III, q. 69 a. 1
Ob durch die Taufe alle Sünden weggenommen werden?
Quaestio 69 · Von den Wirkungen der Taufe
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle Sünden durch die Taufe weggenommen werden. Denn die Taufe ist eine geistige Wiedergeburt, die der fleischlichen Zeugung entspricht. Durch die fleischliche Zeugung aber zieht sich der Mensch nichts als die Erbsünde zu. Also wird durch die Taufe nichts als die Erbsünde weggenommen.
Einwand 2: Ferner ist die Buße eine hinreichende Ursache für den Nachlass der aktuellen Sünden (Tatsünden). Aber Buße wird bei Erwachsenen vor der Taufe verlangt, gemäß Apg 2,38: "Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen." Also hat die Taufe nichts mit dem Nachlass der aktuellen Sünden zu tun.
Einwand 3: Ferner verlangen verschiedene Krankheiten verschiedene Heilmittel: denn wie Hieronymus zu Mk 9,27.28 sagt: "Was die Ferse heilt, heilt nicht das Auge." Aber die Erbsünde, die durch die Taufe weggenommen wird, ist der Gattung nach verschieden von der aktuellen Sünde. Also werden nicht alle Sünden durch die Taufe weggenommen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ez 36,25): "Ich werde reines Wasser über euch gießen, und ihr werdet gereinigt sein von all eurem Unflat."
Ich antworte darauf, dass, wie der Apostel sagt (Röm 6,3): "Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft." Und weiter unten folgert er (Röm 6,11): "So sollt auch ihr euch als Menschen ansehen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus, unserem Herrn." Daraus erhellt, dass der Mensch durch die Taufe der Veralterung der Sünde stirbt und der Neuheit der Gnade zu leben beginnt. Jede Sünde aber gehört zur ursprünglichen Veralterung. Folglich wird jede Sünde durch die Taufe weggenommen.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Apostel sagt (Röm 5,15.16), reichte die Sünde Adams nicht so weit wie die Gabe Christi, die in der Taufe verliehen wird: "Denn das Urteil führte von dem Einen zur Verdammnis; die Gnade aber führt von vielen Übertretungen zur Rechtfertigung." Daher sagt Augustinus in seinem Buch über die Kindertaufe (De Pecc. Merit. et Remiss. i), dass "bei der fleischlichen Zeugung nur die Erbsünde zugezogen wird; wenn wir aber aus dem Geist wiedergeboren werden, wird nicht nur die Erbsünde, sondern auch die willentliche Sünde vergeben."
Antwort auf Einwand 2: Keine Sünde kann vergeben werden außer durch die Kraft des Leidens Christi: daher sagt der Apostel (Hebr 9,22), dass "ohne Blutvergießen keine Vergebung geschieht." Folglich genügt keine Regung des menschlichen Willens für den Nachlass der Sünde, es sei denn, es ist der Glaube an das Leiden Christi da und der Vorsatz, daran teilzunehmen, entweder durch den Empfang der Taufe oder durch die Unterwerfung unter die Schlüssel der Kirche. Daher empfängt ein Erwachsener, wenn er zur Taufe hinzutritt, zwar die Vergebung all seiner Sünden durch seinen Vorsatz, getauft zu werden, aber vollkommener durch den tatsächlichen Empfang der Taufe.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument gilt für spezielle Heilmittel. Die Taufe aber wirkt durch die Kraft des Leidens Christi, welches das universale Heilmittel für alle Sünden ist; und so werden durch die Taufe alle Sünden gelöst.