III, q. 69 a. 4
Ob dem Menschen durch die Taufe Gnade und Tugenden verliehen werden?
Quaestio 69 · Von den Wirkungen der Taufe
Einwand 1: Es scheint, dass dem Menschen durch die Taufe Gnade und Tugenden nicht verliehen werden. Denn wie oben gesagt (Quaestio [62], Artikel [1], ad 1), bewirken die Sakramente des Neuen Gesetzes, "was sie bezeichnen". Die Taufwaschung bezeichnet aber die Reinigung der Seele von der Schuld, und nicht die Ausstattung der Seele mit Gnade und Tugenden. Also scheint es, dass Gnade und Tugenden dem Menschen durch die Taufe nicht verliehen werden.
Einwand 2: Ferner braucht man nicht zu empfangen, was man bereits erworben hat. Aber manche treten zur Taufe hinzu, die bereits Gnade und Tugenden haben: so lesen wir (Apg 10,1.2): "Es war ein gewisser Mann in Cäsarea namens Kornelius, ein Hauptmann der sogenannten Italischen Kohorte, ein religiöser und gottesfürchtiger Mann"; der dennoch danach von Petrus getauft wurde. Also werden Gnade und Tugenden nicht durch die Taufe verliehen.
Einwand 3: Ferner ist Tugend ein Habitus: der definiert wird als eine "Qualität, die nicht leicht entfernt wird, durch die man leicht und lustvoll handeln kann." Aber nach der Taufe behält der Mensch die Neigung zum Bösen, welche die Tugend entfernt; und empfindet Schwierigkeit beim Gutestun, worin der Akt der Tugend besteht. Also erwirbt der Mensch in der Taufe nicht Gnade und Tugend.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Tit 3,5.6): "Er rettete uns durch das Bad der Wiedergeburt", d.h. durch die Taufe, "und die Erneuerung im Heiligen Geist, den er reichlich über uns ausgegossen hat", d.h. "zum Erlass der Sünden und zur Fülle der Tugenden", wie eine Glosse auslegt. Also werden die Gnade des Heiligen Geistes und die Fülle der Tugenden in der Taufe gegeben.
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus im Buch über die Kindertaufe (De Pecc. Merit. et Remiss. i) sagt, "die Wirkung der Taufe ist, dass die Getauften Christus als seine Glieder eingegliedert werden." Nun fließt die Fülle der Gnade und der Tugenden von Christus, dem Haupt, auf alle seine Glieder über, gemäß Joh 1,16: "Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen." Daher ist klar, dass der Mensch in der Taufe Gnade und Tugenden empfängt.
Antwort auf Einwand 1: Wie das Taufwasser durch seine Reinigung das Abwaschen der Schuld bezeichnet und durch seine Erfrischung den Erlass der Strafe, so bezeichnet es durch seine natürliche Klarheit den Glanz der Gnade und der Tugenden.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben gesagt (Artikel [1], ad 2; Quaestio [68], Artikel [2]), empfängt der Mensch die Vergebung der Sünden vor der Taufe, insofern er die Begierde-Taufe hat, ausdrücklich oder eingeschlossen; und doch empfängt er, wenn er tatsächlich die Taufe empfängt, einen volleren Erlass, was den Erlass der gesamten Strafe betrifft. So empfingen auch Kornelius und andere wie er vor der Taufe Gnade und Tugenden durch ihren Glauben an Christus und ihre Begierde nach der Taufe, eingeschlossen oder ausdrücklich: aber danach, wenn sie getauft sind, empfangen sie eine noch größere Fülle an Gnade und Tugenden. Daher sagt eine Glosse zu Ps 22,2 ("Er hat mich auf das Wasser der Erfrischung geführt"): "Er hat uns durch eine Zunahme an Tugend und guten Werken in der Taufe hinaufgeführt."
Antwort auf Einwand 3: Schwierigkeit beim Gutestun und Neigung zum Bösen sind in den Getauften nicht wegen des Fehlens der Tugendhabitus, sondern wegen der Begehrlichkeit, die in der Taufe nicht weggenommen wird. Aber so wie die Begehrlichkeit durch die Taufe vermindert wird, so dass sie uns nicht versklavt, so werden auch die beiden genannten Mängel vermindert, damit der Mensch nicht von ihnen überwunden werde.