III, q. 69 a. 6
Ob Kinder in der Taufe Gnade und Tugend empfangen?
Quaestio 69 · Von den Wirkungen der Taufe
Einwand 1: Es scheint, dass Kinder in der Taufe Gnade und Tugenden nicht empfangen. Denn Gnade und Tugenden werden nicht ohne Glaube und Liebe besessen. Aber der Glaube, wie Augustinus sagt (Ep. xcviii), "hängt vom Willen des Gläubigen ab": und in gleicher Weise hängt die Liebe vom Willen des Liebenden ab. Nun haben Kinder nicht den Gebrauch des Willens, und folglich haben sie weder Glaube noch Liebe. Also empfangen Kinder in der Taufe Gnade und Tugenden nicht.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus zu Joh 14,12 ("Größeres als dies wird er tun"), dass, damit der Gottlose gerecht gemacht werde, "Christus in ihm wirkt, aber nicht ohne ihn." Aber ein Kind wirkt, da es nicht den Gebrauch des freien Willens hat, nicht mit Christus zu seiner Rechtfertigung zusammen: ja zuweilen tut es sein Bestes, um Widerstand zu leisten. Also wird es nicht durch Gnade und Tugenden gerechtfertigt.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Röm 4,5): "Dem aber, der nicht wirkt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet nach dem Vorsatz der Gnade Gottes." Aber ein Kind glaubt nicht "an den, der den Gottlosen rechtfertigt". Also empfängt ein Kind weder heiligmachende Gnade noch Tugenden.
Einwand 4: Ferner scheint das, was mit einer fleischlichen Absicht getan wird, keine geistliche Wirkung zu haben. Aber manchmal werden Kinder mit einer fleischlichen Absicht zur Taufe gebracht, nämlich damit ihre Körper geheilt werden. Also empfangen sie nicht die geistliche Wirkung, die in Gnade und Tugend besteht.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Enchiridion lii): "Wenn kleine Kinder getauft werden, sterben sie jener Sünde ab, die sie bei der Geburt zugezogen haben: so dass auch auf sie die Worte angewendet werden können: 'Wir sind mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod'": (und er fährt so fort) "'damit wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferstanden ist, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln mögen.'" Nun geschieht Neuheit des Lebens durch Gnade und Tugenden. Also empfangen Kinder in der Taufe Gnade und Tugenden.
Ich antworte darauf, dass einige der frühen Schriftsteller die Meinung vertraten, dass Kinder in der Taufe Gnade und Tugenden nicht empfangen, sondern dass sie das Merkmal (character) Christi empfangen, durch dessen Kraft sie Gnade und Tugend empfangen, wenn sie im vollkommenen Alter ankommen. Aber dies ist offensichtlich falsch, aus zwei Gründen. Erstens, weil Kinder wie Erwachsene in der Taufe zu Gliedern Christi gemacht werden; daher müssen sie notwendigerweise einen Zufluss von Gnade und Tugenden vom Haupt empfangen. Zweitens, weil, wenn dies wahr wäre, Kinder, die nach der Taufe sterben, nicht zum ewigen Leben kämen; da gemäß Röm 6,23 "die Gnade Gottes das ewige Leben ist". Und folglich hätte die Taufe ihnen nicht zum Heil genützt.
Nun war die Quelle ihres Irrtums, dass sie den Unterschied zwischen Habitus und Akt nicht erkannten. Und so dachten sie, da sie sahen, dass Kinder zu Akten der Tugend unfähig sind, dass diese nach der Taufe überhaupt keine Tugenden hätten. Aber diese Unfähigkeit der Kinder zu handeln liegt nicht am Fehlen von Habitus, sondern an einem Hindernis seitens des Körpers: so ist auch ein Mensch, wenn er schläft, obwohl er die Habitus der Tugend haben mag, doch an tugendhaften Akten gehindert, weil er schläft.
Antwort auf Einwand 1: Glaube und Liebe hängen vom Willen des Menschen ab, doch so, dass die Habitus dieser und anderer Tugenden die Kraft des Willens erfordern, die in Kindern ist; wohingegen Akte der Tugend einen Akt des Willens erfordern, der nicht in Kindern ist. In diesem Sinne sagt Augustinus im Buch über die Kindertaufe (Ep. xcviii): "Das kleine Kind wird gläubig gemacht, noch nicht durch jenen Glauben, der vom Willen des Gläubigen abhängt, sondern durch das Sakrament des Glaubens selbst", welches den Habitus des Glaubens verursacht.
Antwort auf Einwand 2: Wie Augustinus in seinem Buch über die Liebe (Ep. Joan. ad Parth. iii) sagt: "Kein Mensch wird unfreiwillig aus Wasser und dem Heiligen Geist geboren, was nicht von kleinen Kindern, sondern von Erwachsenen zu verstehen ist." In gleicher Weise müssen wir als auf Erwachsene zutreffend verstehen, dass der Mensch "ohne sich selbst nicht von Christus gerechtfertigt wird". Überdies, wenn kleine Kinder, die getauft werden sollen, so sehr widerstehen, wie sie können, "wird ihnen dies nicht angerechnet, da sie so wenig wissen, was sie tun, dass sie es gar nicht zu tun scheinen": wie Augustinus in einem Buch über die Gegenwart Gottes an Dardanus sagt (Ep. clxxxvii).
Antwort auf Einwand 3: Wie Augustinus sagt (Serm. clxxvi): "Die Mutter Kirche leiht den kleinen Kindern andere Füße, damit sie kommen; ein anderes Herz, damit sie glauben; eine andere Zunge, damit sie bekennen." So dass Kinder glauben, nicht durch ihren eigenen Akt, sondern durch den Glauben der Kirche, der auf sie angewendet wird: durch die Kraft dieses Glaubens werden ihnen Gnade und Tugenden verliehen.
Antwort auf Einwand 4: Die fleischliche Absicht jener, die Kinder zur Taufe bringen, schadet letzteren nicht, wie auch die Sünde eines anderen einem anderen nicht schadet, es sei denn, er stimmt zu. Daher sagt Augustinus in seinem Brief an Bonifatius (Ep. xcviii): "Sei nicht beunruhigt, weil einige Kinder zur Taufe bringen, nicht in der Hoffnung, dass sie durch die geistliche Gnade zum ewigen Leben wiedergeboren werden, sondern weil sie denken, es sei ein Heilmittel, wodurch sie die Gesundheit bewahren oder wiedererlangen können. Denn sie werden der Wiedergeburt nicht beraubt, weil sie nicht in dieser Absicht gebracht werden."