III, q. 84 a. 6
Ob die Buße eine zweite Rettungsplanke nach dem Schiffbruch ist?
Quaestio 84 · Vom Sakrament der Buße
1. Einwand: Es scheint, dass die Buße keine zweite Rettungsplanke nach dem Schiffbruch ist. Denn zu Jes 3,9: „Sie haben ihre Sünde wie Sodom öffentlich verkündet“, sagt eine Glosse: „Die zweite Planke nach dem Schiffbruch ist, seine Sünden zu verbergen.“ Nun verbirgt die Buße Sünden nicht, sondern offenbart sie. Also ist die Buße keine zweite Planke.
2. Einwand: Ferner nimmt in einem Gebäude das Fundament den ersten, nicht den zweiten Platz ein. Nun ist im geistlichen Bauwerk die Buße das Fundament, gemäß Hebr 6,1: „Nicht wieder das Fundament der Buße von toten Werken legend“; weshalb sie sogar der Taufe vorausgeht, gemäß Apg 2,38: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen.“ Daher sollte die Buße nicht als zweite Planke bezeichnet werden.
3. Einwand: Ferner sind alle Sakramente Planken, d. h. Hilfen gegen die Sünde. Nun nimmt die Buße nicht den zweiten, sondern den vierten Platz unter den Sakramenten ein, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Quaestio [65], Artikel [1], 2). Daher sollte die Buße nicht als zweite Planke nach dem Schiffbruch bezeichnet werden.
Dagegen spricht, dass Hieronymus sagt (Ep. cxxx), dass „die Buße eine zweite Planke nach dem Schiffbruch ist.“
Ich antworte darauf, dass das, was aus sich selbst ist, von Natur aus dem vorausgeht, was akzidentell ist, wie die Substanz dem Akzidens vorausgeht. Nun sind einige Sakramente aus sich selbst zum Heil des Menschen geordnet, z. B. die Taufe, die die geistliche Geburt ist, die Firmung, die das geistliche Wachstum ist, die Eucharistie, die die geistliche Speise ist; wohingegen die Buße gleichsam akzidentell zum Heil des Menschen geordnet ist, und unter einer Voraussetzung, nämlich der Sünde: denn wenn der Mensch nicht tatsächlich sündigen würde, bedürfte er der Buße nicht, und doch würde er der Taufe, der Firmung und der Eucharistie bedürfen; so wie im Leben des Körpers der Mensch keiner medizinischen Behandlung bedürfte, wenn er nicht krank wäre, und doch Leben, Geburt, Wachstum und Nahrung für den Menschen aus sich selbst notwendig sind.
Folglich nimmt die Buße den zweiten Platz ein in Bezug auf den Zustand der Integrität, der durch die genannten Sakramente verliehen und bewahrt wird, so dass sie metaphorisch „eine zweite Planke nach dem Schiffbruch“ genannt wird. Denn so wie die erste Hilfe für jene, die das Meer überqueren, darin besteht, in einem ganzen Schiff bewahrt zu werden, während die zweite Hilfe, wenn das Schiff Schiffbruch erleidet, darin besteht, sich an eine Planke zu klammern; so ist auch die erste Hilfe in diesem Ozean des Lebens, dass der Mensch seine Integrität bewahrt, während die zweite Hilfe ist, wenn er seine Integrität durch Sünde verliert, dass er sie mittels der Buße wiedererlangt.
Antwort auf den 1. Einwand: Seine Sünden zu verbergen kann auf zwei Arten geschehen: erstens im eigentlichen Akt des Sündigens. Nun ist es schlimmer, öffentlich zu sündigen als im Privaten, sowohl weil ein öffentlicher Sünder mehr aus Verachtung zu sündigen scheint, als auch weil er durch das Sündigen anderen Ärgernis gibt. Folglich ist es bei der Sünde eine Art Heilmittel, heimlich zu sündigen, und in diesem Sinne sagt die Glosse, dass „seine Sünden zu verbergen eine zweite Planke nach dem Schiffbruch ist“; nicht dass es die Sünde wegnimmt, wie die Buße es tut, sondern weil es die Sünde weniger schwerwiegend macht. Zweitens verbirgt man seine zuvor begangene Sünde, indem man es versäumt, sie zu beichten: dies steht im Gegensatz zur Buße, und seine Sünden so zu verbergen ist keine zweite Planke, sondern das Gegenteil, da geschrieben steht (Spr 28,13): „Wer seine Sünden verbirgt, wird kein Gedeihen haben.“
Antwort auf den 2. Einwand: Die Buße kann nicht schlechthin als das Fundament des geistlichen Bauwerks bezeichnet werden, d. h. im ersten Bau desselben; aber sie ist das Fundament im zweiten Bau, der durch die Vernichtung der Sünde vollzogen wird, weil der Mensch bei seiner Rückkehr zu Gott zuerst der Buße bedarf. Jedoch spricht der Apostel dort vom Fundament der geistlichen Lehre. Zudem ist die Buße, die der Taufe vorausgeht, nicht das Sakrament der Buße.
Antwort auf den 3. Einwand: Die drei Sakramente, die der Buße vorausgehen, beziehen sich auf das Schiff in seiner Integrität, d. h. auf den Zustand der Integrität des Menschen, in Bezug auf den die Buße als zweite Planke bezeichnet wird.