III, q. 15 a. 8
Ob in Christus Verwunderung war?
Quaestio 15 · Von den Mängeln der Seele, die Christus angenommen hat
Einwand 1: Es scheint, dass in Christus keine Verwunderung war. Denn der Philosoph sagt (Metaph. i, 2), dass Verwunderung entsteht, wenn wir eine Wirkung sehen, ohne ihre Ursache zu kennen; und so gehört Verwunderung nur den Unwissenden. Nun war keine Unwissenheit in Christus, wie in Artikel [3] gesagt wurde. Also war keine Verwunderung in Christus.
Einwand 2: Ferner sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 15), dass „Verwunderung Furcht ist, die aus der Vorstellung von etwas Großem entspringt“; und daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 3), dass der „hochherzige Mann sich nicht wundert.“ Aber Christus war höchst hochherzig. Also war keine Verwunderung in Christus.
Einwand 3: Ferner wundert sich kein Mensch über das, was er selbst tun kann. Nun konnte Christus alles tun, was groß war. Daher scheint es, dass er sich über nichts wunderte.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 8,10): „Als Jesus dies hörte“, d. h. die Worte des Hauptmanns, „wunderte er sich.“
Ich antworte darauf, dass Verwunderung eigentlich das betrifft, was neu und ungewohnt ist. Nun konnte nichts neu und ungewohnt sein hinsichtlich des göttlichen Wissens Christi, wodurch er die Dinge im Wort sah; noch hinsichtlich des menschlichen Wissens, wodurch er die Dinge durch eingegossene Spezies sah. Doch konnten Dinge neu und ungewohnt sein in Bezug auf sein Erfahrungswissen, in Bezug auf welches ihm Tag für Tag neue Dinge begegnen konnten. Daher, wenn wir von Christus in Bezug auf sein göttliches Wissen und sein beseligendes und sogar sein eingegossenes Wissen sprechen, war keine Verwunderung in Christus. Aber wenn wir von ihm in Bezug auf das Erfahrungswissen sprechen, konnte Verwunderung in ihm sein; und er nahm diesen Affekt zu unserer Belehrung an, d. h. um uns zu lehren, uns über das zu wundern, worüber er selbst sich wunderte. Daher sagt Augustinus (Super Gen. Cont. Manich. i, 8): „Unser Herr wunderte sich, um uns zu zeigen, dass wir, die wir noch so bewegt werden müssen, uns wundern müssen. Daher sind all diese Regungen nicht Zeichen eines gestörten Geistes, sondern eines lehrenden Meisters.“
Antwort auf Einwand 1: Obwohl Christus nichts unbekannt war, konnten doch neue Dinge seinem Erfahrungswissen begegnen, und so würde Verwunderung verursacht.
Antwort auf Einwand 2: Christus wunderte sich nicht über den Glauben des Hauptmanns, als ob er groß wäre in Bezug auf ihn selbst, sondern weil er groß war in Bezug auf andere.
Antwort auf Einwand 3: Er konnte alle Dinge durch die göttliche Macht tun, denn in Bezug auf diese war keine Verwunderung in ihm, sondern nur in Bezug auf sein menschliches Erfahrungswissen, wie oben gesagt wurde.