderen Dinge ist, wie zuvor gesagt (Artikel [2], zu 2).
Antwort auf Einwand 4: Selbst in uns ist die Ursache ein und derselben Wirkung das Wissen als lenkend, wodurch die Form des Werkes konzipiert wird, und der Wille als befehlend, da die Form, wie sie nur im Verstand ist, nicht dazu bestimmt ist, in der Wirkung zu existieren oder nicht zu existieren, außer durch den Willen. Daher hat der spekulative Verstand nichts mit dem Handeln zu tun. Aber die Kraft ist Ursache als die Wirkung ausführend, da sie das unmittelbare Prinzip der Handlung bezeichnet. Aber in Gott sind alle diese Dinge eins.